SIBEL KEKILLI: GEGEN DEN STROM

Majestic/Christian Hüning

Majestic/Christian Hüning

„Wenn Sie Ihr Leben beenden wollen, dann beenden Sie doch Ihr Leben, aber dafür müssen Sie doch nicht sterben.“ Es war 2002, als Sibel Kekilli diesen Satz las. Und ihr war klar, wie exakt er auf ihre eigene Situation zutraf. Es war eine Dialogzeile aus Fatih Akins Film „Gegen die Wand“ und die Hauptrolle in diesem Drama bedeutete einen Bruch mit Sibel Kekillis eigener Biografie, wie sie ihn jahrelang ersehnt hatte. Auch wenn die damals 22-jährige Deutschtürkin den Wunsch nach einer Schauspielkarriere mit vielen teilte, bei nur wenigen war der innere Druck so groß. „Ich habe meine Vergangenheit beendet, ohne dass ich mich umgebracht habe,“ sagte sie damals. Schon solche Aussagen sind ein Indiz für die Radikalität, die die gesamte Laufbahn Sibel Kekillis kennzeichnet.

 

Selbstbestimmung als Ziel

Es scheint symptomatisch, dass Kekilli gerade dann präsent ist, wenn sich das deutsche Kino über emotionale Schmerzgrenzen hinauswagt. Das war schon bei „Gegen die Wand“ 2004 der Fall, der einzigen deutschen Produktion nach 18 Jahren, die den Goldenen Bären der Berlinale gewinnen konnte. Und das Gleiche gilt für „Die Fremde“ (2010): Der Film sorgte für Furore und brachte Kekilli den zweiten Deutschen Filmpreis und die Auszeichnung als beste Schauspielerin beim renommierten New Yorker Tribeca Film Festival ein. Unter der Regie von Feo Aladag spielt sie eine junge Türkin, die ihren Mann in Istanbul verlässt, um in ihrem Geburtsland Deutschland ein selbstbestimmtes Leben zu führen – mit tragischen Folgen.

Obwohl Kekilli in einem vergleichsweise modern eingestellten Umfeld aufwuchs, so reflektiert der Film einzelne Aspekte ihres eigenen Werdegangs. „Ich wurde jahrelang in meiner Familie und von Verwandten kleingehalten wie die meisten türkischen Mädchen.“ Auch in ihrer Schauspielkarriere ist sie vor negativen Reaktionen nicht gefeit. Als sie etwa 2006 in „Winterreise“ von Hans Steinbichler zu sehen war, wurden Vorwürfe aus ihrem Umfeld laut, weil sie eine Kurdin spielte: „Wenn ich da nachgebe, darf ich gar nichts mehr tun“, so Kekilli. Schon vorher hatte sie gelernt, äußere Beschränkungen abzustreifen. Nach einer Ausbildung als Verwaltungsfachangestellte bearbeitete sie in ihrer Heimatstadt Heilbronn Müllgebührenbescheide – doch gleichzeitig drehte sie vereinzelt Pornofilme, als Akt der „Rebellion“, wie sie später sagte, und weil sie Geld brauchte. Ein Fakt, der bestenfalls noch als Randnotiz taugt; gleichwohl zeigt sich daran ihre kompromisslose Lebenseinstellung, die dazu führte, dass sie die Kleinstadtbürokratie hinter sich ließ und 2002 nach Essen zog. Dort schlug sie sich mit verschiedensten Gelegenheitsjobs durch – bis sie wenig später von der Besetzungsagentin von „Gegen die Wand“ angesprochen wurde.

Wer glaubt, sie sei ein dominantes Energiebündel, der wird auf den ersten Blick enttäuscht: 1,63 Meter Körpergröße, die Gestalt schmächtig, die Stimme mädchenhaft hell, wenngleich fest. Diese Zerbrechlichkeit zeigt sich nicht nur körperlich. Nach dem Gewinn des Goldenen Bären für „Gegen die Wand“ brach sie im Taxi zusammen und weinte: „Nicht vor Freude, sondern weil mir alles zu viel wurde.“ Selbst heute noch sei sie nicht gern auf dem roten Teppich unterwegs, weil sie „Angst vor dem Zuschauer und vor der direkten Reaktion“ hat. Doch in allem, was sie anpackt, zeigt sich ihre enorme Willenskraft.

 

Schritte in eine große Zukunft
Kekillis besondere Ausstrahlung hat auch ihre Wirkung, wenn sie ausnahmsweise einmal Komödien wie Matthias Schweighöfers „What a Man“ – ihr größter Publikumserfolg in Deutschland – dreht. Das mag auch diese bemerkenswerte Karriere erklären. Nach dem geradezu märchenhaften Durchbruch mit „Gegen die Wand“ nahm sie zunächst nur wenige Rollen an, aber seit „Die Fremde“ ist sie eine feste Größe der hiesigen Medienlandschaft. 2010 gelang es ihr, sich in einer Ikonenrolle des deutschen Fernsehens zu etablieren – als Kieler „Tatort“-Kommissarin. Doch der spektakulärste berufliche Schritt vollzog sich nicht in Europa, sondern in den USA. Im Quoten- und Kritikererfolg, der Fantasy-Serie „Game of Thrones“ des Senders HBO, dessen dritte Staffel in diesem Jahr anläuft, spielt sie eine Schlüsselfigur. Und doch spekuliert sie nicht auf den Sprung in die US-Branche: „Dort gibt es schon so viele arbeitslose Schauspieler. Da bin ich echt schon dankbar, dass ich meine Miete hier bezahlen kann,“ meint sie in glaubwürdigem Understatement. Aber sie weiß auch, dass ihre Entwicklung bei weitem noch nicht abgeschlossen ist. Denn in gewisser Weise ist der Titel von „Die Fremde“ auch ein Motto für ihre eigene Existenz: „Man fühlt sich fremd, wenn man noch nicht weiß, wer man ist.“ Doch das sieht sie keinesfalls negativ: „Man sollte immer auf der Suche nach der eigenen Identität bleiben, weil das bedeutet, dass man nicht stehen bleibt.“

 

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Kategorien: Februar 2013