aurore.schaller@arte.tv

GERHARD RICHTER PAINTING

Er arbeitet wie ein Meister asiatischer Kampfkunst: Gerhard Richter, der wortkarge Zweifler, der heute 81-jährige Stilbrecher und erfolgreichste deutsche Maler weltweit – so hat ihn noch kaum jemand erlebt. Vor die Kamera gebracht hat ihn die Regisseurin Corinna Belz: Richter erlaubte ihr, sechs Monate beim Entstehen von 15 Bildern in seinem Kölner Atelier zuzuschauen. Dafür lebte sie monatelang auf Abruf, fuhr nicht in den Urlaub – und wurde 2012 mit dem Deutschen Filmpreis belohnt. Um Richter so nahe zu kommen, dass man die Farbe im Topf schmatzen hört, musste die Filmemacherin aber einige Krisen überwinden …

 

ARTE: „Es ist die Kamera“, sagt Gerhard Richter an einem Punkt im Film. Sie: „Was ist das Problem?“ Richter: „Dass sie mich beobachtet.“ Was macht man als Regisseurin, wenn das ganze Projekt wackelt?
CORINNA BELZ: Solche Szenen kamen regelmäßig vor, aber an diesem Tag bin ich nach Hause gefahren und wusste nicht, ob es weitergeht. Im Laufe des Drehs habe ich dann begriffen: Genauso wie Gerhard Richter seine Bilder anzweifelt, muss er auch den Prozess des Filmens in Frage stellen – das ist der Motor seiner Kunst: dass man sich nicht schnell zufrieden gibt. Davon habe ich viel gelernt.

ARTE: Warum hat der medienscheue Gerhard Richter gerade Sie sechs Monate lang in seinem Allerheiligsten, dem Atelier, filmen lassen?
CORINNA BELZ: Dass ich 2007 einen ersten Film über Richters Arbeit am Kölner Domfenster gemacht habe, hat sehr geholfen. Außerdem habe ich eine Vorliebe für harte Brocken.

ARTE: Aber wie ist das Vertrauensverhältnis entstanden, das man im Film quasi greifen kann?
CORINNA BELZ: Es war sicher wichtig, dass Richter sagen konnte, wenn etwas nicht geht. In einer Szene sagt er sogar: „Das hier ist schlimmer als im Krankenhaus“. Dann ist es vielleicht besser zu erwidern: „Ja, das ist jetzt so“, als zu beschwichtigen. Wenn man zusammen eine Krise überwinden kann, schafft das Vertrauen.

ARTE: Sie haben Richters Bilder entstehen sehen – was passiert da?
CORINNA BELZ: Dass Richter an mehreren Bildern gleichzeitig arbeitet, hatte ich zwar auf Fotos gesehen, aber ich konnte es mir nicht vorstellen. Während des sechs Monate langen Drehs konnte ich sehen, wie viele Bilder manchmal an den Wänden platziert waren. Ich hatte den Eindruck, die Bilder beeinflussen sich gegenseitig, weil Richter sie im Malprozess immer wieder miteinander vergleicht.

ARTE: Wie haben Sie im Atelier gedreht?
CORINNA BELZ: Am Anfang haben wir wie angewurzelt dagestanden, die Kamera auf einem Stativ, aber das war zu starr. Um die körperliche Arbeit Richters zu zeigen, brauchten wir eine bewegliche Handkamera.

ARTE: Was ist so körperlich daran?
CORINNA BELZ: Manchmal attackiert er seine Bilder förmlich mit diesem großen Rakel, einem Instrument zum Auftragen und Abkratzen von Farbe. Ich finde, dass es sehr elegant aussieht, seine ganze Erfahrung steckt in diesen Bewegungen. Er kann den bis zu zwei Meter hohen Rakel einfach bändigen. Das ist so wie jemand, der im Judo den schwarzen Gürtel hat. Ich glaube, das war für viele Richter-Kenner neu, dass seine Arbeit so anstrengend ist.

ARTE: Arbeit mit dem Rakel, was bedeutet das genau?
CORINNA BELZ: Richter benutzt Rakel, die oft die Höhe der Leinwände haben. Damit verändert er in einem Arbeitsgang das ganze Bild.

ARTE: Das sieht man auch im Film, das ist wie …
CORINNA BELZ: … Vorhang auf, Vorhang zu – und plötzlich ist darunter ein ganz anderes Bild. Das ist die eigentliche Qualität seiner Erfindung. Es gibt ja auch andere Künstler, die mit Rakeln arbeiten, aber diese Konsequenz, dass mit einem einzigen Arbeitsgang das komplette Bild riskiert wird, ist etwas, das Richter über die Jahre entwickelt hat. Ein Wisch – und alles kann ruiniert sein.

ARTE: Warum tut er das immer wieder?
CORINNA BELZ: Ich glaube, das ist es, was er von den Bildern will: überrascht werden.

 

Gerhard Richter ist so wie jemand, der im Judo den schwarzen Gürtel hat.

ARTE: Konnten Sie das, mit der Kamera über seine Schulter guckend, nachvollziehen?
CORINNA BELZ: Nicht immer. Im Film gibt es einen Moment, wo er oben blaue Markierungen in das gelbe Bild setzt, den Rakel drüber zieht – und alles ist anders. Es ist dieser Zerstörungsmoment, der vielleicht am schwersten zu verstehen ist. Warum kann er das Bild nicht in dem Zustand lassen? Das habe ich mich manchmal gefragt und ich wollte, dass sich das auch jeder Zuschauer selbst fragen kann.

ARTE: Richters Bilder sind anfangs knallbunt, enden dann oft im Grau, warum?
CORINNA BELZ: Richter hat eine Vorliebe für Grau. Die grauen Bilder haben sich in 30 Jahren sehr verändert, es sind ungeheuer vielschichtige Flächen geworden. Bei den letzten Monochromen sieht man nicht nur eine Oberfläche, sondern ein Innenleben. Genau das haben wir im Film aufgenommen, man sieht die Spuren durchschimmern, die Richter Schicht für Schicht aufgetragen hat.

ARTE: Warum beginnt Ihr Film über einen Maler am Anfang ohne Bild? Man hört nur Geräusche …
CORINNA BELZ: Ich finde es schön, ihn nicht selbst zu sehen, nur seine Schritte zu hören, seine Arbeitsgeräusche. Das erste Gemälde, das man sieht, ist noch nicht ganz fertig. Die Kamera zeigt, wie sich Richter in dem noch feuchten Bild spiegelt. Man spürt sofort den Dialog zwischen Künstler und Bild.

ARTE: Werk ohne Autor nennen manche Richters Bilder, weil er so viele verschiedene Stile bedient.
CORINNA BELZ: Das ist es für mich überhaupt nicht! Ich glaube, dass er als Autor und Künstler in jedem Bild präsent ist. Es ist immer Gerhard Richter, der nach einem neuen Ausdruck sucht. Es ist ein Werk mit einem sehr starken, zweifelnden und reflektierenden Künstler.

ARTE: Und mit einem humorvollen, den ein Journalist sogar mit Loriot verglichen hat …
CORINNA BELZ: Ja, er hat einen wunderbar trockenen Humor! Als er im Kölner Museum Ludwig die Räume für seine Ausstellung besichtigt, sagt er zum Beispiel: „Das Licht muss ganz kalt sein, damit die Leute froh sind, wenn sie wieder gehen.“ Er kann herrlich selbstironisch sein.

ARTE: Nach so langer Drehzeit: Was hat Sie an Gerhard Richter am meisten beeindruckt?
CORINNA BELZ: Dass man Richters Bilder gar nicht fälschen könnte, selbst wenn man es wollte. Die Prozesse sind einfach viel zu komplex. Gerhard Richters Bilder sind, im wahren Sinne des Wortes, Originale.

 

INTERVIEW: DIANA AUST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE PLUS

 

KURZBIOGRAFIE GERHARD RICHTER

1932 in Dresden geboren, nach Abschluss einer Handelsschule 1948 arbeitet er zunächst als Schriften- und Bühnenmaler. Von 1951–56 studiert er an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden, danach arbeitet er als freier Maler. Als Richter 1959 die 2. documenta in Kassel besucht, beeindrucken ihn die ab-strakten Bilder von Jackson Pollock und Lucio Fontana nachhaltig. 1961 flieht er aus der DDR in die Bundesrepublik – er wird seine Eltern nie wiedersehen. 1961–64 studiert er an der Kunstakademie Düsseldorf, an der er ab 1971 auch unterrichtet. Seit 1983 lebt und arbeitet Richter in Köln

ARTE INTERVIEW

 

CORINNA BELZ

Corinna Belz studierte Philosophie, Kunstgeschichte und Medienwissenschaften. Sie drehte zwei Kurzfilme über Richter: „Das Kölner Domfenster“ (2007), „Ema auf der Treppe“ (2012)

 

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis! Oder entdecken Sie das ARTE Magazin als E-Paper-Version für unterwegs!

Kategorien: April 2013