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VATERLANDSVERRÄTER

Johann Feindt

Johann Feindt

Paul Gratzik war Schriftsteller, Weiberheld, glühender Kommunist – und 20 Jahre lang Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi. Ab 1981 outete er sich bei seinen Opfern, darunter der Dramatiker Heiner Müller, und wurde selbst bespitzelt. Die Regisseurin Annekatrin Hendel kennt ihn seit über 20 Jahren – mit ihrem 2013 für den Grimme-Preis nominierten Film „Vaterlandsverräter“ gelang ihr das Porträt eines Mannes, der über sich selbst sagt: „Ich habe keine Moral, jedenfalls nicht eure.“ Mit dem ARTE Magazin sprach sie über sein widersprüchliches Leben – und über ein Stück deutsche Geschichte.

 

ARTE: Ihr Film wurde als dokumentarischer Gegenentwurf zu dem oscargekrönten Stasifilm „Das Leben der Anderen“ gelobt. Ist er das?
ANNEKATRIN HENDEL: Der Film hat mich dazu angestachelt zu zeigen, dass die Stasi-Mitarbeiter eben nicht nur die spitzelnden Verräterchen aus der dritten, vierten Reihe mit dem grauen Anorak waren, wie Ulrich Mühe in der Rolle des Stasi-Hauptmanns in „Das Leben der Anderen“. Sondern es waren – ich spreche von den Kulturschaffenden – oft die Stars der Szene, die von der Stasi gewonnen wurden, lebensgierige Charismaten, wie Paul Gratzik.

ARTE: Was zeigt „Vaterlandsverräter“, was andere Filme Ihrer Meinung nach nicht zeigen?
ANNEKATRIN HENDEL: Ich versuche, mich in meinem Film einem Täter in neuer Weise zu nähern. Ich will nicht anklagen, enthüllen, sondern auf persönlicher Ebene Fragen stellen. Es ist ein Film über Verantwortung geworden. Denn auch ein Stasi-Mann hatte ein Privatleben, Freunde, Frauen und Kinder. Mich haben auch die Konsequenzen einer Stasi-Tätigkeit für den ehemaligen Spitzel selbst interessiert. Dieser ungewöhnliche Protagonist Paul Gratzik funkt uns einen Lebensrhythmus, einen antik anmutenden Sprachduktus und Botschaften entgegen, die man zum Thema Staatssicherheit nicht erwartet: verwickelt, spannend und leidenschaftlich.

 

Ist er Täter, ist er Opfer, ist er beides? Sind die anderen Opfer, sind sie Täter?

ARTE: Sie haben Paul Gratzik 1988 kennengelernt. Wie verlief die erste Begegnung?
ANNEKATRIN HENDEL: Als junge Bühnenbildnerin bereitete ich ein Theaterstück vor, das er geschrieben hatte, und fuhr mit dem Regisseur zu ihm raus in die Uckermark, wo er bis heute lebt. Seine erste Frage war: „Bist du bei der Stasi?“ Ich fand das absurd. Aber er hatte nach seinem Stasi-Outing 1981 und seit er selbst zum Überwachungsobjekt wurde, das Trauma, dass jeder, der zu ihm kommt, von der Staatssicherheit sein könnte. So war das Thema schon 1988 auf dem Tisch.

 

ARTE: Warum ließ er sich auf die Stasi ein?
ANNEKATRIN HENDEL: 1961, als junger Student, entschied sich Paul Gratzik für eine Zusammenarbeit, um, wie er sagt, „das Ministerium für Staatssicherheit mit Informationen aus dem Volk zu versorgen“. Er ist sicher nicht angetreten, um Leute zu verraten, sondern er kritisierte in seinen Berichten ständig die Verhältnisse in der DDR.

ARTE: Warum war er für die Stasi interessant?
ANNEKATRIN HENDEL: Es ging um Paul Gratzik selbst: Sie wollten ihn unter Kontrolle haben. Wer schrieb und publizierte, war per se eine Gefahr, und Paul Gratzik war frech und aufmüpfig – ein Pulverfass. Gleichzeitig hatte die Stasi den Verdacht, er könne nicht auf Linie bleiben, sondern vom Westen vereinnahmt werden. Das alles wusste Paul Gratzik aber nicht. Im Grunde war es naiv von ihm zu glauben, dass sich die Stasi tatsächlich für seine Informationen interessierte.

ARTE: Wusste er, dass er nach seinem Ausstieg bei der Stasi selbst bespitzelt wurde?
ANNEKATRIN HENDEL: Das hat er deutlich gespürt. Was er wohl nicht ahnte: Dass er auch schon als IM bespitzelt wurde, bis ins Bett hinein. Seine gesamte Liebesgeschichte mit der Opernsängerin Renate Biskup wurde von einem IM protokolliert, den wiederum Gratzik zwei Jahre lang überwacht hatte. Das Bundesarchiv für Stasi-Akten ist voll von schrecklichen, aber eben auch von solchen absurden, völlig sinnlosen Geschichten.

ARTE: Ist Gratzik, obwohl er als IM Freunde und Bekannte verraten hat, sich selbst treu geblieben?
ANNEKATRIN HENDEL: Ich finde: ja. Gratzik ist 1961 als überzeugter Kommunist zur Staatssicherheit gegangen und war 1981 der Meinung, dass das ein großer Fehler war. Mit der Arbeit für die Stasi war er zu jemandem geworden, der sich benutzen ließ für die aus seiner Sicht gute Sache: Antikapitalismus, Antifaschismus. Und die Sache ist bis heute richtig für ihn, nur die Mittel waren falsch.

ARTE: Warum wird er dann, wenn Sie ihm die Frage nach seinem Gewissen stellen, laut und wütend?
ANNEKATRIN HENDEL: Ich weiß es nicht. Ich habe den Film auch deshalb gemacht, weil ich die Frage nach der Schuld wichtig finde, aber jeder Zuschauer muss sie sich selbst beantworten. Ich wollte zeigen, wie unglaublich ambivalent solche Geschichten sind. Ist Paul Gratzik Täter, ist er Opfer, ist er beides? Sind die anderen Opfer, sind sie Täter? Ich bin mit „Vaterlandsverräter“ durch Deutschlands Kinos getourt und habe nach den Vorführungen heftigste Diskussionen erlebt. Manche empfinden abgrundtiefen Hass, andere Respekt. Jeder sieht Paul Gratzik anders.

ARTE: Warum heißt Ihr Film „Vaterlandsverräter“?
ANNEKATRIN HENDEL: Man denkt vielleicht zuerst, der Vaterlandsverräter ist Paul Gratzik, aber das ist eben nicht so einfach. Der Titel ist als Fragestellung gemeint: Wer oder was ist ein Vaterlandsverräter? An wem ist die DDR kaputtgegangen? An Menschen wie Gratzik oder an seinen Auftraggebern? Gratzik sagt dazu im Film, es waren die Leute, die kein Vertrauen zu ihrem Volk hatten. Solange er als IM dabei war, also auch er.

 

INTERVIEW: KATJA ERNST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE Interview

 

Annekatrin Hendel

Annekatrin Hendel, Filmregisseurin, Autorin und Produzentin, wurde in Ostberlin geboren. 1989 war sie Mitbegründerin des Berliner Theaters 89, seit 2004 hat sie ihre eigene Produktionsfirma

 

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Paul Gratzik

Paul Gratzik, 1935 in Polen geboren, kam 1945 als Flüchtling nach Mecklenburg. Der gelernte Tischler und spätere Lehrer wurde als „schreibender Arbeiter“ in der DDR bekannt: 1977 hatte er mit seinem Theaterstück „Transportpaule“ seinen ersten literarischen Erfolg. Seit seiner Selbstenttarnung als Stasi-IM lebt er zurückgezogen in der Uckermark

 

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Kategorien: März 2013