LAND UNTER

Gael Leiblang

Gael Leiblang

 

Fachleute rechnen in den nächsten Jahrzehnten mit Millionen von Klimaflüchtlingen. Was geschieht mit ihnen, wenn ihr Land überflutet oder zur Wüste wird? François Gemenne, Experte für Migration als Folge von Erderwärmung, fordert schnelles Handeln. Ihn und andere Zukunftsforscher trifft der berühmte Designer Philippe Starck in seinem ARTE-Dokumentarfilm „Future by Starck“ – auf der Suche nach den Herausforderungen von morgen. Interview über ein drängendes Thema.

 

ARTE: Wie wird uns der Klimawandel in naher Zukunft konkret betreffen?
FRANÇOIS GEMENNE: Zahlreiche Klimaforscher sagen bis zum Jahr 2100 einen Temperaturanstieg von durchschnittlich vier Grad voraus. Diese Erwärmung wird den Anstieg des Meeresspiegels und die Bildung von Wüsten zur Folge haben. 500 Millionen Menschen könnten bis zum Jahr 2060 von Überschwemmungen betroffen sein, insbesondere in Süd- und Südostasien – in Bangladesch, Indien, Indonesien – und in den kleinen Inselstaaten: Tuvalu, die Malediven, Samoa und Kiribati. Einige Staaten könnten sogar ganz untergehen, was ein Präzedenzfall in der Geschichte der Menschheit wäre. In Afrika südlich der Sahara hingegen werden sich Wüsten ausbreiten. Doch nicht alle Betroffenen werden zwangsläufig migrieren müssen: Alles hängt davon ab, wie die Entwicklung politisch vorbereitet wird.

ARTE: Was kann die Politik heute tun?
FRANÇOIS GEMENNE: Der große Irrtum wäre, auf eine globale Lösung oder ein Patentrezept zu hoffen. Manche Menschen werden ihre Region verlassen, andere nicht, weil ihnen schlichtweg die Möglichkeiten dazu fehlen. Aber jeder Mensch, egal ob er geht oder bleibt, muss in der Lage sein, sich bestmöglich an die neue Situation anzupassen. Wer abwandert, muss andernorts Schutz und Arbeit finden, was strukturelle Anpassungen an den Zielorten erforderlich macht. Regionen, deren Bewohner bleiben, brauchen zum Beispiel Flutschutzmaßnahmen wie Deiche oder Dämme. Dafür sind in Europa die Niederlande das beste Beispiel. Dort werden wahrscheinlich zudem ganze Dörfer von den Küsten ins Landesinnere verlegt werden.

ARTE: Welchen Schutz sieht das humanitäre Völkerrecht für die Betroffenen vor?
FRANÇOIS GEMENNE: Das ist ein juristisches Vakuum. Als die Vereinten Nationen nach dem Zweiten Weltkrieg ein System für den Schutz von Vertriebenen und Flüchtlingen schufen, spielten Umweltfaktoren noch keine Rolle – die Genfer Flüchtlingskonvention greift nur bei Krieg und politischer Verfolgung. Wer von Dürre, Überschwemmungen oder anderen Umweltkatastrophen getroffen wird, ist rechtlich gesehen kein Flüchtling und muss nicht von anderen Staaten aufgenommen werden. Ein neues Abkommen scheint schwierig, denn die internationale Gemeinschaft zeigt sich sehr zögerlich. Daher brachten im Herbst 2012 Norwegen und die Schweiz gemeinsam mit Australien, Bangladesch, Costa Rica und Mexiko eine globale Kampagne, die Nansen-Initiative, auf den Weg. Ihr Ziel ist es, erstmals eine Agenda zum Schutz von Klimaflüchtlingen zu erstellen – eine Art moralisches Engagement dieser Länder.

ARTE: Sollte das Problem auf internationaler Ebene gelöst werden?
FRANÇOIS GEMENNE: Ja und nein. Die meisten Menschen werden innerhalb ihres Heimatlandes umsiedeln, weshalb wir beides brauchen: nationale Lösungsmodelle und internationale Strukturen der Zusammenarbeit und Justiz. Die meisten Betroffenen stammen aus Entwicklungsländern. Sie brauchen Hilfe bei der Umsetzung vor Ort.

ARTE: Wer wird die Kosten dafür übernehmen?
FRANÇOIS GEMENNE: Der Grüne Klimafonds der Vereinten Nationen hat seit 2010 offiziell Programme der Umsiedlung aufgenommen. Doch in Wirklichkeit möchte niemand zahlen – eine Blockadehaltung der Weltgemeinschaft. Wir brauchen daher dringend alternative Finanzierungsmodelle.

ARTE: Venedig baut ein umfassendes Hochwasserschutzsystem. Ein Modell für andere Länder?
FRANÇOIS GEMENNE: Sicher. Aber diese Erhaltungslogik, für Venedig gerechtfertigt durch das Kulturerbe der Stadt, kostet viel Geld. Für einzelne Standorte mag das funktionieren, weltweit aber nicht. Wir brauchen eine Entscheidung: Welche Gebiete sollen geschützt werden? Bald werden wir über die geografische Verteilung der Weltbevölkerung sprechen müssen – eine Debatte, zu der niemand bereit ist, denn die kleinste Migrationsbewegung schafft Spannungen in Fragen nationaler Identität.

 

INTERVIEW: SYLVIE DAUVILLIER FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

BUCH-TIPPS

Stephan Pillwein: „Climate Refugees: Klimawandel und Migration am Beispiel des Inselstaats Tuvalu im Pazifik“ (Diplomica 2013); Stiftung Entwicklung und Frieden: „Globale Trends 2013: Frieden – Entwicklung – Umwelt“ (Fischer Taschenbuch Verlag 2012);
Harald Welzer: „Klimakriege: Wofür im 21. Jahrhundert getötet wird“ (Fischer Taschenbuch Verlag 2012)

 

ARTE INTERVIEW

FRANÇOIS GEMENNE

François Gemenne forscht und lehrt zum Thema
Geopolitik und Migration als Folge des Klimawandels. Er ist u. a. Dozent an der
Hochschule für Politikwissenschaften in Paris,
an der Universität Paris XIII. und an der Freien Universität Brüssel

 

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Kategorien: Juni 2013