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DIE ENTFÜHRTEN

Yanay Yechiel

Yanay Yechiel

17 Jahre sind eine lange Zeit, lang genug, um zu vergessen, wie man lebt, wen man liebt und auf welcher Seite man steht. Das müssen die israelischen Soldaten Nimrod Klein und Uri Zach erfahren, als sie nach fast zwei Jahrzehnten Kriegsgefangenschaft im Libanon nach Israel zurückkehren. Wie verängstigte Schuljungen stehen sie am Flughafen von Tel Aviv, blass, ausgemergelt, gebeugt. Im Gepäck haben sie die Traumata einer Odyssee durch Folterkammern. Und die Erinnerung an ihren Mitgefangenen Amiel Ben Horin, der im Sarg nach Israel zurückkehrt. Voller Misstrauen blicken Nimrod und Uri den fremden Menschen in der Empfangshalle entgegen, die einst ihre Familien waren und es nun wieder sein sollen. Der Jubel, mit dem die israelische Gesellschaft sie empfängt, soll bald verebben – man fürchtet, sie könnten während der Gefangenschaft die Seiten gewechselt haben.

 

Geiseln ihrer Vergangenheit. Packend erzählt die israelische Serie „Hatufim“ die menschlichen Schicksale hinter dem politischen Konflikt – und bleibt dabei authentisch. In der Heimat des Drehbuchautors und Regisseurs Gideon Raff sind solche Geschichten Realität. Derzeit leben 1.500 Menschen in Israel, die während ihres Militärdienstes in Gefangenschaft gerieten. Ihre Freiheit verdanken sie einem ungeschriebenen Gesetz der Streitkräfte: Ob tot oder lebendig, kein Soldat bleibt zurück.
„Israel ist besessen davon, seine Gefangenen nach Hause zu holen“, sagte Raff kürzlich dem US-Magazin „The New Yorker“, aber die Beziehung zu den Heimkehrern sei ambivalent: „Sobald sie zurück sind, interessiert nicht mehr, was mit ihnen passiert.“ Für „Hatufim“ – zu Deutsch „die Entführten“ – sprach Raff mit Kriegsgefangenen wie Hezi Shai, der 1985 nach acht Jahren in libanesischer Gefangenschaft nach Israel heimkehrte.
Je mehr Raff recherchierte, desto mehr Fragen stellte er sich: Wie verkraften die Langzeit-Gefangenen die plötzliche Freiheit? Können ihre Familien die verloren geglaubten Söhne, Brüder, Ehemänner und Väter aufnehmen, als wären sie nie fort gewesen? Genau darum geht es in „Hatufim“.
Immer wieder lassen die Protagonisten Nimrod Klein und Uri Zach jenen Tag vor 17 Jahren Revue passieren, an dem sie und Amiel Ben Horin verschleppt wurden. Die Erinnerung an den Hunger, das Heimweh, die Willkür der Entführer können sie nicht hinter sich lassen. Sie bleiben Geiseln ihrer Vergangenheit. Auch ihren Familien fällt es schwer, den Schatten der Gefangenschaft zu entfliehen. Nurit macht sich Vorwürfe, weil sie ihren Verlobten Uri aufgab, um dessen Bruder zu heiraten; Yael kann nicht akzeptieren, dass ihr Bruder Amiel nicht in das gemeinsame Haus zurückkehren soll; Talya erwacht jede Nacht, wenn ihr Mann Nimrod schreiend aus Albträumen hochfährt, in denen er so wild um sich schlägt, dass ihr Körper mit blauen Flecken übersät ist. Es sind nicht mehr die Männer von einst, mit denen die Frauen da am Esstisch sitzen und die Betten teilen.

 

Nationalhelden oder Verräter? Das israelische Publikum nahm „Hatufim“ 2010 mit gemischten Gefühlen auf. Die Familien einiger gekidnappter Soldaten fürchteten, die Serie könnte zu weiteren Entführungen anstiften. Die Erstausstrahlung im israelischen Fernsehen fiel in eine bewegte Zeit. In einer landesweiten Kampagne wurde die Regierung Netanjahu gedrängt, mehr für die Freilassung des wohl bekanntesten Kriegsgefangenen Israels zu tun: Der Soldat Gilad Shalit war vier Jahre zuvor in den palästinensischen Gazastreifen verschleppt worden. Erst 2011 ließ die Hamas ihn im Austausch gegen 1.027 palästinensische Häftlinge frei. Trotz der Kritik und des umstrittenen Timings wird „Hatufim“ die erfolgreichste israelische Serie aller Zeiten – auch in Hollywood interessiert man sich für die Produktion: Sie dient als Vorlage für die hochgelobte US-Serie „Homeland“ (2011), an deren Drehbuch Gideon Raff ebenfalls mitschreibt. Der Plot: Ein Marine kehrt aus irakischer Kriegsgefangenschaft in die USA zurück und gerät in Verdacht, ein Schläfer zu sein. Anders als bei „Homeland“ stehen in „Hatufim“ nicht Agenten und Terroristen im Fokus, sondern normale Menschen und deren Krisen. In fließenden Übergängen wechselt die Kamera zwischen Charakteren und Schauplätzen und fängt das Dilemma der Heimkehrer in all seiner Komplexität ein. Schwarz-weiße Rückblenden dokumentieren das vorangegangene Martyrium so explizit, dass der Zuschauer bis an die Schmerzgrenze mit ihnen fühlt.
Gideon Raff gibt so Einblick in die Gefühlswelt seiner Protagonisten – und in deren Geheimnisse. Besonders, wenn es um den Tod Amiels geht, verstricken sich Nimrod und Uri in Widersprüche während der Gespräche mit dem Militär-Psychologen Haim Cohen. Nachdem den Heimkeh-rern zunächst aus ganz Israel Mitgefühl zuteil wird,
sind sie irgendwann isoliert – fast, als hätte man sie vergessen. Doch Haim beobachtet die beiden. Werden sich die eben noch als Nationalhelden gefeierten Entführten schon bald als Gefahr für die Nation entpuppen?

 

DAVID SCHELP FÜR DAS MAGAZIN

 

 

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GIDEON RAFF

Gideon Raff, geboren 1973, diente selbst drei Jahre lang in der israelischen Armee, bevor er in Tel Aviv und Los Angeles Film studierte. Sein Kinodebüt feierte er 2007 mit dem Thriller „The Killing Floor“. 2010 gewann „Hatufim“ den israelischen Fernsehpreis als beste Serie

 

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Kategorien: Mai 2013