aurore.schaller@arte.tv

IM WAGNERWAHN

Flavia Scuderi

Flavia Scuderi

Wenn „Der Ring des Nibelungen“ nach 14 Stunden zu Ende ist und das „Welterlösungs“-Motiv erklingt, haben Wagners Charaktere mehr auf dem Kerbholz als so mancher Mafiapate. Fünf Mal lebenslänglich und mindestens 90 Jahre Gefängnis müssten gegen Siegfried, Brünnhilde und Co. verhängt werden, hat der Jurist Ernst von Pidde in einem 1968 erschienenen Buch ausgerechnet. Die Tatbestände: Mord und Totschlag, Diebstahl, Verschleppung, Inzest, Brandstiftung, Tierquälerei sowie allerhand Bagatellen.
Trotzdem wurde diese musikalische Gewaltorgie zu einem der größten deutschen Mythen. Ersonnen 1849, als der landesweite Aufstand gegen die Res-tauration in den letzten Zügen lag, überlebte der „Ring“ jede Regierungsform, von der Monarchie über die Diktatur bis zur Demokratie: Bismarck stilisierte ihn zum Nationalepos, Hitler missbrauchte ihn für seine Nazi-Propaganda und heute gehören die „Ring“-Aufführungen auf den Bayreuther Festspielen zum Soundtrack der Bundesrepublik. Doch bevor allsommerlich der rote Teppich auf dem grünen Hügel zum Catwalk der Nation wird, lohnt sich ein Blick in das Leben des Komponisten, der – würde man auch ihm heute den Prozess machen – genausowenig ungeschoren davonkäme wie seine Figuren. Eine Kriminalakte in sechs Punkten.

 

Wagner-Geburtstagskonzert: Thielemann dirigiert die Sächsische Staatskapelle
(Tenor: Jonas Kaufmann)
Konzert • 01.10

 

Mehr ab 21.5. auf
arte.tv/liveweb

Finanzbetrug
ANKLAGE: Wilhelm Richard Wagner wird vorgeworfen, seine Zeitgenossen – Freunde und Feinde – bewusst betrogen zu haben, um finanzielle Vorteile zu erschleichen.
INDIZIEN: Zahlreiche Briefe belegen Wagners Hang zur Schuldenmacherei und zum bewussten Kreditbetrug. 1837, als Kapellmeister in Riga, organisierte Wagner ein Wohltätigkeitskonzert mit Star-Sopranistin Wilhelmine Schröder-Devrient und steckte dessen Erlös in die eigene Tasche. Zuvor hatte er die Möbel aus seinem Haus verkauft, die noch gar nicht abbezahlt waren. Mit dem erbeuteten Geld flüchtete Wagner 1839 über London nach Paris.
INSPIRATION IM WERK: Geldnot ist auch in Wagners Oper Thema: Dass Gott Wotan den Goldschatz im „Ring“ stehlen lässt, kommt der Ursünde gleich. Für Wagner war der Goldrausch der Anfang des Kapitalismus und der Beginn vom Untergang der Welt.

 

Aufwiegelei mit Todesfolge
ANKLAGE: Wilhelm Richard Wagner wird vorgeworfen, das Dresdner Volk aus Eigennutz gegen den sächsischen König aufgestachelt zu haben und Schuld am Tod zahlreicher Menschen zu sein.
INDIZIEN: Als Hofkapellmeister in Dresden (1843–1849) hatte Wagner – bei einem Jahresverdienst von 1.500 Talern – bereits Schulden in Höhe von 200.000 Talern angehäuft. Eine Revolution, so sein Kalkül, würde auch seine Gläubiger entmachten. Gemeinsam mit Profi-Revoluzzer Michail Bakunin und Stararchitekt Gottfried Semper plante er im Mai 1849 den Aufstand gegen Friedrich August II. Dafür besorgte Wagner Handgranaten, deren Einsatz zwölf Menschen das Leben kostete. Mit Hilfe von Franz Liszt gelang dem steckbrieflich Gesuchten anschließend die Flucht nach Zürich.
INSPIRATION IM WERK: In der Oper „Rienzi“ (1842) über den Aufstand des römischen Volkes nimmt Wagner die wahre Revolution von 1848 bereits vorweg. Selbst später, in der „Götterdämmerung“, thematisiert Wagner die Vernichtung der Welt, um eine neue, bessere, entstehen zu lassen.

 

Vortäuschung falscher Tatsachen
ANKLAGE: Wilhelm Richard Wagner wird vorgeworfen, mehrfach falsch Auskunft über die eigene Herkunft gegeben zu haben.
INDIZIEN: In seiner Autobiografie „Mein Leben” manipulierte Richard Wagner Fakten, um Geldzuwendungen seines Auftraggebers Ludwig II. sicherzustellen. So verschwieg er, dass sein Vater Friedrich Wagner auf Seiten Napoleons gegen Preußen gekämpft hatte. Auch, dass er seine Existenz möglicherweise gar nicht besagtem Friedrich, sondern einer Affäre seiner Mutter mit dem Schauspieler Ludwig Geyer verdanken könnte, ließ der Komponist unerwähnt. Sicher ist, dass Wagner das eigene Taufdatum falsch angegeben hat. Er wurde nicht, wie er behauptet, zwei Tage nach seiner Geburt, sondern erst Monate später getauft. Möglicher Grund: Wagners Mutter könnte die Taufe hinausgezögert haben, um sich zuvor mit dem potenziellen Vater Ludwig Geyer zu beraten. Nach dem Tod ihres Mannes Friedrich heiratete sie Geyer, dessen Namen Richard zunächst auch annahm, später aber wieder ablegte.
INSPIRATION IM WERK: Wagners Lebenslüge über seine Herkunft ist Leitmotiv vieler seiner Helden: Siegmund, Siegfried und Parsifal werden erst durch die Wirren um ihre Eltern zu Helden ohne Wurzeln.

 

Drogenmissbrauch
ANKLAGE: Wilhelm Richard Wagner wird vorgeworfen, in seiner „Villa Rienzi“ im Zürcher Exil den Gästen seiner ausschweifenden Feste mit dem Rauschmittel Laudanum versorgt zu haben.
INDIZIEN: In seiner Exilheimat galt Richard Wagner als exzentrischer Außenseiter. Er hielt neben seinen Hunden auch einen Papagei und empfing Gäste gern in Seidenunterwäsche. Finanziert wurde Wagners Lebensstil eines Popstars durch dessen Förderer Franz Liszt. Wagners Verschwendungssucht war diesem zwar nicht geheuer, aber Liszt – selbst ein Lebemann – war dem jüngeren Kollegen so verfallen, dass er ihn mit allen Mitteln unterstützte. Liszt brachte bei Besuchen auch die Modedroge aus Paris mit: Im Hause Wagners wurde Laudanum konsumiert, eine flüssige Form von Opium, nach dem damals eine ganze Reihe berühmter Künstler – so auch Charles Baudelaire und Franz Liszt – süchtig waren.
INSPIRATION IM WERK: Musik war für Wagner eine Form des Rausches. So schwärmte Dirigent Chris-tian Thielemann in einem Interview von „Tristan und Isolde“ als „bewusstseinserweiternder Droge, die besser als LSD ist – nur nicht so gefährlich“.

 

Ehebruch
ANKLAGE: Wilhelm Richard Wagner wird vorgeworfen, seine beiden Ehefrauen betrogen und Kinder mit anderen Frauen gezeugt zu haben.
INDIZIEN: Den Beginn seiner Karriere verdankt Richard Wagner seiner ersten Frau Minna. Treu war er ihr dennoch nicht: Während sie die Zürcher Küche putzte, vergnügte er sich 1857 in seinem Arbeitszimmer mit Mathilde, der Frau seines Mäzens Otto Wesendonck. Auch seinem Lieblingsdirigenten Hans von Bülow machte Wagner die Frau abspenstig: Cosima, die Tochter seines besten Freundes Franz Liszt. Während von Bülow in München „Tristan und Isolde“ probte, ließ Wagner die Tochter, die ihm Cosima 1865 noch als Ehefrau von
Bülows geboren hatte, auf den Namen Isolde taufen.
INSPIRATION IM WERK: Wagners Frauenfiguren müssen Treue halten bis in den Tod. Ehebruch oder sogar bloße Zweifel am Gatten werden – wie in „Lohengrin“ – strengstens bestraft. Gleichzeitig komponierte Wagner mit „Tristan und Isolde“ die schönste Oper über die Untreue.

 

Volksverhetzung und Verleumdung
ANKLAGE: Wilhelm Richard Wagner wird vorgeworfen, missliebige Personen verleumdet zu haben.
INDIZIEN: Wer Wagner im Wege stand, den outete er – zu Recht oder Unrecht – als homosexuell. Friedrich Nietzsche soll sich darüber bei seinem Arzt beschwert haben und Märchenkönig Ludwig II. hat Wagner wohl auch aus diesem Grund aus München verbannt. In seiner antisemitischen Hassschrift „Das Judentum in der Musik“ erging sich Wagner in kruden Thesen über die vermeintlichen Unzulänglichkeiten jüdischer Komponisten und Musiker. Wahrscheinlich aus Neid: Wagner konnte es nicht ertragen, wenn jüdische Kollegen erfolgreicher waren als er. In einer überarbeiteten Version seines Pamphlets fordert er gar die Ausrottung der Juden.
INSPIRATION IM WERK: Die Figur Beckmesser aus den „Meistersingern“ ist eine Karikatur des jüdischen Kritikers Eduard Hanslick. Dieser einstige Wagner-Verehrer war nach einem Treffen auf Dis-tanz gegangen, woraufhin sich der Komponist mit antisemitischen Schmähungen rächte.

 

Abschlussplädoyer
Deutschland und viele Wagnerianer aus der ganzen Welt berauschen sich an den Tönen eines mehrfachen Kriminellen. Aber ist es am Ende nicht so, dass es gerade die Widersprüche in Wagners Leben waren, die seine Opern inspirierten? Und mehr noch: Hat er sein Leben vielleicht sogar absichtlich in Krisen manövriert, um sich künstlerisch zu stimulieren? So zerrissen, revolutionär und opportunistisch sein Leben war, so widersprüchlich, größenwahnsinnig und anmaßend war sein Werk. Ein Opern-Nachlass, der uns auch deshalb 200 Jahre nach seiner Geburt noch immer herausfordert.

 

AXEL BRÜGGEMANN FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE-GASTAUTOR: AXEL BRÜGGEMANN IST MUSIKJOURNA-LIST UND AUTOR DES BUCHS „GENIE UND WAHN. DIE LEBENSGESCHICHTE DES RICHARD WAGNER“ (BELTZ & GELBERG)

 

 

ARTE PLUS

BUCHTIPPS

A. Völlinger, F. Scuderi: „Wagner: Die Graphic Novel“ (Knesebeck Verlag, erscheint im Mai);
D. Borchmeyer: „Richard Wagner: Werk – Leben – Zeit“ (Reclam Verlag 2013);
J. M. Fischer: „Richard Wagner und seine Wirkung“ (Zsolnay Verlag 2013)

CD-TIPPS

„Wagner“ (Jonas Kaufmann singt Auszüge aus Wagner-Werken, DECCA 2013);
„The Other Wagner“ (EMI CLASSICS 2012)

DVD-TIPP

„Wagner: Der Ring des Nibelungen“ (8 DVDs, Deutsche Grammophon 2012);

„Richard Wagner: Der Ring des Nibelungen“ (Staatsoper Stuttgart mit dem Staatsorchester Stuttgart, ARTE Edition)

(Auswahl)

 

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis! Oder entdecken Sie das ARTE Magazin als E-Paper-Version für unterwegs!

Kategorien: Mai 2013