MUTTER, NA UND?

Drushba Pankow

Drushba Pankow

Die Französin ist Europameisterin im Kinderkriegen. 2,01 Kinder pro Frau! Das bedeutet europäisches Gold! Außerdem ist sie ein Mythos: elegant, feminin, verführerisch. Und schließlich: Sie arbeitet, oft ganztags, auf jeden Fall ganz selbstverständlich. Deutsche, die ihr im Gebärstreik verharrt, blickt nach Frankreich! Das hören wir seit Jahren, in der Diskussion um unsere tiefschwarze demografische Zukunft. Doch das französische Modell, das uns in vielem voraus ist, lässt sich nicht kopieren – weil die Unterschiede gewaltig sind, in der Familienpolitik und im Selbstverständnis der Frauen.

 

(West-)Deutsche betreiben einen Kult ums Kind, Franzosen einen Kult der Trennung nach dem Motto: „Ich liebe meine Kinder, aber deshalb muss ich sie nicht ständig um mich haben.“ Das Leben geht für eine frischgebackene französische Mutter weiter, nicht mit einem symbiotischen Stillerlebnis, sondern mit einer schönen Diät. Schnell geht sie zurück in den Job – muss es meist, weil ein Gehalt, das des Mannes, nicht ausreicht.
Nichts ist verpönter, als eine Glucke zu sein, eine „mère poule“, die ihre Kinder mit ihrer Präsenz erstickt. Die Französin hat auch keine Zeit für ideologische Grabenkämpfe, wie sie unter Deutschen toben – wo die eine Fraktion „faul“ zu viel Latte Macchiato trinkt und die andere „egoistisch“ zu viel Karriere macht, was, laut Bindungstheorie, das Kind in den psychischen Ruin treibt: Rabenmutter!
Französinnen finden ihr Mutterglück ganz ohne Bindungstheorie, sie haben noch nie von ihr gehört. Die Trennung von Mutter und Kind ist normal – auch wenn der Nachwuchs beim Abschied herzzerreißend heult. Im zartesten Windelalter kommt er in die „crèche“ (Krippe) oder zur Tagesmutter und ab drei Jahren in die „école maternelle“ (Vorschule), ganztags. Denn ab der ersten Klasse ist Ganztagsschule ohnehin Pflicht, die Betreuung in der „garderie“ (Hort) flächendeckend.
Seit dem 19. Jahrhundert gilt diese Familienpolitik, in der Kinder nicht Privat-, sondern Staatsangelegenheit sind – damit Frauen Nachwuchs bekommen, anstatt sich zu fragen, ob sie ihn mit ihrer Karriere vereinbaren können. Ist Frankreich also ein Paradies für Mütter? Jein. Denn die unabhängige Französin, die mit einem Hauch von Chanel durch ihren vollgepackten Alltag stöckelt, ist ein Mythos: Französinnen sind oft müde und gestresst.
Nicht perfekte Mütter sollen sie sein, sondern perfekte Frauen, aktiv, attraktiv, immerzu, und nebenbei den Mehr-
personenhaushalt schmeißen. Wie sie das schaffen? Mit viel Pragmatismus und Tiefkühlkost. Kinder haben sich anzupassen. Und: wenig Freiraum. Das deutsche und das französische Modell, sie können viel voneinander lernen.

 

KATJA ERNST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ILLUSTRATION: DRUSHBA PANKOW

 

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Kategorien: März 2013