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TIEF IM MÜLLSTRUDEL

Friedemann Hottenbacher

Friedemann Hottenbacher

Unser Alltag ist voller Plastik – ein Großteil davon landet in den Ozeanen. Bereits heute ist fast jeder Quadratkilometer Meerwasser mit Plastik verseucht. Ozeanografen vermuten weltweit fünf sogenannte „Müllstrudel“ – kreiselnde Ozeanströmungen, in denen sich Plastikteilchen sammeln. Zwei der Müllstrudel sind bereits wissenschaftlich belegt, auf einer Segelexpedition von Chile zur Oster-insel konnte Meeresforscher Marcus Eriksen den südpazifischen und damit dritten Plas-tikstrudel nachweisen. Eriksen ist Mitbegründer der Non-Profit-Organisation „5 Gyres Institute“ („5-Strömungswirbel-Institut“) in Los Angeles, das weltweit auf die Plastikverschmutzung unserer Meere aufmerksam macht. Im ARTE Magazin erklärt er, was Müllstrudel sind – und welche Auswirkungen sie schon jetzt auf unser Ökosystem haben.

 

ARTE: Sind die Weltmeere eine riesige Müllhalde?
MARCUS ERIKSEN: Traurigerweise ja. Stichproben aus den Ozeanen, aber auch aus den Großen Seen in den USA haben gezeigt, dass alle Gewässer zu großen Teilen von einer dünnen Schicht aus Mikro-Plastik-teilchen bedeckt sind. Unsere Meere gelten heute schon als sauber, wenn ein Seevogel weniger als zehn Kunststoffteile im Magen hat!

ARTE: 2011 waren Sie im Südpazifik, um den dortigen Müllstrudel nachzuweisen – was ist der aktuelle Forschungsstand?
MARCUS ERIKSEN: Wir gehen davon aus, dass sich weltweit in fünf subtropischen Strömungswirbeln, deren Existenz schon bewiesen ist, Plastik aus aller Welt sammelt. Bisher konnten riesige Müllteppiche im nordatlantischen, im nordpazifischen und, seit meiner Expedition, im südpazifischen Strömungswirbel aufgespürt werden.

ARTE: Wie kann man sich so einen Müllstrudel konkret vorstellen?
MARCUS ERIKSEN: Der südpazifische Müllstrudel ist etwa so groß wie Mitteleuropa. Im Zentrum treiben pro Quadratkilometer rund 400.000 reiskorngroße, mit bloßem Auge erkennbare Plastikteilchen.

ARTE: Warum gelangt so viel Plastik ins Meer?
MARCUS ERIKSEN: Das grundlegende Problem besteht darin, dass viele Produkte nicht auf Wiederverwertbarkeit ausgelegt sind und nach einmaliger Benutzung ihren Wert verlieren. Weil es in den ärmeren Ländern der Südhalbkugel keine organisierte Abfallbeseitigung gibt, wird Plastik in die Flüsse geworfen. In den Industriestaaten sind es meistens Gegenstände, die achtlos weggeworfen werden: eine Plastiktüte, eine Plastikflasche, ein Plastikbecher. Diese landen in der Kanalisation, treiben Flüsse hinunter oder werden ins Meer geweht.

 

Eine dünne Schicht aus Mikro-Plastikteilchen bedeckt unsere Weltmeere.

ARTE: Was macht Plastik so gefährlich?
MARCUS ERIKSEN: Plastik ist nicht biologisch abbaubar, sondern zerfällt unter UV-Einstrahlung nur in kleine Partikel. Die teilweise giftigen Zusatzstoffe von Plastik werden im Wasser freigesetzt. Außerdem ziehen die Kunststoffpartikel Schadstoffe wie krebserregende Weichmacher, Pestizide oder Mineralölerzeugnisse an. Tiere, ob Seevögel oder Fische, filtern ihre Nahrung aus dem Wasser und nehmen diese Partikel wiederum auf.

ARTE: Welche Auswirkungen hat das auf uns?
MARCUS ERIKSEN: Laborexperimente haben gezeigt, dass Fische, die mit schadstoffbelastetem Plastikstaub gefüttert wurden, die Chemikalien in ihre Organe und Gewebe aufnehmen. Unsere Befürchtungen sind, dass auch der Mensch am Ende der Nahrungskette damit in Berührung kommt, indem er chemisch belasteten Fisch isst.

ARTE: Wie wird das Ökosystem beeinträchtigt?
MARCUS ERIKSEN: Meeresorganismen nutzen über weite Strecken größere Kunststoffteile als Transportmittel. Auf diese Weise gelangen sie an ursprünglich nicht für sie vorgesehene Orte und verdrängen heimische Arten. In Caldera im Norden Chiles kämpfen Algenbauern der so genannten Gracilaria-Alge seit ein paar Jahren gegen die sich schnell ausbreitende Algenspezies Codium, die ursprünglich aus Japan stammt. Sie bangen um ihre Existenzgrundlage. Meeresforscher fanden vor der nordchilenischen Küste frei treibende Bojen, die mit der japanischen Spezies Codium voll bewachsen waren. In der Forschung geht man deswegen davon aus, dass Plastik als Transportmittel für Mikroorganismen zur Bedrohung des Ökosys-tems ganzer Regionen werden kann.

ARTE: Was hoffen Sie, mit Ihrer Arbeit zu erreichen?
MARCUS ERIKSEN: Diesen Sommer haben wir in drei der Großen Seen in den USA Tausende kleine Plastikpartikel gefunden, die unter anderem in Peelingprodukten vorkommen. Damit haben wir sowohl verantwortliche Firmen als auch die Öffentlichkeit konfrontiert – in der Hoffnung, dass so genug Druck auf die Industrie ausgeübt wird, um die Unternehmen zum Umdenken zu bewegen.

ARTE: Was müsste sich ändern?
MARCUS ERIKSEN: Die gesamte Konsumwelt muss neu überdacht werden. Wir müssen weniger Abfall produzieren, weniger Verpackungen herstellen und stärkere Sanktionen gegenüber denen durchsetzen, die sich weigern, diesen Wandel mitzumachen. Regierungen, Industrie und Konsumenten sind gleichermaßen gefragt. Unternehmen müssen zur Verantwortung für ihre Rohstoffe gezogen werden und auf wiederverwertbare Materialien umstellen – denn Verantwortung für recycelbare Rohstoffe lässt sich leichter übernehmen.

 

INTERVIEW: LYDIA EVERS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE INTERVIEW

 

MARCUS ERIKSEN

Marcus Eriksen ist Meeresforscher und Umwelt-Aktivist in Los Angeles. Der 45-Jährige ist Mitbegründer der NGO „5 Gyres Institute“ und kämpft gegen weltweite Plastikverschmutzung

 

 

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Kategorien: Januar 2013