DER CLUB DER UNSTERBLICHEN

Drushba Pankow

Drushba Pankow

Die deutsche Sprache kann ein Irrgarten sein. Das Genitiv-s siecht dahin, die neue Rechtschreibung verwirrt, die Anglizismen wuchern. Sicher, es gibt den Duden, die Kultusministerkonferenz, den Rechtschreibrat. Doch sie haben keine Autorität, einheitlich festzulegen, was richtig und was falsch ist. Wer mit Sprache arbeitet, entscheidet daher selbst, welche Schreibweise für seine Mitarbeiter, sein Medium gilt. Überspitzt gesagt: In Deutschland wird viel diskutiert, am Ende macht jeder, was er will. Braucht unsere Sprache mehr Schutz und Pflege? Wenn ja, durch wen?

Frankreich hat die Frage längst für sich beantwortet – vor über 350 Jahren, mit der Gründung der Académie française. Ihre Mitglieder sind 40 an der Zahl und tragen, nach Napoléons Erlass, Zweispitze, Mäntel und Degen. Ihre Mission: „die französische Sprache rein zu halten, sie in ihren Ausdrucksformen festzulegen und ihre Wesenszüge zu erhalten.“ Wer in diesen Kreis gewählt wird, ist hochdekoriert, Schriftsteller, Politiker, Wissenschaftler. Nun betritt er den heiligen Gral des französischen Geisteslebens auf Lebenszeit – und gilt fortan als unsterblich.

„Unsterbliche“ heißen sie, seit Kardinal Richelieu 1635 die Académie gründete – mit dem Siegel „A l’Immortalité“: der Unsterblichkeit. 722 Académiciens wurden (bis Anfang Januar 2013) auf die 40 begehrten Sitze gewählt. Voltaire, Racine, Corneille, Hugo, Ionesco, sie alle trugen den „habit vert“, das edle, mit Olivenzweigen bestickte Ornat der Académie. Dass auch Frauen Unsterblichkeit erlangen könnten, dämmerte der Herrenrunde 1980, als sie Marguerite Yourcenar aufnahm, immerhin unter ordentlichem Protest. Sechs weitere folgten ihr unter die Kuppel des Palais de l’Institut in Paris, den Sitz der Académie. Sie war von Anfang an Mittel einer zentralistischen Sprachpolitik – ihre Hauptaufgabe ist Sprachnormierung, mit der Ausarbeitung des Wörterbuches „Le Dictionnaire de l’Académie française“. Vor allem Anglizismen werden streng geprüft. Doch verstehe wer will, warum „le week-end“ laut Académie kein korrektes Französisch ist, „le night-club“ aber schon.

Trotz aller Autorität – Autoren wie Camus und Sartre pfiffen auf den Club der Unsterblichen. 2004 kündigte der frisch gewählte Alain Robbe-Grillet an, zu seiner Inthronisierungsfeier im Rollkragenpullover zu erscheinen. Skandal unter der Kuppel! Die Zeremonie fand nie statt. Auch zeitgenössische Schriftsteller wie der Literaturnobelpreisträger Le Clézio lehnen die Académie als Polizei der Sprache ab. Dabei adoptierte sie so schöne Germanismen wie „le knödel“ und „le kitsch“, „le panzer“ und „le plexiglas“ für die heilige französische Sprache. Académie, merci! Wir fühlen uns geehrt.

 

KATJA ERNST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ILLUSTRATION: DRUSHBA PANKOW

 

Weitere französische und auch deutsche Eigenheiten in „Karambolage“, sonntags, 19.30, www.arte.tv/karambolage

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Kategorien: Februar 2013