UND WIE GEHT’S WEITER?

Andreas B. Krueger

Andreas B. Krueger

DEUTSCHLAND

 

MARVIN STRAUSS

Marvin Strauss ist 20 Jahre alt und lebt in Ludwigshafen. Er ist Schüler und macht im Januar 2013 den deutsch-französischen Doppelabschluss AbiBac. Zwischen 2009 und 2010 war er für ein Schuljahr in Belgien. Seit 2012 ist er Juniorbotschafter des Deutsch-Französischen Jugendwerks

 

„Ich möchte mit dem Negativen anfangen, auch wenn man das normalerweise nicht macht: Die deutsch-französischen Beziehungen sind für mich zunächst etwas sehr Offizielles und insofern nicht modern, als in den Gremien fast ausschließlich ältere Generationen sitzen. Und die geben die Macht nicht gern ab.

Modern ist die deutsch-französische Beziehung aber durch ihre vielfältigen Partnerschaften: ob das Deutsch-Französische Jugendwerk, die Deutsch-Französische Hochschule oder das im September 2012 organisierte erste Deutsch-Französische Schülerparlament. Bei dem konnten sich Schüler, die den Doppelabschluss AbiBac machen, mit Merkel und Hollande bei den Feierlichkeiten in Ludwigsburg persönlich austauschen. Es gibt zwar auch Kooperationen mit anderen Ländern – aber die deutsch-französische Beziehung ist besonders lebendig.

Das ist aber keine Selbstverständlichkeit! Wir sind Partnerländer, aber dass wir seit mehr als 60 Jahren in Frieden leben, heißt nicht automatisch, dass das immer fortdauern wird. Das muss man der jungen Generation immer wieder ins Gedächtnis rufen. Zum 50. Jahrestag des Elysée-Vertrags versuche ich, Abgeordnete des Europaparlaments in meine Region einzuladen und mit jungen Leuten zusammenzubringen. Damit diese sich über die Entscheidungen von morgen eine eigene Meinung bilden können. Aber man sollte aufpassen, dass das Deutsch-Französische nicht zu einer elitären Sache wird. Für meine kleine Schwester zum Beispiel, die auf eine Gesamtschule und nicht wie ich aufs Gymnasium geht, sind die deutsch-französischen Beziehungen nicht so ein großes Thema. Das finde ich schade, denn sie sollten sich an alle richten!

Was die deutsch-französische Freundschaft wirklich braucht, sind charismatische Personen. Auch wenn ich seine politische Richtung nicht teile, ist der grüne Europapolitiker Daniel Cohn-Bendit dafür ein gutes Beispiel. Oder der ehemalige Résistance-Kämpfer Stéphane Hessel. Merkel und Hollande dagegen treten sehr distanziert auf. Für die deutsch-französischen Beziehungen wünsche ich mir ehrlich gesagt, dass sie nicht so bleiben, wie sie jetzt sind. Deutschland und Frankreich müssen ihre Ähnlichkeit erkennen, noch näher zusammenrücken und euroskeptische Länder wie Großbritannien ins Boot holen. Und warum nicht mal weiterdenken: Ein gemeinsames Ministerium könnten wir Jugendliche uns gut vorstellen. Aber vielleicht sind wir ja zu sehr in der deutsch-französischen Sache drin und leiden an Realitätsverlust?“

 

FRANKREICH

 

DIANE SABOURIN

Diane Sabourin ist 28 Jahre alt und lebt in Paris. Ihr Vater stammt aus Ghana und hat mehrere Jahre in Hamburg gelebt. Nachdem sie einen Master in Kulturmanagement absolviert hat, arbeitet sie als Französisch-lehrerin in einem Vorort von Paris. Sie ist seit zwei Jahren Juniorbotschafterin

 

„Mein Traum ist, dass das, was zwischen Deutschen und Franzosen möglich war, eines Tages auch Israelis und Palästinensern gelingt. Die deutsch-französische Freundschaft ist ein Modell für alle Länder, die einen Konflikt austragen – und das macht sie modern. Es geht darum, Brücken zu bauen und bestehende Bindungen mit neuem Leben zu füllen. Auch wenn wir die deutsch-französische Freundschaft heute für etwas Selbstverständliches halten, darf man nicht vergessen, dass der Elysée-Vertrag vor 50 Jahren ein epochaler Schritt nach vorn war, und dass wir das Errungene bewahren müssen.

Wir Jungen müssen uns in den deutsch-französischen Beziehungen erst unseren Platz erobern. Es ist an uns, unsere Glaubwürdigkeit zu beweisen – aber wir brauchen auch das Gefühl, dass unser Engagement legitim ist. Die Älteren geben die Verantwortung nur ungern an die Jüngeren ab. Sicherlich liegt das auch an unserem unsteten Leben; wir studieren und sind mobil, heute in einer Stadt, morgen in einer anderen. Trotzdem müssen wir es schaffen, uns kontinuierlich zu engagieren. Wir wollen Fortschritte sehen, wir wünschen uns einen tiefergehenden, sinnvolleren Austausch und eine europäische Ausrichtung: Frankreich und Deutschland wissen nun, wie sie miteinander zurechtkommen. Es ist an der Zeit, Drittländer einzubeziehen und europäisch zu denken.

Nehmen wir die Balkanstaaten: Bevor ich an Austauschprogrammen teilgenommen habe, war mir nicht bewusst, dass sich Jugendliche im Kosovo nicht so frei bewegen können wie wir. Oder wie stark die Menschen noch immer vom Krieg geprägt sind. Der Balkan erscheint uns fremd, aber gerade deshalb ist eine Zusammenarbeit so wichtig. Derzeit arbeite ich an einem Thea-terprojekt mit Jugendlichen, es soll um Erinnerungsarbeit und Grenzproblematik gehen. Ich möchte zum Nachdenken über Themen anregen, die von der jungen Generation nicht unbedingt hinterfragt werden: Man kann heute in Europa überall hinreisen, und über Erinnerungsarbeit haben wir in der Schule gelernt, dass sie sich auf den Zweiten Weltkrieg bezieht. Das scheint so einfach. Ich möchte aber im Theaterstück unter anderem mit Teilnehmern vom Balkan zeigen, dass es nicht immer so einfach war.

Für die Zukunft hoffe ich, dass die deutsch-französische Beziehung ein Zweig der europäischen Beziehungen wird, ein Modell unter vielen – wie die Zweige eines großen Baumes.“

 

PROTOKOLLE: CLAIRE ISAMBERT FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

JUNIORBOTSCHAFTER DES DEUTSCH-FRANZÖSISCHEN JUGENDWERKS

2008 wurde die Initiative gegründet. Hauptaufgabe ist, ein regionales deutsch-französisches Netzwerk aufzubauen. Derzeit gibt es 60 Botschafter, je 30 in Deutschland und Frankreich. Infos unter: www.dfjw.org

 

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Kategorien: Januar 2013