aurore.schaller@arte.tv

DER LETZTE GENTLEMAN

Mammoth Screen Limited/BBC/Nick Briggs

Mammoth Screen Limited/BBC/Nick Briggs

Er ist tugendhaft und pflichtbewusst – ein Gentleman, der aus der Zeit gefallen scheint: Christopher Tietjens ist der Sohn einer alteingesessenen nordenglischen Landbesitzerfamilie und ein brillanter Analytiker im Ministerium für Statistik. Er versteht sich auf Zahlen, Pferde und Etikette. Doch die Welt um ihn herum versteht er nicht mehr – mit dem Ersten Weltkrieg liegt sie in Trümmern.
Die sechsteilige Serie „Parade’s End“ unter Regie von Susanna White ist die Verfilmung der Roman-Tetralogie von Ford Madox Ford, einem der wichtigsten britischen Schriftsteller der Moderne. Sie spielt in den Jahren zwischen 1908 und 1918: eine Zeit, in der Söhne und Ehemänner verstümmelt und verstört aus dem Krieg heimkehren. Es sind klischeefreie und unverbrauchte Bilder, die die BBC-Serie für die Gräuel dieser Menschen- und Materialschlacht findet – wofür sie 2012 in Großbritannien hochgelobt und mehrfach ausgezeichnet wurde. Der Titel „Parade’s End“ ist wörtlich zu verstehen: Als der Erste Weltkrieg ausbricht, ist die Zeit der Paraden vorbei – und auch die Zeiten, in denen unbedingte Haltung gefragt war.
Ford Madox Ford hat selbst in diesem Krieg gekämpft und seine Erfahrungen in erschütternden Romanen verarbeitet. Die unter dem Sammelnamen „Parade’s End“ zwischen 1924 und 1928 erschienenen Einzeltitel sind von Kritikern gefeierte Meisterwerke, allerdings wenig bekannt.
Das könnte sich nun mit der Ausstrahlung der Serie ändern. Drehbuchautor Tom Stoppard („Shakespeare in Love“, „Anna Karenina“) verwandelt die Vorlage in das tiefgründige Porträt eines Krieges, der alles verändert und trotzdem oft nur Rahmen für die eigentliche Handlung bildet: eine tragische, weil unerfüllte Liebe.

 

Die Versuchung. „Ich stehe für Monogamie und Sittlichkeit. Und dafür, nicht davon zu sprechen“, sagt Christopher Tietjens. Deshalb wird er sich die Beziehung zu der naiv-leidenschaftlichen Suffragette Valentine Wannop, gespielt von Adelaide Clemens, versagen. Sie ist ein Geschöpf aus einer zukünftigen Zeit, das Tietjens seltsamerweise besser zu verstehen scheint, als seine eigene Frau. Bereits ihre erste Begegnung verleitet den sonst so aufrichtigen Christopher zu einer für seine Verhältnisse geradezu ungeheuerlichen, weil unsittlichen Handlung. Von einem Polizisten verfolgt, stürmt die Frauenrechtlerin Valentine mit einer Freundin auf den Golf spielenden Christopher und dessen Bekannte zu, lauthals das Wahlrecht für Frauen einfordernd. Das Auftreten dieser jungen Frau mit dem Bubikopf markiert einen Einbruch in Christophers von Tradition und Moral geprägte Welt, der ihn mehr erschüttert, als er wahrhaben möchte – und doch zugleich auch unweigerlich fasziniert. So stoppt er denn auch den Polizisten, der die Frauen verfolgt, indem er ihm seinen Golfsack vor die Füße wirft.
Seine Frau Sylvia wird er trotzdem nicht verlassen. Diese ist einst in sein Leben eingebrochen und hat ihm ein Kind angehängt. Sie betrügt und verspottet ihn – ein paradoxer Versuch, Liebe oder zumindest ein wenig Beachtung zu finden.

 

Die Macht der Konventionen. Vor allem diese drei Charaktere sind es, die „Parade’s End“ zu einem außergewöhnlichen Kostümdrama machen. Allen voran Benedict Cumberbatch. Der Theaterschauspieler, der in der Rolle des manischen, aber genialen Titelhelden der Fernsehserie „Sherlock“ einem größeren Publikum bekannt wurde, legt seinen Christopher Tietjens als letzten Vertreter einer ausgestorbenen Geisteshaltung an: Die Augen sind starr; die Selbstbeherrschung der britischen Oberschicht, die „stiff upper lipp“ (wörtlich übersetzt: steife Oberlippe), ist dafür charakteristisch. Was an Erregung durch diesen Körper geht, zeigt sich lediglich an einem zitternden Kinn.
Die Schauspielerin Rebecca Hall in der Rolle der Sylvia bildet dazu einen glühenden Gegenpol: wie sie, selbstsüchtig und manipulativ, aber auch unbändig leidenschaftlich und sinnlich versucht, irgendein Zeichen einer Gefühlsregung ihres Mannes zu erhaschen. Christopher mag im Zentrum der Geschehnisse stehen, Sylvia treibt sie jedoch voran. Es ist wohl auch eine Flucht vor ihr, als Tietjens sich für den Kriegsdienst meldet. Ob er seiner Bürgerpflicht nun mit der Analyse von Zahlen oder dem Werfen von Handgranaten folgt, ist ihm egal – zumal Gerüchte über eine angebliche Affäre mit Valentine Wannop sein Ansehen ohnehin aushöhlen. Dass er sich dagegen nicht wehrt, ist zu erwarten – das wäre schließlich schlechter Stil.

 

JAKOB BIAZZA FÜR DAS MAGAZIN

 

ARTE PLUS

FORD MADOX FORD

Ford Madox Ford (1873–1939) gilt als einer der wichtigsten englischen Schriftsteller der Moderne. Nach dem Ersten Weltkrieg gründete Ford in Paris mit Pound die „Transatlantic Review“ und förderte Ernest Hemingway, Gertrude Stein und James Joyce. Sein wichtigster Roman neben der Tetralogie „Parade’s End“ („Keine Paraden mehr“) ist der 1915 veröffentlichte Roman „The Good Soldier“ („Die allertraurigste Geschichte“)

DVD-TIPP

„Parade’s End: Der letzte Gentleman“ (2 DVDs, Polyband Medien 2013) – ab 26.7. im Handel

 

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis! Oder entdecken Sie das ARTE Magazin als E-Paper-Version für unterwegs!

Kategorien: Juni 2013