HANEKE INSZENIERT MOZART

Javier del Real

Javier del Real

Es sollte knistern und lodern: Allen Brandschutzregeln zum Trotz ließ der österreichische Regisseur Michael Haneke echtes Feuer auf der Bühne für seine „Così fan tutte“-Inszenierung im Februar am Teatro Real in Madrid anzünden. Seine gestalterische Kühnheit zeigt sich auch in der dramatischen Interpretation von Mozarts Oper. Für seinen Realismus international bekannt, wagt sich der 71-jährige Oscargewinner (2013 für „Liebe“) nach „Don Giovanni“ (2006 an der Opéra national de Paris unter Gérard Mortier) nun erneut an eine Oper. Die Handlung: Zwei Freunde wollen ihre Verlobten auf die Probe stellen. Als reiche Albaner verkleidet, versuchen sie, die Frauen zur Untreue zu verführen. ARTE zeigt die Inszenierung am 21. Juni in Erstausstrahlung. Ein Interview mit Haneke über seine Liebe zur Musik.

 

ARTE: Sie haben vor Kurzem verkündet, dass Sie keine Oper mehr inszenieren wollen. Warum?
Michael Haneke: Man soll nie „nie“ sagen, aber prinzipiell ist das richtig, ich werde keine Oper mehr inszenieren. Das nimmt fast so viel Zeit in Anspruch wie ein Film, in dem ich meine eigenen Geschichten erzählen kann. Das liegt mir einfach mehr. Bei der Oper bin ich im Dienste von etwas viel Größerem. Übrigens ein Grund, warum ich auch mit dem Theater aufgehört habe.

ARTE: Dabei haben Sie seit Elfriede Jelineks „Die Klavierspielerin“ (2001) Filme gedreht, die sich mit Stücken aus dem klassischen Theaterrepertoire messen können …
Michael Haneke: Sie scherzen wohl! In 20 Jahren Theater habe ich mich beispielsweise nie getraut, Tschechow zu inszenieren – für mich ein Gott.

ARTE: Nachdem Sie lange Theaterregisseur waren, sind Sie erst spät zum Film und noch später zur Oper
gekommen. Wie kam es dazu?
Michael Haneke: Zum Film kam ich mit 46 Jahren. Eine Operninszenierung hatte mir vor Gérard Mortier noch niemand angeboten, und da mein Berufsleben glücklicherweise stets gut ausgefüllt war, stellte sich für mich nie die Frage. Ich liebe Musik, aber ich höre Opern am liebsten zu Hause, denn die Inszenierungen enttäuschen mich oft. Natürlich gibt es Ausnahmen: Den „Ring“ von Patrice Chéreau und Pierre Boulez in Bayreuth habe ich zum Beispiel uneingeschränkt bewundert, genau wie die wunderbaren Salzburger Produktionen von Herbert Wernicke.

ARTE: Die beiden Mozart-Opern „Don Giovanni“ und „Così fan tutte“, die Sie bereits inszeniert haben, sind recht bitter. Würden Sie nicht gerne auch einmal eine „Zauberflöte“ inszenieren? Oder haben Sie ein Problem mit Optimismus?
Michael Haneke: Die Komödie ist nichts für mich. Mein einziger Misserfolg am Theater war eine Komödie von Eugène Labiche, ein Fehlgriff, das wusste ich sofort. An die „Zauberflöte“ würde ich mich nie heranwagen. Man muss eine Bilderwelt erfinden und dafür ein Bühnenbildner wie Herbert Wernicke sein. Ich bin ein eher realistischer Bühnenregisseur, die tragischen Opern von Mozart und Da Ponte liegen mir deshalb mehr.

ARTE: Trotzdem neigen Sie dazu, in Ihren Inzenierungen Situationen neu zu schreiben …
Michael Haneke: Ich bewundere natürlich die Opern von Mozart, aber die Charaktere in „Così fan tutte“ legen eine unglaubwürdige Naivität an den Tag. Ich musste mir also etwas Neues überlegen. Zum Beispiel, wenn Dorabella und Fiordiligi [die auf die Probe gestellten Frauen, Anm. d. Red.] am Anfang die Medaillons mit dem Porträt ihrer Verlobten betrachten und seufzen: „Ach, wie gut sie doch aussehen!“, das fand ich schon immer dämlich! Die Musik ist gut, aber das Libretto mittelmäßig. Was ich mit Despina [dem intriganten Hausmädchen, Anm. d. Red.] gemacht habe, erscheint mir interessanter, denn mit einer Beziehungsdiskussion erreicht man eine andere Ebene.

ARTE: Sei es beim Terzett „Soave sia il vento“ im ersten Akt oder beim Duett mit Chor und Bläsern „Secondate, aurette amiche“ im zweiten Akt: Man spürt Ihren großen Respekt vor dieser Musik …
Michael Haneke: Ich verehre zutiefst Bach, Mozart und Schubert, die man übrigens in jedem meiner Filme hört. Bach ist für mich Gott schlechthin. Mozart und Schubert haben eine große Melancholie gemein, das zieht mich an ihrer Musik an. Ich verstehe nicht, wie manche „Così fan tutte“ immer noch als Komödie inszenieren können, da liegt ein Riesenmissverständnis vor. Aber gut, das Stück ist sehr schwierig zu inszenieren. Wir haben bis zu acht Stunden täglich mit den Sängern gearbeitet. Das strapaziert die Stimmen und ich glaube, sie waren froh, als es vorbei war [lacht].

ARTE: Sind Sie nicht versucht, wie beispielsweise der Regisseur Patrice Chéreau, bei der Fernsehaufzeichnung Ihrer Opern selbst Regie zu führen?
Michael Haneke: Oh nein, ich würde mindestens zwei Monate dafür brauchen, das wäre unmöglich. Das übernehmen besser Fernsehregisseure.

ARTE: Möchten Sie noch viele Filme drehen?
Michael Haneke: Das hoffe ich, aber ich habe nie mehr als ein Projekt gleichzeitig. In letzter Zeit war ich mit der Postproduktion und Promotion meines Films „Liebe“ beschäftigt, dann mit „Così fan tutte“. Jetzt, wo das alles hinter mir liegt, werde ich mich wieder auf mein Handwerk besinnen und ein neues Drehbuch schreiben

 

ERIC DAHAN FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ERSCHIENEN IN DER FRANZÖSISCHEN TAGESZEITUNG „LIBÉRATION“ AM 2.3.2013.

 

ARTE PLUS

KURZBIOGRAFIE MICHAEL HANEKE

1942 in München geboren, wächst Michael Haneke in Wien auf. Nach einem abgebrochenen Studium der Theaterwissenschaften, Philosophie und Psychologie ist Haneke ab 1967 als Fernsehdramaturg beim SWF tätig und findet dadurch zum Film. Bis heute drehte er 22 Filme und inszenierte zwei Opern. Er erhielt zahlreiche Preise, darunter zweimal die Goldene Palme in Cannes sowie dieses Jahr den Oscar für „Liebe“

FILMOGRAFIE

„Liebe“ (2012);

„Das weiße Band – Eine deutsche Kindergeschichte“ (2009);
„Funny Games U.S.“ (2007);

„Caché“ (2005);

„Die Klavierspielerin“ (2001);
„Funny Games“ (1997);
„Der Siebente Kontinent“ (1989)

(Auswahl)

 

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis! Oder entdecken Sie das ARTE Magazin als E-Paper-Version für unterwegs!

Kategorien: Juni 2013