DER DACKEL: IST ER EIN SPIESSER?

sagamedia

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Es heißt, wenn der Dackel in den Spiegel schaut, sieht er einen Löwen. Für Dackelhasser steht der Wursthund daher für maßlose Selbstüberschätzung, geschmackloses Machtgehabe und nervtötendes Kläffertum. Dackelanhänger nennen ihn liebevoll „eigenwillig“, für sie ist er emanzipiert, zäh und authentisch. Ein Dackel verstellt sich nicht, taktiert nicht, fackelt nicht lange. Wenn dem Dackel etwas gegen den Strich geht, ist er sofort tödlich beleidigt; wenn er einen Hünen von Hund nicht riechen kann, springt er ihm – wenngleich erfolglos – an die Gurgel; wen er nicht sofort mag, mag er niemals, da hilft auch kein Leckerchen.

 

Am Dackel scheiden sich die Geister der Deutschen, dabei ist wohl kein Hund so deutsch wie er. Natürlich ist da der Deutsche Schäferhund, der den Nationalstolz quasi im Namen trägt und dem Dackel als beliebtester Hund Jahr für Jahr den Rang abläuft – aber an keinem anderen Hund kann man die Geschichte der Deutschen besser ablesen als am Dackel: Er ist treuer Jagdbegleiter der Monarchen, schmückt keck die Bourgeoisie und findet mit dem Wirtschaftswunder Eingang in die deutsche Spießigkeit. Nach einem Hoch in den 1970er Jahren erlebt er in den 90ern ein Imageproblem und ist 2013 zum Hund der Hipster geworden. Ein langer Weg für solch kurze Beine.

 

Ode an den Dackel
„Ich liebe es, dein Fell zu streicheln. Du lieber, du besonderer Hund. Einen Klaps willst du gerne haben. Stolz wie ein Papst empfängst du Schelte wie eine Gnade.“ Die Ode an den Dackel des aktuellen Prinzen von Dänemark, Henrik, erzählt nicht nur vom Dickkopf des Hundes, sondern auch davon, dass sich die Großen der Welt schon immer mit dem kleinen Tier geschmückt haben. Als 1879 der Ur-dackel in einem ersten Standard festgehalten wird, ist er vor allem Jagdhund der Adligen und Mächtigen. Berühmtester royaler Dackelbesitzer ist Kaiser Wilhelm II. In Kassel kann man noch heute das Grab mit der Inschrift besichtigen, die er für seinen Kurzhaardackel anfertigen ließ: „Andenken an meinen treuen Dachshund Erdmann / 1890 – 1901 / W II.“

Dass der Dackel Anfang des 20. Jahrhunderts zur Mode wird, ist Kaiser Wilhelm II. zu verdanken. Jeder Bürgerliche, der etwas auf sich hält, hat fortan einen Dackel. Den Übergang vom Kaiserreich zur Weimarer Republik hat der Berliner Impressionist Max Liebermann vortrefflich mit Dackeln in allen möglichen Posen dargestellt. Vor allem im Ausland himmeln Avantgarde-Künstler den deutschen Dackel an. Pablo Picasso hat seinen Dackel Lump nicht nur als langgezogene Wurst verewigt, sondern in unzählige andere Gemälde geschmuggelt. Picasso und Lump, das war Seelenverwandtschaft, sagt Fotograf David Duncan, der dem Paar einen Bildband gewidmet hat. Als Lump 1973 stirbt, folgt sein Meister zehn Tage später nach. Und wer bei Andy Warhols Popart-Lebenswerk nur an Marilyn Monroe denkt, kennt Archie und Amos nicht, denen Warhol ein neonfarbenes Denkmal setzte.

 

Der Dackel wird zum Retroschick
In Deutschland erlebt der Dackel erst nach dem Zweiten Weltkrieg einen richtigen Boom, der blaublütige Jagdgefährte wird zum kleinbürgerlichen Familienfreund. Der Dackel zieht in die Vorgärten der Wirtschaftswunderfamilien ein, gleich neben den Gartenzwerg, und wird so zum Synonym für deutsche Spießigkeit. Schon damals ist das Image des Rabauken mit Herz ein wenig vergilbt, und hätte es 1972 nicht die Olympischen Spiele in München gegeben, alles wäre vielleicht anders ausgegangen. Doch Waldi, das erste Olympia-Maskottchen überhaupt, macht den Dackel nicht nur populär, sondern zum Kult. Nebenbei wird München zur heimlichen Hauptstadt des Dackels – und Dackel Oswald ab 1972 Markenzeichen des Münchner Tatort-Ermittlers Veigl alias Gustl Bayrhammer.
Danach wird es stiller um den Dackel, er gilt als gestrig, hinterwäldlerisch, uncool. Als Tom Gerhardt 1999 den fanatischen Dackelvereinsfunktionär „Hausmeister Krause“ in der gleichnamigen Sat1-Serie spielt, erobert der Dackel auch noch die Königsdisziplin der Deutschen: das Vereinswesen. Dessen Regelwerk regt mitunter zum Schmunzeln an, wenn man zum Beispiel im FCI-Standard des weltweiten Hunde-Dachverbandes „Fédération Cynologique Internationale“ zur Beschreibung des idealen Dackelhalses nachliest: „genügend lang“.

Nachdem Zeitungen 2007 vom „Dackelsterben“ berichteten (die Welpenrate hatte sich halbiert, Experten führen das aber eher auf die größere Konkurrenz unter den Hunderassen zurück) feiert der Dackel seit 2011 sein Comeback, er ist zum Retroschick geworden: Gerade junge Menschen greifen wieder zu ihm wie zur Schlaghose. Und vielleicht musste es, soziologisch gesehen, so kommen: In einer immer komplexer werdenden Gesellschaft, zwischen Wirtschafts- und Eurokrise eingeklemmt, besinnt sich der Mensch wieder auf Werte wie Ehrlichkeit, Einfachheit und Erhabenheit über das Chaos. Kurz: auf den Dackel.

 

DIANA AUST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

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DER IDEALE DACKEL

Es gibt sie in drei Arten: kurz-, rau- und langhaarig. Die ersten Rassekennzeichen des Dackels werden 1879 aufgestellt. Heute sind sie im FCI-Standard Nr. 148 des Hunde-Dachverbandes „Fédération Cynologique Internationale“ festgehalten. Der ideale Dackel hat demnach unter anderem eine „keck herausfordernde Haltung des Kopfes“; er ist „trotz der im Verhältnis zum langen Körper kurzen Gliedmaßen beweglich und flink“. Zudem zeichnet er sich als „feinnasiger und flinker Jagdhund“ aus, sein Hals ist „genügend lang“, sein Gang ist „raumgreifend“, seine Haut ist „straff anliegend“, und seine Rute ist die „harmonische Verlängerung
der Rückenlinie“

 

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Kategorien: Februar 2013