KÖNIG FÜR EINEN TAG

Drushba Pankow

Drushba Pankow

In der Zeit um den 6. Januar, den Dreikönigstag, ziehen in Deutschland Sternsinger von Haus zu Haus, zumindest in den katholischen Gemeinden. Sie sind meist Messdiener im Gewand der Heiligen Drei Könige und sammeln Geld für wohltätige Zwecke. Mit Kreide schreiben sie das Kürzel C+M+B an die Türen, „Gott schütze dieses Haus“ – so die Tradition.

Auch Franzosen haben einen Brauch für den Dreikönigstag, doch ist er heidnischen Ursprungs (schon die alten Römer haben ihn praktiziert) und hat auch nicht viel mit Nächstenliebe am Hut. Dafür, wen überrascht’s, umso mehr mit Essen und, immerhin, mit Teilen. Fest steht, dass der Brauch die Nation jährlich in Verzückung versetzt, denn jetzt hat jede Französin und jeder Franzose die Möglichkeit, Königin und König zu werden – ganz ohne den Geruch von Revolution, Guillotine und ohne all das Beiwerk aus der Geschichte Frankreichs, das einem das Königsein seit 1789 so richtig madig machen kann.

Im Zentrum des Brauchs steht ein Kuchen, die „Galette des rois“. Er wird in allen Bäckereien mit Pappkrone verkauft und ist ein flaches, köstliches, goldschimmerndes Backwerk aus Blätterteig. Seine Füllung besteht traditionell aus Frangipane, einer üppigen Mandelcreme. Der Königskuchen wird warm gegessen, und das nach dem folgenden, außerordentlich geselligen Ritual, das man „die Könige ziehen“ nennt – „tirer les rois“.

Ein Kind, zumeist das jüngste, versteckt sich unter dem Tisch, oder wo gerade Platz ist und es den Kuchen nicht sehen kann. Nun antwortet es auf die Frage „Für wen ist dieses Stück?“; es sagt solange „Für Papa“, „Für Julie“, „Für Max“ …, bis alle Anwesenden mit Kuchen versorgt sind. Dann ist er da, der große Augenblick, in dem der Kuchen auf den Tellern liegt, in dem er beäugt, untersucht und schließlich verspeist werden darf. Wobei alle die Frage umtreibt: Habe ich es erwischt, das Stück, das mich zur Königin, zum König macht?

Das alles entscheidende Objekt der Begierde ist eine kleine, bemalte Figur aus Porzellan und im Kuchen versteckt. Wer sie findet, wird Königin oder König, trägt die Krone und erwählt einen Partner – eine oft prickelnde bis heikle Sache. Ursprünglich steckten die Bäcker eine getrocknete Saubohne in den Kuchen, eine „fève“ – so wird die Figur bis heute genannt. „La fève“ weckt auch die Sammelleidenschaft, denn jedes Jahr gibt es unzählige neue Varianten. Ein Grund mehr, das Könige-Ziehen nicht auf den Familienkreis und schon gar nicht auf den 6. Januar zu beschränken.

Ja, sie tun es alle, und sie tun es überall, in Krippen, Kindergärten, Schulen, sogar im Büro – dort natürlich ohne Kind unterm Tisch. Es ist unglaublich, aber wahr: Der französische Januar, er ist ein einziger Krönungsmarathon.

 

KATJA ERNST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ILLUSTRATION: DRUSHBA PANKOW

 

DVD-TIPP: „Karambolage“ aus der ARTE Edition

 

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Kategorien: Januar 2013