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PINA-TANZFILM VON WIM WENDERS

Donata Wenders

Donata Wenders

Tanzt, tanzt, sonst sind wir verloren – so lautet der Untertitel der filmischen Hommage von Wim Wenders (2011) an die „Erfinderin einer neuen Kunst“, wie er Pina Bausch nannte, eine Frau, die mit ihren Tänzern eine neue Körpersprache erfand, fernab vom klassischen Ballett. Brillante und wagemutige Aufnahmen in 3D zeigen Tanz, wie er noch nie zuvor in einem Film zu sehen war. Die aufregendsten Passagen geben dem Zuschauer das Gefühl, mitten unter den Tänzern auf der Bühne zu sein. Dann wieder meint man, im Parkett des Wuppertaler Theaters zu sitzen, und zwar in der ersten Reihe, bedroht von den umherfliegenden Schweißtropfen der Tänzer, die der Film wie glitzernde Perlen in der Luft einfängt. Drei von Bauschs berühmtesten, älteren Stücken zeigt Wim Wenders’ Film in Ausschnitten: „Le Sacre du Printemps“, „Café Müller“ und „Kontakthof“ sowie Ausschnitte eines ihrer letzten Tanztheaterabende, „Vollmond“.

 

Der Schock sitzt tief. Die gesamte Konzeption des Films hat der Regisseur gemeinsam mit der befreundeten Choreografin erarbeitet. Als Pina Bausch wenige Wochen vor Drehbeginn im Alter von 69 Jahren überraschend stirbt, fasst Wenders wider Erwarten den Mut, gemeinsam mit den Tänzern das Konzept zu ändern und eine Hommage an Pina Bausch zu schaffen. Der Schock, unter dem Ensemble, Freunde, Familie und Verehrer weltweit stehen, wird neben dem Tanz zum zweiten Thema des Films. Wenders und Bausch hatten über dieses Filmprojekt gesprochen, immer wieder. Die Choreografin wollte ihr Werk, ihr Erbe bewahren und wünschte sich, wie ihr Sohn Salomon Bausch erzählt, eine Stiftung. Unter seiner Leitung arbeitet heute die Pina Bausch Stiftung an der Archivierung von insgesamt 46 Stücken, initiiert und unterstützt wissenschaftliche Projekte und setzt alles daran, das Werk der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Und lebendig zu halten: So werden derzeit etwa 7.500 Videobänder von Proben und Vorstellungen digitalisiert. Wenn sich neue Tänzer die Rollen erarbeiteten, seien Filmaufnahmen von Probenprozessen wichtig, so Salomon Bausch, „denn viele Dinge lassen sich nicht in Worte fassen“.

 

Eine neue Ära bricht an. Während die Stiftung seit 2010 das Erbe in die Zukunft trägt, sind im Frühling dieses Jahres beim Tanztheater Wuppertal durchgreifende Veränderungen vorgenommen worden – die ersten seit Pina Bauschs Tod. Anstelle von Dramaturg Robert Sturm und Tänzer Dominique Mercy – die 2009 ein schweres Erbe angetreten hatten – wurde einer der bekanntesten Protagonisten Bauschs und Tänzer der ersten Stunde zum künstlerischen Leiter berufen: Lutz Förster. Es kommen einige Pflichten auf ihn zu: Der Leiter entscheidet nicht nur über Repertoire, Spielplan, Besetzungen und Gastspiele, sondern muss auch so oft wie möglich bei den Proben anwesend sein. Förster macht im Gespräch einen entspann-ten Eindruck, bei aller Arbeit müsse er „nicht das Rad neu erfinden“. Ernst wird er, wenn es um die Zukunft des Tanztheaters Wuppertal geht. Der Kompanie fehle Geld, um neue Stellen zu schaffen. Das sei aber dringend nötig, denn viele Tänzer erreichten ein Alter, in dem sie nach und nach ihre Rollen an Jüngere übergeben müssten.

 

Das Erbe lebt weiter. Einer derjenigen, die bleiben und den Übergang mitgestalten möchten, ist der Tänzer Michael Strecker. Als Pina ihn engagierte, war er 30 Jahre alt. Seither sind 16 Jahre vergangen. Er hebe seine Partnerinnen gerne und viel in seinen Rollen, sagt Strecker, aber das werde jetzt langsam schwierig. In „Vollmond“ führt Strecker hingegen einen erotischen Trick vor, bei dem es nicht auf Körperkraft ankommt: Mit dem denkbar sachlichsten Gesichtsausdruck verbessert er seine Zeit im BH-Öffnen ohne hinzuschauen – von 20 Sekunden auf eine. Strecker selbst war Teil eines Generationenwechsels, als er damals in der Kompanie anfing. Jetzt zu gehen, würde ihm nicht einfallen. Etwas Neues hat er gleichwohl begonnen. Mit seiner Tanzkollegin Nazareth Panadero tritt er in Wuppertal in eigenen kleinen Stücken auf. Doch nicht nur den anstehenden sanften Übergang von einer Generation zur nächsten gilt es beim Tanztheater Wuppertal zu gestalten. Man ist auch übereingekommen, neben der Bewahrung des Erbes von Pina Bausch eine Öffnung zur Gegenwart des Tanzes zu wagen. Mit einem Team von Beratern soll bis zum Herbst ein Konzept entwickelt werden, das die Kompanie in die Zukunft führen soll. 2015 wird eine erste choreografische Uraufführung im Tanztheater Wuppertal stattfinden – das noch nie zuvor mit einem fremden Choreografen gearbeitet hat. Außerdem soll es irgendwann möglich sein, dass andere Tanztruppen ein Werk von Pina Bausch in ihr Repertoire übernehmen dürfen. Etwas, das auch Salomon Bausch für das Weiterleben des Erbes seiner Mutter für unerlässlich hält.

 

WIEBKE HÜSTER FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE-GASTAUTORIN: WIEBKE HÜSTER IST TANZKRITIKERIN DER „FAZ“. IHR BLOG HEIßT „AUFFORDERUNG ZUM TANZ“

 

 

ARTE PLUS

 

BUCHTIPPS

Donata und Wim Wenders: „Pina – Der Film und die Tänzer“ (Schirmer/Mosel 2012).
Mit einem Text von Wim Wenders und Fotografien von Donata Wenders,
die während der Dreharbeiten entstanden

 

BIOGRAFIE PINA BAUSCH

Philippina Bausch wird 1940 in Solingen geboren. Mit 14 Jahren macht sie eine Ausbildung an der Essener Folkwang-Hochschule. 1958 geht sie für zwei Jahre nach New York. Danach
arbeitet sie am Folkwang-Ballett, bis sie 1973 Leiterin des Wuppertaler Balletts wird, das sie in Tanztheater umbenennt. Bis 2009 entstehen dort 46 Stücke

 

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„ICH WAR HIN UND WEG“

 

Mit seinem Film „Pina“ setzte er einer der erfolgreichsten Choreografinnen aller Zeiten ein Denkmal. Zu ihrem vierten Todestag spricht Wim Wenders über das Erbe von Pina Bausch.

Wer mit Wim Wenders über Pina Bausch spricht, dem fällt die Unbedingtheit auf, mit der er über seine am 30. Juni 2009 verstorbene Freundin spricht: mit Worten wie „radikal“, „mit Haut und Haar“ oder „Kühnheit“. Der Regisseur und die Choreografin kannten sich 20 Jahre lang, die Idee eines gemeinsamen Tanzfilms ließ sie nie los. Wim Wenders blickt im Interview mit dem ARTE Magazin zurück.

 

ARTE: Was ist das Wichtigste, das Sie von Pina Bausch gelernt haben?
Wim Wenders: Vielleicht hat Pina für mich vor allem etwas bestätigt, nämlich: Daß sich nur das lohnt, was man sowohl mit Liebe als auch mit voller Überzeugung tut. Dafür stand sie, mit Haut und Haar, gegen jede Kritik und gegen jeden Zeitgeschmack. Pina war radikal und hat nur gemacht, was sie tief im Herzen richtig und gut fand. Eine größere Inspiration kann es kaum geben.

ARTE: Mit dem Tanzfilm „Pina“ wollten Sie künstlerisches Neuland betreten – doch dann starb die Choreographin vor Beginn der Dreharbeiten. Was war die größte Herausforderung?
Wim Wenders: Daß Pina selbst nicht mehr dabei war. Wir hatten das Projekt ja gemeinsam konzipiert. Nach ihrem so plötzlichen Tod habe ich den Film zuerst komplett abgesagt. Es schien mir einfach unvorstellbar, ohne Pina weiter zu machen. Wochen später, vor allem durch die Aufmunterung der Tänzer, stand die Idee im Raum, den Film trotzdem zu machen. „Jetzt erst recht“, dachten wir! Der Film sollte eine Hommage an Pina sein – und auch ein Versuch, mit dem Verlust umzugehen.

ARTE: Pina Bausch war jahrzehntelang in Wuppertal verwurzelt, ist ihr Tanztheater typisch deutsch?
Wim Wenders: Ja, das ist etwas sehr Deutsches, was Pina erfunden hat, aber es ist nicht typisch deutsch. Im Gegenteil: Die Kühnheit und Freiheit, mit der Pina eine ganz eigene Poesie der Bewegung begründet hat, erscheint mir vielmehr weltbürgerlich. Sie hat ein neues Kapitel in der Darstellung der Conditio humana aufgeschlagen. Das spiegelt sich auch in Pinas Ensemble wider.

ARTE: Inwiefern?
Wim Wenders: Die Tänzer sind aus aller Herren Länder nach Wuppertal gekommen, um sich dort in etwas zutiefst Regionalem zu verankern. Pina hat aus ihrem Solinger Akzent nie einen Hehl gemacht, und ich bin sicher, daß sie ihr Werk in einer anderen Stadt, etwa einer europäischen Hauptstadt, nicht hätte entwickeln können. Dazu brauchte sie die Ruhe einer Provinzstadt, und auch diese Bescheidenheit, die das Leben in einer kleinen aber feinen Stadt wie Wuppertal mit sich bringt. Pina war eng mit den Menschen in Wuppertal verbunden. Die haben sie geliebt, auch weil sie sich immer zu ihren Wurzeln bekannt hat.

ARTE: Hat Pina Bauschs Kunst Ihre Art, Filme zu machen, beeinflußt?
Wim Wenders: Das erste Stück von Pina, „Café Müller“, sah ich 1984 bei einer Retrospektive in Venedig: Ich war hin und weg, konnte gar nicht genug kriegen von ihren Werken. Das war ein wirklicher Einschnitt in meinem Leben. Ich bin mir sicher, daß ich zwei Jahre später meinen Film „Der Himmel über Berlin“ ohne diesen unbewußten Einfluß so nicht gedreht hätte. Das ist bei weitem der „choreographischste“ Film, den ich je gemacht habe.

ARTE: Was ist für Sie das Erbe von Pina Bausch?
Wim Wenders: Pinas Erbe ist ihr Werk, die über 40 Stücke, die sie hinterlassen hat. Dieses Erbe wird heute von der Pina Bausch Stiftung und vom Tanztheater Wuppertal erfolgreich verwaltet – also weitergegeben. Ich gehe nach wie vor in jede Premiere, auch wenn ich die Stücke schon seit vielen Jahren kenne.

 

WIEBKE HÜSTER FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

Anmerkung der Redaktion: Herr Wenders wünscht, dass das Interview in der alten Rechtschreibung abgedruckt wird. Wir respektieren diesen Wunsch.

 

ARTE PLUS

 

TANZVERGNÜGEN IN 3D

Für alle Zuschauer, die 3D-fähige Fernseher haben: Das 3D-Programm wird auf beiden Astra-Demonstrationskanälen im Side-by-Side-Verfahren gezeigt, auf dem 3D-Kanal von Sky sowie auf dem Sender „3D The Channel“ über die Entertain-Plattform der Deutschen Telekom (zu finden auf einem Kanal zwischen 1 und 3).

Wer kein Fernsehgerät mit 3D-Funktion hat, kann „PINA – Ein Film von Wim Wenders“ natürlich wie gewohnt in 2D und in HD-Qualität sehen

 

Kategorien: Juni 2013