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KRIEG UM DEN SAND

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Er ist in Glas, Kosmetik, Mikrochips oder Flugzeug-rümpfen enthalten – Sand ist unsichtbarer Bestandteil unzähliger Produkte. Der Verbrauch ist enorm: 200 Tonnen Sand stecken in einem mittelgroßen Haus, 30.000 Tonnen in einem Kilometer Autobahn und für ein Atomkraftwerk werden zwölf Millionen Tonnen benötigt. Weltweit verbrauchen wir fast so viel Sand wie Wasser, durch die wachsende Erdbevölkerung steigt der Bedarf weiter an. Der kostenlose Rohstoff ist begehrt und wird seit Langem weltweit gefördert – ein regelrechter Krieg um Sand hat bereits begonnen. Die Folgen sind fatal: Inseln verschwinden im Meer, Menschen verlieren ihre Existenzgrundlage, Tiere ihren Lebensraum. Zum ARTE-Dokumentarfilm „Sand – Die neue Umweltzeitbombe“ spricht das ARTE Magazin mit dem Geologen und Buchautor Michael Welland über den folgenschweren Handel mit einer endlichen Ressource.

 

ARTE: Verschwinden unsere weltweiten Vorkommen an Sand?
MICHAEL WELLAND: Ein großer Teil des Sandes auf unserer Erde ist inzwischen in Beton eingeschlossen – der Bausektor verschlingt immer mehr Sand. Dieser immense Bedarf hat schwerwiegende Folgen auf lokaler und globaler Ebene. Seit Jahrzehnten wird Raubbau betrieben und natürlich verschlimmert das ständige Anwachsen von Erdbevölkerung und Wirtschaft die Situation noch.

ARTE: Welche Folgen hat dieser Raubbau langfristig für die Umwelt?
MICHAEL WELLAND: Weil Sand leicht von Wind und Wasser transportiert wird, ist er das dynamischste geologische Material der Erde und für das Gleichgewicht der Erdkruste unersetzlich. Wenn man an einem Strand, in einem Flussbett oder auf dem Meeresgrund große Mengen davon abbaut, greift man in ein äußerst kompliziertes und dynamisches Ökosystem ein, in dem sich der Sand je nach Gezeiten, Wasser- und Windströmungen ablagert. Die intensive Nutzung verändert sein natürliches Verhalten also vollständig.

ARTE: Haben Sie konkrete Beispiele dafür?
MICHAEL WELLAND: Nehmen Sie die verheerenden Verwüstungen an der amerikanischen Ostküste durch den Hurrikan Sandy im Oktober letzten Jahres: Sobald man zu nah an die Küste heranbaut und Dünen zerstört, verlieren die Strände ihre Funktion als natürlicher Schutzwall gegen derartige Stürme. Die negativen Auswirkungen eines jeden Sturms, der heute über ein bebautes Küstengebiet hinwegfegt, werden somit erheblich verstärkt.

ARTE: Und was passiert beim Sandabbau im Meer?
MICHAEL WELLAND: Baggerschiffe pumpen tonnenweise Sand und Wasser nach oben – und damit alles, was auf dem Meeresboden lebt. Vor der Küste Sumatras ist das gesamte Ökosystem erschüttert, die einheimischen Fischer verlieren oft ihre Existenzgrundlage. Jahrhundertelang war die Fischerei hier eine sichere Einnahmequelle.

ARTE: Warum ist Sand so begehrt?
MICHAEL WELLAND: Sand wird zum größten Teil im Bausektor verbraucht, da der Rohstoff sehr kos-tengünstig ist. Daneben enthalten bestimmte Sandarten Minerale von hohem kommerziellen Wert wie zum Beispiel Gold oder Diamanten. In Namibia zum Beispiel wird massenhaft diamanthaltiger Sand gefördert und in Indonesien sind zinnhaltige Sande zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden. Auch eisenhaltige Sandarten sind begehrt, weil sie Metalle wie Titan enthalten. Rund um den Sand hat sich weltweit ein ganzer Schwarzmarkt entwickelt.

 

Das Ökosystem der gesamten Region an der Küste Sumatras ist erschüttert.

ARTE: Kann man messen, um wie viel Geld es beim Geschäft mit dem Sand hat?
MICHAEL WELLAND: Es ist schwierig, das in Zahlen zu fassen, denn Sand ist ein Rohstoff, der nichts kostet und wie Luft oder Wasser wirtschaftlich nicht quantifizierbar ist. Bezahlt werden nur die Arbeitskraft und der Transport. Lediglich legale, internationale Transaktionen werden somit statistisch erfasst. Dabei laufen die meisten Geschäfte auf lokaler Ebene ab: Ein Land mit florierendem Bausektor greift eher auf seinen eigenen Sand zurück, wenn es welchen hat. Ein Beispiel dafür ist China, wo der verwendete Sand vor allem aus dem Landesinneren stammt. Dasselbe gilt für Marokko, Vietnam und Indien. Hinzu kommt ein weiteres Phänomen: Während Sand immer knapper wird und zaghafte Regulierungsmaßnahmen ergriffen werden, um ihn zu schützen, floriert das illegale Geschäft – und die Sand-Mafia liefert natürlich keine statistischen Angaben.

ARTE: Wie hoch ist der Sandverbrauch weltweit?
MICHAEL WELLAND: Man schätzt, dass jährlich zwei Tonnen Beton pro Erdbewohner produziert werden. Das entspricht zehn bis 15 Milliarden Tonnen Sand, die aus der Natur entnommen werden.

 

ARTE: Warum verwendet die Baubranche nicht Sand aus der Wüste, wo es doch genug davon gibt?
MICHAEL WELLAND: Die Struktur von Wüstensand unterscheidet sich stark vom Meeressand: Durch permanente Reibung mit Wind sind Sandkörner aus der Wüste unter dem Mikroskop betrachtet so abgerundet, dass sie sich nicht als Baustoff eignen, sie verfestigen sich nicht. Der raue Sand aus dem Meer hingegen schon. So erklärt sich, warum Dubai trotz seiner Wüsten von Sandimporten abhängt, zum Beispiel aus Australien.

ARTE: Warum steht das Thema in der Politik nicht auf der Tagesordnung?
MICHAEL WELLAND: Die Öffentlichkeit ist sich der dramatischen Lage nicht bewusst. Die meisten Menschen, leider auch politische Entscheidungsträger, nehmen Sand nicht als bedrohte Ressource wahr, die geschützt werden muss. Weltweit haben die Bedürfnisse der Wirtschaft und insbesondere des Bausektors Vorrang. Zudem werden die zaghaften Vorschriften, die zum Schutz von Stränden und Meeresböden ergriffen werden, oft nicht umgesetzt und sind damit nutzlos. Man kann nicht an jedem Strand Polizisten aufstellen. Und noch dazu unterhält die Sand-Mafia in vielen Ländern Beziehungen zu höchsten Kreisen und kann in aller Ruhe ihren illegalen Geschäften nachgehen wie im Senegal oder in Marokko: Dort baut die Mafia rund 45 Prozent der Sandstrände ab, radikal und profitorientiert – ein ökologisches Fiasko.

ARTE: Ist es bereits zu spät, um etwas gegen die Auswirkungen des Sandabbaus zu unternehmen?
MICHAEL WELLAND: Für Inselbewohner, deren Zuhause im Meer versunken ist oder Fischer, deren Netze leer bleiben, ist es bereits zu spät. Nun geht es darum, die Menschen zu informieren. Sie müssen begreifen, dass wir Sand nicht weiterhin in diesem Maße und zu einem so geringen Preis verbrauchen dürfen.

ARTE: Könnte man Sand denn ersetzen?
MICHAEL WELLAND: Alles, was auf Grundlage von Sand hergestellt wird – Glas oder Beton –, kann recycelt werden, um Sand daraus zu gewinnen. Doch weil Sand so wenig kostet, sind diese Bemühungen derzeit nur wirtschaftliche Randerscheinungen, die die massive Nachfrage nicht stillen können. Es bräuchte einen starken politischen Willen, um andere Wege zu gehen. Und Wege gibt es viele! Die Menschheit hat ja nicht auf die Erfindung von Stahlbeton gewartet, um stabile Gebäude zu errichten.

 

INTERVIEW: IRÈNE BERELOWITCH FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

ARTE PLUS

WAS IST SAND?

Die geologische Definition von Sand beruht einzig auf der Größe der Körner. Unabhängig von seiner Zusammensetzung wird jeder Festkörper mit einem Durchmesser zwischen 0,065 und 2 Millimeter technisch gesehen als Sandkorn bezeichnet. Ist er kleiner, nennt man ihn Schluff oder Lehm; ist er größer, heißt er Kies

ARTE INTERVIEW

MICHAEL WELLAND

Der britische Geologe Michael Welland studierte in Cambridge und Harvard. Sand ist eines seiner Forschungsgebiete. 2009 schrieb er das Buch „Sand – A Journey Through Science and the Imagination“

 

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Kategorien: Mai 2013