aurore.schaller@arte.tv

DIE ROBOTER KOMMEN

Johan Paulin

Johan Paulin

Stellen Sie sich vor, Sie säßen an einem Nachmittag gemütlich in Ihrem Sessel und würden von folgendem Zweifel gepackt: „Ich sehe vom Fenster aus Menschen auf der Straße vorübergehen. Doch was sehe ich wirklich? Nichts als Hüte und Kleider, unter denen sich ja auch Maschinen verbergen könnten!“ Ihre sogenannten Mitmenschen – alles fremdgesteuerte Elektropuppen? Zugegeben, das klingt wie eine irre Vorstellung. Doch der französische Philosoph René Descartes stellte sich im 17. Jahrhundert genau diese Frage. Sein Werk „Meditationen“, aus dem die zitierte Robotermutmaßung stammt, markiert den Beginn der neuzeitlichen Philosophie, die um die Frage nach der Natur des menschlichen Bewusstseins und Geistes kreist.

 

Descartes und die Hubots

Für Descartes und seine Zeitgenossen bedeutete die Vorstellung von Maschinenmenschen noch ein reines Gedankenexperiment. Für uns Bürger des 21. Jahrhunderts hingegen zeichnet sich ein Alltag mit menschenähnlichen Robotern am Horizont ab: Sprachfähige Roboter werden bereits heute nicht nur in der Raumfahrt und Tiefseeforschung eingesetzt, sondern auch zur Pflege und Überwachung von Demenzkranken in Altenheimen. Erst kürzlich gab die EU die Rekordsumme von 500 Millionen Euro für das Forschungsprojekt „Human Brain Project“ frei. Dessen Ziel ist es, die Leistungsfähigkeit des menschlichen Gehirns maschinell zu simulieren und für Roboter fruchtbar zu machen.

Die neue schwedische Fernsehserie „Real Humans – Echte Menschen“ bei ARTE führt mitten hinein in eine solche Zukunft: Wie überall in der zivilisierten Welt haben sogenannte Hubots (ein Mischwort aus den englischen Wörtern „Human“ und „Robot“) auch in einer schwedischen Kleinstadt Einzug gehalten. Je nach Programmierung und Preis helfen die perfekt designten Elektropuppen den dortigen Einwohnern bei Hausarbeit und Altenpflege, im Straßenbau oder Fitnessstudio. Außer Essen und Schlafen verstehen sie so gut wie jede menschliche Verhaltensweise täuschend echt zu simulieren. Und wichtig: Lügen und echten Menschen Gewalt antun können die Hubots nicht.

 

Die Unheimlichkeit des Gewöhnlichen

Die Präsenz der elektronischen Neuankömmlinge führt bald zu erheblichen sozialen Spannungen im Ort. Vor allem innerhäuslich kommt es aufgrund des täuschend echten, meist attraktiven Aussehens der Hubots immer wieder zu Verwerfungen. Sämtliche Alltagsprobleme kreisen um die Frage nach dem Status der Maschinenmenschen: Wenn diese Wesen (oder sind es nur Sachen?) so vieles können, was sonst nur echte Menschen vermögen, wenn sie sich so verhalten und so sprechen wie echte Menschen, müssen sie dann nicht auch zunehmend wie Menschen behandelt und geachtet werden? Es macht den besonderen Reiz der Serie aus, dieser philosophischen Frage bis in alltäglichste Einzelheiten nachzugehen: Eine alleinerziehende Fitnesstrainerin führt mit ihrem Hubot eine sexuell erfüllte Liebesbeziehung. Wie bringt sie das ihrem Sohn bei? Sollte eine Hubot-Haushaltshilfe mit der Familie am Frühstückstisch sitzen? Wenn ein Kind seinen Hubot anlügt, muss es sich dann bei ihm entschuldigen? Kann eine Hubot-Altenpflegerin ihren herzkranken Hausherrn gar dazu zwingen, Tee statt Kaffee zu trinken? Oder als eindringlicher Extremfall: Bleibt die Vergewaltigung eines weiblichen Hubots durch eine Meute pubertierender Jugendlicher rechtlich als Sachbeschädigung zu ahnden?

 

Nur Toaster mit Lächelfunktion?

Allesamt faszinierend komplexe, moralisch wie rechtlich tiefgreifende Dilemmata, die nicht einfach mit dem Verweis wegzuwischen sind, eine technische Verwirklichung derartiger Kunstwesen liege noch in weiter Ferne. Denn anstatt sich im Dickicht elektronischer Detailfragen zu verheddern, betten die skandinavischen Macher der Serie die Hubot-Problematik gezielt in gesellschaftliche Kontexte wie Ausländerfeindlichkeit, Sexismus oder Homophobie ein. Ebenso gängig diskriminierte Gruppen also, denen historisch aus verschiedensten Gründen abgesprochen wurde – und in vielen Teilen der Welt noch immer abgesprochen wird – vollwertige Menschen zu sein.

Nicht zuletzt aufgrund der beeindruckenden schauspielerischen Leistungen ertappt man sich als Zuschauer dabei, spontanes Mitleid mit den Hubots zu verspüren, sich gar mit ihrem Kampf um Anerkennung zu solidarisieren. Um genau wie die echten Menschen der Serie nur einen Augenblick später auszurufen: „Aber das da sind doch nur Maschinen! Sie fühlen doch nichts, sie können doch nicht eigenständig denken! Das sind doch nur Toaster mit Lächelfunktion!“ Möglich. Dennoch lodert sie im Innern weiter, die alles entscheidende philosophische Frage: Was macht einen Menschen eigentlich zu einem echten Menschen – im Gegensatz zu einem Hubot? Ist wirklich allein die leibliche Grundlage entscheidend? Oder wären nicht doch gewisse Verhaltensformen und Fähigkeiten ausschlaggebend? Und wenn ja, welche?

 

Im Namen des Schöpfers

Dramaturgisch überzeugend verknüpft werden die alltäglichen Mikrodramen des Zehnteilers durch die Rahmenhandlung eines Freiheitskampfes zweier Untergrundgruppen. Auf der einen Seite kämpft eine kleine Schar von autonom gewordenen und damit wahrhaft selbstbestimmten Hubots für die Befreiung ihrer Artgenossen. Ihnen gegenüber steht eine Zelle menschlicher Hubot-Gegner, die mit terroristischen Bombenanschlägen für das Ziel einer hubotfreien Gesellschaft kämpft. Der zentrale Held des Geschehens aber steht zerrissen zwischen allen Fronten. Denn Leo ist weder ganz Mensch noch ganz Hubot. Körper wie Hirn sind sowohl elektronischer als auch organischer Natur. Wie steht es also mit ihm? Ist er ein echter Mensch oder ein gefälschter Hubot?
Keine so leichte Sache, die Frage nach unserem Wesen. Bereits René Descartes drohte an ihr zu ver-zweifeln. Einmal ins Grübeln geraten, brachte er folgende Zeilen zu Papier: „Was habe ich vordem zu sein geglaubt? Doch wohl ein Mensch! Aber was ist das ,ein Mensch‘? Soll ich sagen: ein vernünftiges lebendes Wesen? Keineswegs, denn dann müsste ich hernach fragen, was ein ,lebendiges Wesen‘ und was ,vernünftig‘ ist, und so geriete ich aus einer Frage in mehrere und noch schwierigere.“

Vielleicht wird über den Ausgang der Serie nicht zu viel verraten, wenn man daran erinnert, dass Descartes die philosophischen Zweifel an der Echtheit seiner Mitmenschen letztlich nur mit der Annahme eines gütigen Schöpfergottes ausräumen konnte. Ganz so einfach können die Dinge im 21. Jahrhundert nicht mehr liegen. Doch auch für Leo und die Seinen bleibt Erlösung in Sicht. Wer wissen will, wie sie aussieht, braucht vom 4. April an immer donnerstags nichts anderes zu tun, als sich in einen Sessel zu setzen und anstatt aus dem Fens-ter zur rechten Zeit fernzusehen. Dort läuft eine philosophische Serie für alle echten Menschen.

 

WOLFRAM EILENBERGER FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE-GASTAUTOR: WOLFRAM EILENBERGER, PROMOVIERTER PHILOSOPH, IST CHEFREDAKTEUR VOM „PHILOSOPHIE MAGAZIN“

 

ARTE ONLINE

 

HUBOT-MARKT

Das Pseudo-Online-Geschäft zur Serie: Stöbern Sie im Hubot-Markt, finden Sie ihr passendes Androidenmodell. Wie auf jeder Elektromarkt-Website können die neuesten Modelle bestaunt werden, inklusive Produktinformationen zu Software und Zubehör. Teilen Sie zudem Ihr Lieblingsmodell auf den Plattformen Facebook oder Twitter. Leben Sie die Zukunft schon jetzt! Ab 3.4. online

www.arte.tv/realhumans

 

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis! Oder entdecken Sie das ARTE Magazin als E-Paper-Version für unterwegs!

Kategorien: April 2013