aurore.schaller@arte.tv

NINA HOSS: ZURÜCK IN DIE ZUKUNFT

ZDF/Gordon A. Timpen

ZDF/Gordon A. Timpen

Sie weiß, dass er bittere Orangenmarmelade hasst und auf Reisen immer seine Zahnbürste vergisst. Dass er an das Gute im Menschen glaubt, außer bei Anwälten und Lehrern. Und sie weiß, dass sie August erst in ein paar Monaten kennenlernen wird. Am 12. Mai 2011 wird das sein, nachmittags um viertel nach zwei. An dem Tag, als sie ihrer besten Freundin beim Sterben zusehen muss. Juliane ist auf unerklärliche Weise in ihre eigene Vergangenheit zurückversetzt – und muss die letzten sechs Monate ihres Lebens noch einmal erleben.

 

Alles beginnt mit einer Reise nach Finnland. Juliane ist frisch verliebt und will August ihrem Vater vorstellen, der dort lebt. Doch eines morgens erwacht sie im verschneiten Berlin. Sie spürt noch die Mittsommersonne Finnlands auf ihrer Haut, im Rücken den unbequemen Autositz, auf dem sie in Augusts Armen eingeschlafen war. Jetzt liegt sie im Bett und wird unsanft von Exfreund Philipp geweckt. Es ist ihr altes Leben von vor sechs Monaten, zusammengeflickt aus versickernder Leidenschaft und liebgewonnener Gewohnheit. Philipp ist Firmenchef, sie seine Angestellte, beide Mitte 30, etabliert, kinderlos. An diesem Feb-ru-armorgen lebt Julianes beste Freundin noch und August weiß noch nichts von Juliane. Wird er sich wieder in sie verlieben? Und kann sie ihre beste Freundin Emily vor dem Tod bewahren? Das sind die Fragen, die Juliane die nächsten sechs Monate antreiben werden.

 

Ein kleines schwarzes Loch im Herzen. Was ist im Leben überhaupt selbst gewählt, was vorherbestimmt? Darum geht es im Film „Fenster zum Sommer“: Gibt es ein Schicksal, gibt es die große Liebe, gibt es den einen, unwiederbringlichen Moment im Leben? Nina Hoss, die Juliane spielt, meint nein: „Wenn Schicksal dafür steht, dass man nichts ändern kann, man dem Leben ausgeliefert ist, dann glaube ich nicht daran.“ Regisseur Hendrik Handloegten drückt es so aus: „Ich glaube, dass wir in vielen Dingen des Lebens vollkommen für unsere Entscheidungen verantwortlich sind. Allerdings gibt es zwei Bereiche, für die das nicht gilt: die Liebe und den Tod.“ Die Erinnerung an den Tod der besten Freundin ist es, die Juliane auch in der Gegenwart mit August nicht losgelassen hatte, die mit ihr durch Finnland gefahren war. Für Nina Hoss ist sie eine „hoffnungsvolle Frau mit einem kleinen schwarzen Loch im Herzen“. Und dieses Loch will Juliane im zweiten Anlauf stopfen.
Er sei sofort von der Frage fasziniert gewesen, was jemand in der Vergangenheit ändern würde, bekäme er die Chance dazu, erklärt Hendrik Handloeg-ten die Inspiration für seinen Film, der auf dem gleichnamigen Roman von Hannelore Valencak von 1977 basiert. „Alles genauso noch einmal erleben zu müssen, das wäre furchtbar“, meint Nina Hoss. „Ich kann keinen Berg hochgehen und dann auf dem gleichen Weg wieder zurückgehen, das langweilt mich zu Tode, ich muss Umwege finden, Hauptsache nicht zurückgehen.“ Das Weiterkommen ist es auch, das sie oft mit vertrauten Menschen zusammenarbeiten lässt, weil man „jedes Mal, wenn man wieder zusammenarbeitet, einen Schritt vorankommt“. Mit Filmemacher Christian Petzold blickt sie heute auf fünf preisgekrönte Filme zurück. „Fenster zum Sommer“ ist zwar der erste Kinofilm mit Regisseur Hendrik Handloegten, aber Hoss ist seit Jahren mit ihm befreundet, ebenso wie mit Fritzi Haberland (die Emily spielt), mit der sie die Ernst-Busch-Schauspielschule in Berlin besuchte. Auch Mark Waschke (August) und Lars Eidinger (Philipp) waren im selben Jahrgang. Der gemeinsame Dreh sei zwar nicht geplant gewesen, aber sie empfinde es als gewinnbringend, sagt Hoss.

An einem Sehnsuchtsort. Einen Film über die Frage nach dem Schicksal und der eigenen Identität zu drehen, gelingt wohl nur gut, wenn man etwas Persönliches von sich hineingibt, wie Hendrik Handloegten es getan hat. Dass der erste Teil von „Fenster zum Sommer“ in Finnland spielt, liegt daran, dass es der „Sehnsuchtsort“ von Hendrik Handloegten ist, der dort geboren wurde und seine ersten fünf Lebensjahre verbrachte. „Ich war 35 Jahre lang nicht dort gewesen und ich fühlte mich gleichzeitig fremd und beheimatet“, beschreibt er seine Rückkehr dorthin. „Dazuzugehören und doch von draußen draufzublicken“, dieses Gefühl der Zerrissenheit begleite auch die Protagonisten des Films, allen voran Juliane.
Meisterhaft transportiert das die Filmmusik des preisgekrönten finnischen Komponisten Timo Hietala. Die Kantele, ein traditionelles finnisches Instrument, bringt diesen sonderbar sehnsuchtsvollen Sound. Nina Hoss konnte sich vor dem Dreh – was sehr selten ist – die ersten Aufnahmen anhören, was ihr das Eintauchen in die Rolle erleichtert hat: „Die Melodie, die den Film begleitet, hat sowohl etwas Treibendes als auch etwas Elegisches, etwas Trauriges als auch etwas Hoffnungsvolles. So wie die innere Lebenswelt von Juliane. Dieses Hin und Her, mal glücklich und mal am Boden zerstört, aber immer mit einem Trieb nach vorne.“ Diese Heimatlosigkeit spiegelt sich auch in den gegensätzlichen Schauplätzen des Films wieder: Das verschneite Berlin trägt schwer an Julianes Vergangenheit, das sonnenhelle Finnland treibt leicht in die Zukunft. Beides zu verbinden, ist die Herausforderung für Juliane. Aber in welche Richtung soll sie gehen? Ist ihre Liebe zu August vielleicht für immer verloren? Muss sie alles noch einmal genauso machen wie beim ersten Mal? Doch das kann sie nicht, will sie ihre Freundin retten. Handloegten fasst die Wandlung seiner Protagonistin so zusammen: „Juliane erkennt im Laufe der Geschichte, dass ihr Glück oder Unglück nicht von August abhängt.“
Auf einer Fähre nach Finnland entscheidet sich am Ende des Films, ob sich die Frau, die in der Vergangenheit gefangen ist und der Mann, der in der Zukunft herumirrt, wiederfinden werden. Damals, als die beiden noch ein Paar waren, hatte August, an der Reling stehend, verschmitzt gesagt: „Es tut mir ja furchtbar leid, aber es wird was aus uns.“ Jetzt steht Juliane allein an der Reling. Was wird sie tun? Sie kennt die Antwort. Sie hat ihr Schicksal selbst in der Hand.

 

DIANA AUST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

 

DAS BUCH ZUM FILM

„Fenster zum Sommer“
basiert auf einem Roman der österreichischen Schriftstellerin Hannelore Valencak (1929–2004), der 1967 erstmals unter dem Titel „Zuflucht hinter der Zeit“ aufgelegt wurde. 1977 erschien die Neuausgabe „Fenster zum Sommer“. Im Original schläft die frisch verheiratete Protagonistin Ursula einen Tag vor der Hochzeitsreise im Juli ein, um bei ihrer herrischen Tante im Februar wieder aufzuwachen. Das Werk wurde damals als Emanzipationsgeschichte einer Frau gelesen, die zwischen verwandtschaftlicher Bevormundung und dominanter Männerwelt ihre Selbstbestimmung erkämpfen muss

 

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis! Oder entdecken Sie das ARTE Magazin als E-Paper-Version für unterwegs!

Kategorien: März 2013