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RENÉ GRUAU: DER MODEMALER

NDR/DocArt/Italien

NDR/DocArt/Italien

Als die Galeristin Joëlle Chariau 1982 endlich bei dem Meister der Eleganz ankommt, nach dem sie monatelang gesucht hat, ist sie überrascht: Der 73-jährige René Gruau empfängt sie im Garten seines kleinen Hauses im südfranzösischen Cannes – und trägt Shorts. „Er sah darin ziemlich gut aus“, erinnert sie sich. Joëlle Chariau darf sich heute die Wiederentdeckerin von Gruau nennen, einen der bedeutendsten Modezeichner der Geschichte. In den 1980er Jahren ist sein Name den meisten nicht mehr geläufig, es dauert ein halbes Jahr, bis die Galeristin herausfindet, wo er wohnt. Als es ihr endlich gelungen ist, mit ihm zu telefonieren, ist sie zunächst enttäuscht: Gruau gibt an, gar keine Modezeichnungen mehr zu besitzen. Bei einem Treffen in Paris relativiert sich dieses Bild allerdings. Joëlle Chariau fährt mit 60 Bildern nach Hause – und nach und nach tauchen immer mehr Schätze auf. Ende der 1990er Jahre gibt es zwei Gruau-Ausstellungen in Paris, die ihn wieder schnell in den Mittelpunkt des Interesses bringen.

 

Das Auge der Öffentlichkeit. Illustrationen, wie sie René Gruau geschaffen hat, spielen in der Mode heute nur noch eine kleine Rolle. Aber bis in die 1950er Jahre hinein waren sie nicht wegzudenken aus der Welt der schönen und teuren Kleider. Sie waren nicht nur das wichtigste Darstellungsmittel für Modezeitschriften wie die „Vogue“ und für die Werbung der Modehäuser. Sie waren meist auch die einzige Möglichkeit, zu erfahren, welche Entwürfe die Pariser Couturiers ihrer wohlhabenden Kundschaft offerierten. Modeschauen fanden im kleinsten Kreis statt. Fotografen waren nicht zugelassen, denn die Designer hatten panische Angst vor Kopisten. Die Modezeichner waren das Auge der Öffentlichkeit. Der Illustrator konnte die Mode nicht nur wiedergeben, sondern auch die Bewegung spürbar machen, die Eleganz und Grazie herausstellen. Gruau zeichnete nicht nur, was man trug, sondern auch, welche Haltung dazu gehörte. Die Kreationen von Pierre Balmain, Elsa Schiaparelli und Hubert de Givenchy wurden von der Welt so gesehen, wie René Gruau sie sah. Und manche Bilder sollte die Welt nie wieder vergessen.
Die Geschichte von Gruau beginnt in der oberen Gesellschaft von Rimini. Dort wird er 1909 als Renato Zavagli Ricciardelli delle Caminate geboren. Die Ehe seiner Eltern scheitert, er bleibt bei seiner Mutter, einer französischen Aristokratin, und nimmt ihren Mädchennamen Gruau an. Der Junge vergöttert seine Mutter. Diese Beziehung soll auch sein Bild von der modernen Frau prägen. Madame Gruau ist damals eine Erscheinung von höchster Eleganz, die es versteht, stilvoll Geld auszugeben, leider aber nicht, es einzunehmen. So beginnt René Gruau schon mit 14 Jahren zu arbeiten. Er versucht, seine Leidenschaft, das Zeichnen, zu Geld zu machen. Schon seine ersten Entwürfe für Mailänder Magazine werden Erfolge. Bis er 18 Jahre alt ist, erscheinen seine Bilder in Zeitschriften mehrerer Länder.

 

Erfinder der Image-Kampagne. Ende der 1920er Jahre zieht er mit seiner Mutter nach Paris. Dort wird die Zeitung „Le Figaro“ sein Arbeitgeber. Alle zwei Wochen bestückt er die samstägliche Modeseite. Dabei wechselt er sich mit einem jungen Kollegen ab, der, so Gruau, „sich still, aber elegant in die Redaktion schlich, steif und kultiviert erschien, aber im Kreise seiner engsten Freunde richtig loslegte“: Christian Dior. Als dieser ein eigenes Modehaus eröffnet, beauftragt er Gruau, das öffentliche Erscheinungsbild zu gestalten. Es ist sein Durchbruch. Gruau zeichnet Motive für den Duft „Miss Dior“ – und entwirft etwas Revolutionäres: Er zeichnet ein Plakat, das keinen Flakon zeigt. Stattdessen transportiert er die Assoziationen zum Duft. Eine Frauenhand, die sich auf die Pranke eines Leoparden legt etwa. Damit hat Gruau die moderne Image-Kampagne erfunden. Sein Motiv des Dior-Lippenstifts „Rouge Baiser“, das die Konturen einer Frau mit roten Lippen und einer schwarzen Augenbinde zeigt, zählt heute zu den berühmtesten Bildern der Modeillustration.
In Paris ist Gruau in den 1950er Jahren ein Superstar. Er fährt bei den Schauen in einem weißen Rolls-Royce vor, auf den sein Markenzeichen gepinselt ist: Ein geschwungenes „G“ mit einem Stern darüber. Sein Chauffeur trägt ihm die Zeichenmappe hinterher, wenn er seinen Platz in der ersten Reihe einnimmt. „Er war ein grafisches Genie“, sagt Joëlle Chariau, „er war vielseitig wie kein Anderer und hat viele Elemente der Pop-Art vorweggenommen.“ Doch Gruau hat sich nie als Künstler verstanden. Für ihn waren die Zeichnungen einfach Auftragsarbeiten.

 

Schöpfer eines Körperideals. Seine künstlerische Entwicklung ist unverkennbar. Er strebt immer weiter nach Reduktion: Sein Markenzeichen ist eine dominierende Konturenlinie, die flankiert wird von verschiedenen Ausformungen und Schattierungen. Zwischen diesen Linien entsteht nicht nur die Wiedergabe eines Kleidungsstückes – sondern die einer weiblichen Figur. Gruaus Frauen sind flüchtig, fast unkörperlich. Seine späteren Zeichnungen ähneln japanischen Kalligrafien: Feenwesen aus wenigen Strichen mit endlosen Beinen. Dieses Körperideal, das heute noch die Laufstege beherrscht, ist eine Schöpfung aus der Blütezeit von Zeichnern wie Gruau.
Sein langjähriger Freund Christian Dior stirbt 1957. Aber René Gruau macht weiter. Als Meister der subtilen Andeutung zeichnet er Plakate für Pariser Nachtclubs wie das Lido und das Moulin Rouge. „Mein Gott, all diese jungen, nackten Frauen, viel Busen, ein paar Federn, fertig“, erinnert er sich später. Sein Stil steht für das alte Paris, wo selbst das Unanständige elegant sein kann. Auch das Plakat des Films „La Dolce Vita“ von
Federico Fellini ist von ihm.
Ende der 1950er Jahre wird seine Branche erschüttert. Die Modefotografie setzt sich durch. In den Zeitungen und den Anzeigen erscheinen nur noch fotografierte Strecken. In den 1960er Jahren wird die amerikanische Straßenmode beliebt. Die alte Pariser getuschte und kolorierte Welt spielt keine Rolle mehr. Die Zeit der Modeillustration ist vorbei. Viele Kollegen müssen den Job aufgeben, Gruau arbeitet als einer der wenigen weiter, wenn auch nur noch in kleinem Rahmen. Seine große Wohnung in Paris verkauft er und zieht sich an seinen Zweitwohnsitz nach Cannes zurück.

 

Abschied ohne Trubel. Gruau zeichnet bis ins hohe Alter hinein. Privat malt er gerne in Öl: Pflanzen und Tiere, keine Frauen. Erst im Alter von 90 Jahren hört er auf zu malen. Das sei der Moment gewesen, als er alt geworden sei, sagen Menschen, die ihn kannten. Als René Gruau 2004 stirbt, nimmt die Welt davon keine Notiz. Nicht, weil es niemanden interessiert hätte, sondern weil der Verstorbene selbst es so verfügt hatte.
Erst einen Monat nach seinem Tod sollte sein Ableben bekannt gegeben werden, er wollte keinen Trubel an seinem Grab. So wie es sich für jemanden gehört, der selbst nie im Scheinwerferlicht sein wollte, sondern dicht daneben. Auf dem Stuhl in der ersten Reihe vor dem Laufsteg.

 

TILLMANN PRÜFER FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE-GASTAUTOR: TILLMANN PRÜFER IST JOURNALIST UND STYLE DIRECTOR BEIM „ZEIT MAGAZIN“

 

 

ARTE PLUS

 

BUCH-TIPPS

Rejane Bargiel, Sylvie Nissen: „Gruau: Portraits of Men“ (Assouline 2012);

Joëlle Chariau, Colin McDowell, Holly Brubach: „Bilder der Mode: Meisterwerke der Modezeichnung aus 100 Jahren“ (Prestel Verlag 2011);
Harriet Worsley: „Fashion: Mode von 1900 bis heute“ (h.f.ullmann 2011);
Charlotte Seeling: „Mode: 150 Jahre: Couturiers, Designer, Marken“ (h.f.ullmann 2010);
Cally Blackman: „Modezeichnungen“ (Collection Rolf Heyne 2009);
Farid Chenoune, Laziz Hamani: „Dior“ (Collection Rolf Heyne 2007);
Fançois Baudot: „Gruau“ (Assouline 2003)

(Auswahl)

 

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Kategorien: März 2013