ICH KRIEG’ DIE KRISE!

SWR/zero one film/Tom Trambow

SWR/zero one film/Tom Trambow

„Findest du, wir sollten mehr Sex haben?“ Als Arndt Brunner seiner Frau Mai diese Frage stellt, ist deren Krise schon in vollem Gange. Mai hat als Hausfrau und Mutter all ihre Wünsche zurückgestellt. Jetzt, da ihre älteste Tochter Paulina auszieht und sich der 14-jährige Ben langsam abnabelt, hätte sie endlich Zeit, das zu tun, was sie wirklich will. Doch: Was will sie eigentlich? Ihr Mann Arndt, ein selbstständiger Elektroinstallateur, wollte seiner Familie immer etwas bieten – ein Haus, einen Garten, einen Swimmingpool. Also hat er viel gearbeitet und sich sonst aus allem herausgehalten. Jetzt merkt er, dass er seine Frau nicht mehr versteht und ihm seine Kinder entgleiten. Hat er alles falsch gemacht? Und wenn ja, was kann er jetzt noch ändern?

 

Das ist der Stoff, aus dem die Serie „Zeit der Helden“ gemacht ist, die in Zusammenarbeit von ARTE und dem SWR koproduziert wurde. Es geht um die großen Zweifel des Lebens, die die meisten Menschen mit Mitte 40 haben. Wenn Bilanz gezogen wird und die Frage aufkommt, was die Zukunft noch bringen wird – das ist die Midlife-Crisis oder „la crise de la quarantaine“, wie die Franzosen sie nennen. Grund genug, Trübsal zu blasen? Nein!

 

Den anderen bei der Krise zugucken. ARTE macht aus dem sonst oft mit Frust besetzten Thema ein transmediales Experiment – in Form einer Echtzeit-Serie. Die Zuschauer können jeden Abend zwei Episoden aus dem krisengebeutelten Leben der Familie Brunner erleben – wenn es bei ihnen 20.43 Uhr ist, dann ist es auch bei den Zuschauern 20.43 Uhr. In Echtzeit zu drehen, war eine besondere Herausforderung für Regisseur Kai Wessel („Klemperer – Ein Leben in Deutschland“ 1999, „Hilde“ 2009): „Wie erzählt man glaubhaft Realität, ohne dabei den Menschen beim Essen oder gar auf der Toilette zuzusehen – und was ist für die Zuschauer dabei packend?“

 

Diese Geschichte könnte wirklich gerade in diesem Moment irgendwo stattfinden.

Die Herausforderung hat Wessel angenommen, drei Lebensentwürfe setzt er zusammen mit den Drehbuchautoren Beate Langmaak und Daniel Nocke in Szene: den der Familie Brunner mit traditioneller Geschlechterverteilung; den des kinderlosen und beruflich erfolgreichen Nachbarspaars; und den des Singles, der mit Escort-Frauen durchs Leben geht. Dabei geht es nicht um ein „Abfilmen des Alltags“, betont Andreas Schreitmüller, Hauptabteilungsleiter der Spielfilm- und Fernsehfilmabteilung von ARTE. „Wir erwarten von einer Familienserie Spannung, Humor, Konflikte und Verwicklungen. Der spezielle Reiz des Formats besteht in der Gleichzeitigkeit von Handlung und Ausstrahlung.“ Kai Wessel fügt hinzu: „Diese Geschichte könnte wirklich gerade in diesem Moment irgendwo stattfinden.“ Um das zu simulieren, hat sich das Team an der Ästhetik von Vorbildern wie den Dogma-Filmen orientiert. Zudem wurde mit einer neuartigen Kamera gedreht, durch die es möglich ist, nur mit Originallicht zu drehen. Das macht die Serie authentisch, schafft Intimität und erlaubte zudem eine große Freiheit beim Dreh: „Wir haben Szenen über Minuten durch alle Stockwerke und Keller, Vorgärten und Straßen laufen lassen“, so Wessel.

 

Nicht die Krise kriegen! Das transmediale Projekt beschränkt sich nicht nur auf den Fernsehbildschirm, wo in der Osterwoche jeden Abend „Zeit der Helden“ läuft. Die Geschichte der Familie Brunner wird online weitergestrickt. Das verstärke den Echtzeit-Effekt, so Volker Heise von der Produktionsfirma zero one, die die Idee zum Fernseh-Experiment lieferte. Auf zeitderhelden.de wird das Leben der Protagonisten simuliert, durch Schnappschüsse aus ihrem Alltag tagsüber, abhörbare Mailbox-Nachrichten, Fotos, Videos oder Einträge in Internet-Foren – immer dann, wenn es geschieht. Das kann parallel zur Ausstrahlung sein, was den Zuschauern während des Fernsehschauens die Möglichkeit zur Interaktion und Vertiefung gibt. Das kann aber auch jederzeit zwischen den insgesamt neun Folgen der Serie sein. Ein Online-Spiel bietet zudem die Möglichkeit, die Geschichten vor der Geschichte am Bildschirm zu entdecken. Ziel der Internetaktivitäten ist es, den Protagonisten ihre Erinnerung zurückzugeben und herauszufinden, wie und warum sie in die Midlife-Crisis kamen.

Martina Zöllner, Hauptabteilungsleiterin Kultur des SWR, beschreibt das Projekt als Einladung an die Zuschauer, „am Serienleben der Protagonisten teilzunehmen, als wäre man ,live‘ dabei“. Ob das Experiment klappt, werden Sie natürlich nur erfahren, wenn Sie mitmachen. Aber Vorsicht – nicht die Krise kriegen!

 

SABINE KLÜBER UND DIANA AUST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

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Kategorien: März 2013