EUROPÄISCHE UMSTÄNDE

telekult/Thomas Henkel

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Andere Länder, andere Geburten? Wie gebären Frauen in Norwegen und in den Niederlanden, in Deutschland, Frankreich oder Tschechien? Welche Traditionen gibt es – und welchen Rahmen setzt das Gesundheitssystem? Für ihre Langzeitstudie „Gebären und geboren werden in Europa“ befragte die Geburtsforscherin Beate Schücking in den Jahren 1994 bis 2010 Schwangere und frischgebackene Mütter, Hebammen, Pfleger und Ärzte. Mit dem ARTE Magazin sprach sie über die Vielfalt von Geburtskulturen in Europa zwischen Hebammen-Geburtshilfe und Hightech-Medizin.

 

ARTE: Frau Schücking, was hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten überrascht?
BEATE SCHÜCKING: Interessant fand ich, dass sich besonders krasse Unterschiede zwischen Ländern gezeigt haben, die in großer Nachbarschaft zueinander liegen, wie die Niederlande und Frankreich.

ARTE: Wie entbinden denn die Niederländerinnen?
BEATE SCHÜCKING: Geburt wird als etwas Selbstverständliches gesehen, um das man, wenn keine Komplikationen auftreten, medizinisch kein besonderes Aufhebens macht. Man traut den Frauen zu, dass sie eine Geburt zu Hause hinbekommen, mit Unterstützung einer Hebamme. „Stell dich nicht so an“, diese Haltung ist auch von der calvinistischen Kultur des Landes geprägt. Und wenn die Frauen es geschafft haben, wird groß
gefeiert – mit eigenen Sitten und Gebräuchen.

ARTE: Wo liegt der Unterschied zu Frankreich?
BEATE SCHÜCKING: Geburt ist in Frankreich sehr technisch. Mehr als zwei Drittel aller Frauen gebären mithilfe von Periduralanästhesie, der Rückenmarkspritze PDA: Maximale Schmerzausschaltung wird als Errungenschaft der Frauenbewegung gesehen, als ein Anrecht, das allen Frauen zusteht, und als wesentlicher Fortschritt. Aber eine hohe Rate von Periduralanästhesien bringt Komplikationen mit sich wie den vermehrten Einsatz von Saugglocke oder Geburtszange. Doch das wird nicht als Problem gesehen, es gehört mit dazu. Die vorsichtig skeptische Haltung, die ich als Forscherin und als Deutsche ausdrückte, wurde beantwortet mit: „Ach, ihr Deutschen, ihr seid ja Romantiker.“ Der Fortschrittsaspekt steht in Frankreich so stark im Vordergrund, dass sich keine große Kritik regt.

ARTE: Woher kommt diese Haltung?
BEATE SCHÜCKING: Bis heute ist die französische Kultur stark durchdrungen vom Geist der Aufklärung: maximale Information und Zugang zu allem für alle, auch zu technischen Neuerungen.

ARTE: Und wo stehen wir Deutschen?
BEATE SCHÜCKING: Geburt und Schwangerschaft sind fest in der Hand der Medizin, auch durch unser Gesundheitswesen, das beispielsweise die Schwangerenvorsorge in die Praxen der Frauenärzte gebracht hat. Wir haben einen Bruch in der Betreuung: Die Schwangere weiß, dass sie in der Klinik gebären wird, nicht mit ihrem betreuenden Arzt, sondern mit Personal, das ihr fremd ist. Dabei belegen internationale Studien, dass die kontinuierliche Betreuung durch ein und dieselbe Person eines der großen Bedürfnisse von Frauen ist. In Deutschland ist sie ausgesprochen selten möglich. In Frankreich ist das anders. Hier begleiten Hebammen die Schwangerenvorsorge im Krankenhaus.

ARTE: Haben wir noch ein Ost-West-Gefälle?
BEATE SCHÜCKING: Ja. Wir haben beispielsweise im Osten weniger Kaiserschnitte, denn in der DDR war die Rate traditionell niedrig. Mit Geburtshilfe wird auch Geld verdient, und dass es Kliniken besser geht, wenn die Kaiserschnittrate eine gewisse Höhe erreicht hat, ist ein offenes Geheimnis.

 

Die kontinuierliche Betreuung durch eine Person ist ein großes Bedürfnis von Frauen.

ARTE: Niedrige Kaiserschnitt-Zahlen hat auch Norwegen. Warum?
BEATE SCHÜCKING: In Norwegen, wie in ganz Skandinavien, gilt der Grundsatz „High Touch, Low Tech“: viel Zuwendung, wenig Technik. Frauen gebären in Kliniken unter der Anleitung von Hebammen. An der Uni-Klinik Bergen gibt es die europaweit niedrigste Kaiserschnittrate – und eine sehr erfolgreiche Praxis, Kinder in Steißlage auf natürlichem Weg zur Welt zu bringen.

ARTE: Wie ist das Gesundheitswesen in Norwegen organisiert?
BEATE SCHÜCKING: Norwegen investiert eher in eine höhere Personaldichte als in die ausgiebige Finanzierung von neuen und teuren Medikamenten, deren Zulassung sehr restriktiv gehandhabt wird. In Deutschland wäre das in dieser Form nicht durchzusetzen, weil wir, anders als Norwegen, eine mächtige Pharmaindustrie haben.

ARTE: Wieder anders ist die Situation in Tschechien. Hier sind Hausgeburten nicht nur selten, sondern de facto verboten. Warum?
BEATE SCHÜCKING: In ganz Osteuropa gab es vor 1990 quasi keine Hausgeburten. Entbunden wurde in der Klinik unter der Prämisse „Alles muss steril und sauber sein“. Zugleich gab es vor der samtenen Revolution eine niedrige Kaiserschnittrate. Sie stieg mit der Privatisierung des Gesundheitswesens.

ARTE: Inwiefern?
BEATE SCHÜCKING: Ich habe mit Frauen gesprochen, denen vor der Geburt nicht klar war, dass ihr Gynäkologe nur an einem bestimmten Tag Zugriff auf den Kreißsaal hatte. Er beendete die Geburt mit Kaiserschnitt, weil er aus dem Kreißsaal musste: Schichtwechsel. Ab 2003 konnte ich dann in Prag sehen, wie Frauen forderten: Wir wollen eine andere Geburtshilfe. Wir wollen mehr Liberalität.

ARTE: Wie sehen Sie die Entwicklung in Europa?
BEATE SCHÜCKING: Geburten finden mehr und mehr in Kliniken und in großen Entbindungszent-ren statt. Selbst in den Niederlanden sind Hausgeburten rückläufig. Und es gab in den letzten 15 Jahren eine große Vereinheitlichung, denn medizinischer Fortschritt ist nicht an ein Land gebunden. So sind beispielsweise Kaiserschnitte in ganz Europa sicherer und sanfter geworden. Wobei sie statistisch gesehen noch immer ungünstiger verlaufen als eine normale Geburt.

ARTE: Fühlen Frauen sich mit den wachsenden Möglichkeiten der Hightech-Medizin sicherer?
BEATE SCHÜCKING: Studien geben Hinweise darauf, dass der Angstpegel eher nicht gesunken ist. Trotz aller Technik: Eine Schwangerschaft und eine Geburt ohne Risiko gibt es nicht.

 

INTERVIEW: KATJA ERNST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE PLUS

 

GEBURT IN EUROPA

30 Prozent aller Kinder kommen in Deutschland per Kaiserschnitt zur Welt, in Frankreich sind es 20 Prozent, in Norwegen und in den Niederlanden 15 Prozent. In den Niederlanden werden 30 Prozent der Kinder zu Hause geboren. In Deutschland gibt es keine offiziellen Zahlen zur Hausgeburt – Schätzungen gehen von einem bis zwei Prozent aller Geburten aus

 

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Kategorien: Februar 2013