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APPARAT DER FINSTERNIS

ARTE France

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Avraham Shalom sieht mit seinen roten Hosenträgern aus wie der gutmütige Großvater, der trotz seiner 85 Jahre mit den Enkelkindern auf dem Fußboden herumkrabbelt. Doch er ist ein Mann, der Morde in Auftrag gab.

 

Es ist ein Abend im Frühling 1984, als vier Palästinenser den Bus 300 von Tel Aviv nach Ashkelon entführen. Sie schießen auf Passanten und drohen, den Bus zu sprengen. Um vier Uhr morgens stürmt die israelische Armee den Bus: Zwei der Entführer erschießt das Kommando sofort, zwei weitere werden überwältigt und dem Inlandsgeheimdienst Schin Bet übergeben. Avraham Shalom, damaliger Leiter des Schin Bet, trifft die Entscheidung, die Terroristen töten zu lassen: Im Kampf gegen Terror gibt es keine Gnade. Normalerweise bleiben die Folgen solcher Entscheidungen der Öffentlichkeit verborgen, so wie nahezu alles, was der Schin Bet tut. Die Morde in dieser Nacht aber nicht – weil Fotografen den Moment der Übergabe der Entführer an die Geheimagenten festhielten, und damit den Beweis lieferten, dass sie lebend gefasst wurden. Es ist ein Skandal damals in Israel, als ans Licht kommt, was der Schin Bet verantwortet. Der Fall wird untersucht, doch Shalom streitet seine Schuld ab

 

Nun, 30 Jahre später, nimmt Avraham Shalom für den eindringlichen Dokumentarfilm „Töte zuerst! Der israelische Geheimdienst Schin Bet“ das erste Mal Stellung dazu. Weitere fünf ehemalige Schin-Bet-Chefs packen ebenfalls aus – Männer, die mehr über den Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern wissen, als sonst jemand. Die deutlich sagen, dass Israels Politiker strategielos agieren und Gelegenheiten, Frieden zu schließen missachteten. Der Film, der zahlreiche internationale Auszeichnungen erhielt und für den Oscar nominiert ist (die Oscarverleihung fand nach Redaktionsschluss statt, Anm. d. Red.) schockierte die Israelis, als er im Januar, gerade als die dortigen Parlamentswahlen stattfanden, in die Kinos kam. Unkommentiert und schonungslos legt er die Arbeit des Schin Bet aus Sicht dieser sechs Geheimdienst-Chefs offen; zum Teil selbstkritisch verurteilen sie einstimmig die israelische Besatzungspolitik.

 

Lange geleugnet. Der Schin Bet sorgt seit 1948 für die Sicherheit im Inland und operiert teilweise auch im Ausland. Lange Zeit wurde seine Existenz vor der Öffentlichkeit geheimgehalten. Journalisten sprachen von einem dubiosen „Apparat der Finsternis“. Erst 1957 räumte Premierminister Ben Gurion im Parlament auf Anfrage zweier Abgeordneter ein: Der Inlandsgeheimdienst existiert. Er selbst hatte ihn 1948 gegründet und bis heute untersteht er direkt dem Premier. Und bis heute kommen seine Aktionen nur selten ans Licht. Die Schattenmänner operieren hauptsächlich in den besetzten Gebieten im Westjordanland – und alles, was dort geschieht, wird von der israelischen Militärzensur gefiltert. Ereignisse aus dem Westjordanland finden medial in Israel kaum statt. Der israelische Filmemacher Dror Moreh konnte jedoch alle sechs ehemaligen Schin-Bet-Leiter für seinen Film gewinnen: „Vier von ihnen hatten bereits 2003 in Israel vor der künftigen Katastrophe gewarnt, sollte man nicht über einen Palästinenserstaat nachdenken. Doch es brauchte Zeit, sie zu überzeugen, vor der Kamera zu sprechen“, sagt Moreh.

 

Zweifelhafte Methoden. Terrorismusbekämpfung, Spionageabwehr, das Überwachen von Regierungsgebäuden – und das Ausschalten von Gegnern, das sind die Hauptaufgaben des Schin Bet. War der Apparat zu Beginn noch recht klein und unbedeutend, änderte sich das während des Kalten Krieges schlagartig. Weil die Agenten jüdische Einwanderer aus Osteuropa und der UdSSR intensiv verhörten, wusste kein Geheimdienst der Welt so gut darüber Bescheid, was hinter dem Eisernen Vorhang geschah – für die USA von unschätzbarem Wert. Nach dem Sechstagekrieg 1967 weitete sich Funktion und Einfluss des Schin Bet auf das besetzte Ost-Jerusalem und das Westjordanland aus. Über Nacht standen etwa eine Million Palästinenser unter israelischer Verwaltung – heute sind es mehr als doppelt so viele. In den besetzten Gebieten wurde der Schin Bet unter den Palästinensern bald zu einem Symbol des Schreckens. „Wir haben damals mit Anti-Terror-Maßnahmen begonnen, obwohl der Terrorismus noch in den Anfängen steckte“, sagt Avraham Shalom. Das Kerngeschäft sah zunächst so aus: Palästinensische Gefangene wurden in israelische Uniformen gesteckt, man setzte ihnen eine Sonnenbrille auf und fuhr mit ihnen durchs Westjordanland. Sie sollten Männer verraten, die sie von PLO-Ausbildungscamps kannten. Während der ersten und zweiten Intifada (1987 und 2000)fahndete der Schin Bet nach so vielen politischen Gegnern wie kein anderer Geheimdienst zuvor. Doch um an Informationen zu kommen, wird systematisch gefoltert. Eine 1987 eingesetzte Untersuchungskommission stellte fest, dass der Geheimdienst ab 1971 vor Gericht konsequent darüber log, wie sie Verdächtigen Geständnisse abringen. Immer noch weisen israelische Menschenrechtsorganisationen auf brutale Verhörmethoden hin – trotz Verbots 1999 durch das Oberste Gericht.

Über eines sind sich heute alle Schin-Bet-Chefs einig: Israels Politik geht den falschen Weg. Um Frieden zu erlangen, gibt es keine Alternative zu Gesprächen. „Wir haben alle Schlachten gewonnen, aber den Krieg verloren“, erkennt Ami Ayalon, ehemaliger Schin-Bet-Chef.

 

SIMON HUFEISEN FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

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ISRAELS GEHEIMDIENSTE

Schin Bet: Der Inlandsgeheimdienst wurde 1948 gegründet und ist vergleichbar mit dem US-amerikanischen FBI. Er ist für die innere Sicherheit und Spionageabwehr zuständig Mossad: Der Auslandsgeheimdienst wurde 1949 gegründet und ist vergleichbar mit der US-amerikanischen CIA. Seine Aufgaben: Nachrichtenbeschaffung, Geheimaktionen und Terrorismusbekämpfung Aman: Der Militärische Nachrichtendienst beobachtet potenzielle Feinde Israels

 

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Kategorien: März 2013