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EDGAR SELGE: MIT ECKEN UND KANTEN

SWR/Pfiffl Medien

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Ein Gut namens Poll an der estnischen Ostseeküste im Jahr 1914: Hier lebt Ebbo von Siering, gespielt von Edgar Selge, mit seiner Familie. Als aristokratische Deutschbalten sind sie Teil einer Minderheit im Baltikum, die sich seit Jahrhunderten mit den jeweiligen Machthabern arrangiert hat. Im Sommer 1914 kommt Ebbos 14-jährige Tochter Oda aus erster Ehe als neues Familienmitglied auf Gut Poll. Zu diesem Zeitpunkt sind dort russische Truppen des Zaren untergebracht; die Spannungen zwischen Esten, Deutschen und Russen sind allgegenwärtig. Es ist eine Epoche des Übergangs, die aristokratische Familie ist in all ihren Gewissheiten bedroht und Ebbos Tochter Oda gezwungen, erwachsen zu werden, als sie einen estnischen Anarchisten versteckt. Das ARTE Magazin sprach mit Edgar Selge über ein Drehbuch, das ihn umgehauen hat und die Rolle des gescheiterten Ebbo von Siering.

 

ARTE: Als Sie für die Rolle des Ebbo von Siering angefragt wurden, waren Sie schon anderweitig verpflichtet. Was veranlasste Sie, dennoch zuzusagen?
Edgar Selge: Der Regisseur Chris Kraus stand plötzlich mit seiner Anfrage hier in meiner Wohnung und wir haben uns lange über unsere Familien unterhalten. Wir fanden dabei so viele Berührungspunkte, dass ich das einfach machen musste! Und dann dieses Drehbuch: Ich hatte bis dahin kaum ein Drehbuch gelesen, das mich immer wieder so überrascht hat.

ARTE: Inwiefern?
EDGAR SELGE: Eine Extremsituation folgt auf die andere. Allein die Eröffnungsszene: Da kommt Oda, ein junges Mädchen, von Berlin nach Ostpreußen. Im Gepäck die Leiche der eigenen Mutter, die, in Eis gebettet, den Weg im Sarg mitmacht. Auf dem Gut Poll sieht sie zum ersten Mal ihren Vater, der gerade von einer Gehirnsezierung kommt. Sie fliegt ihm in die Arme, und eine Sekunde später rutscht dem Kutscher der Sarg der Mutter herunter und schlitzt ihm den Leib auf. Er muss genäht werden, und der Vater bittet die Tochter zu helfen. Die Operation findet in der Küche statt, wo gerade ein mehrgängiges Essen für eine ostpreußische Festgesellschaft gekocht wird. Das sind romanhafte Situationen mit außergewöhnlichen Charakteren.

 

Die Sonntagnachmittagsausgabe eines Menschen interessiert mich herzlich wenig.

ARTE: „Poll“ ist eine Momentaufnahme von 1914. Wie würden Sie die Grundstimmung beschreiben?
EDGAR SELGE: Der Krieg liegt in der Luft und damit die Ablösung einer Herrschaft, die die Deutschen im Baltikum über Jahrhunderte hinweg ausgeübt hatten. Es ist der Umbruch vom Großbürgertum zur Massengesellschaft. Die Stimmung würde ich so beschreiben: Es geht um den Geruch der Freiheit.

ARTE: Für die deutsche aristokratische Familie von Siering somit ein Augenblick der Bedrohung …
EDGAR SELGE: Ja, aber die Familie besteht ja aus ganz verschiedenen Menschen. Die neue Zeit wird durch Oda, die heimlich einen verwundeten estnischen Freiheitskämpfer pflegt, verkörpert. Sollte das herauskommen, würde die ganze Familie von den russischen Soldaten, die in diesem Sommer auf dem Gut beherbergt werden, mit dem Tod bestraft. An Oda vollzieht sich der Bruch zwischen herrschender Oberschicht und der Sehnsucht nach Freiheit, Freiheit für die unterdrückten Esten.

ARTE: Und wofür steht ihr Vater Ebbo?
EDGAR SELGE: Ebbo gehört zu den Menschen, die ihr endgültiges Scheitern einsehen müssen. Er steht am Ende seiner Epoche. Eigentlich ist er für seine Zeit ein moderner Wissenschaftler. Auch wenn es dem Zuschauer so vorkommen mag, als sei er ein moderner Frankenstein. Aber dieser biopolitische Ansatz, der ihn von der Analyse von Gehirnen auf das Wesen von Menschen schließen lässt, machte ihn damals modern. Es ist die Blütezeit der Eugenik – als diese Disziplin noch nicht vom späteren Missbrauch durch die Nazis belastet ist.

ARTE: Wie beurteilen Sie das Verhältnis zwischen Ebbo und seiner wiedergefunden Tochter Oda?
EDGAR SELGE: Oda ist sein Sohn-Ersatz. Ihr gehört seine ganze Liebe. Selbst dann, als er das Gefühl hat, dass sie nicht aufrichtig ist. Ich denke an die Szene, als Oda in der Küche ein Huhn für ihren Flüchtling stehlen will. In diesem Moment zeigt sich Ebbos Vaterliebe. Beide verbindet außerdem, dass sie besessen sind von wissenschaftlicher Neugier. Und beide haben einen Abgrund. Oda könnte den Anarchisten ja gar nicht verstecken und pflegen, wenn sie nicht lügen würde oder raffiniert andere Personen – wie ihren Cousin zum Beispiel – manipulieren würde.

ARTE: Ebbo ist hochintelligent, seine Familie behandelt er jedoch manchmal brutal. Muss man als Schauspieler seine Figuren mögen oder verstehen?
EDGAR SELGE: Ich finde schon, dass man sie mögen muss. Und dazu gehört auch verstehen. Figuren, die man spielt, wird man nie nach ihrem moralischen Tun beurteilen können. Man muss begreifen, dass es Menschen gibt, die einen tiefen Abgrund haben und an diesem auch leiden. Mich interessiert der Mensch mit seinen Abgründen und Schattenseiten. Das heißt nicht, dass ich nur solche Figuren spielen will, aber die Sonntagnachmittagsausgabe eines Menschen interessiert mich herzlich wenig.

ARTE: Ist man nach jedem Film, den man gemacht hat, ein besserer Menschenkenner?
EDGAR SELGE: Das weiß ich nicht. Ich finde es nicht nur für mich wichtig, Menschen in ihre Abgründe zu folgen. Auch für die Zuschauer ist es wichtig. Das ist eine der Grundaufgaben der Kunst: Dass wir uns als Rezipienten Menschen gegenüber öffnen, die wir im Alltag sehr schnell verurteilen oder verabscheuen würden.

ARTE: In „Poll“ spielt Musik eine große Rolle. Sie ist dramaturgisch sehr raffiniert eingesetzt …

EDGAR SELGE: Sie passt zu der Schönheit, die den ganzen Film durchzieht. Und sie steht für die Spätblüte dieser großbürgerlichen Welt. Interessant ist beispielsweise eine der großen Hausmusik-Szenen, in der das „Forellenquintett“ gespielt wird. Schubert kommt uns heute romantisch und beschwingt vor, aber eigentlich ist das ein grausames Thema, denn es geht um das Töten eines Fisches. Während im Salon die Musik spielt, setzt die Kamera Szenen vom Dachboden des Labors dagegen. Dort näht die 14-jährige Oda den schwerverwundeten Esten. Sie hat noch nie eine Nadel in der Hand gehabt, aber sie betäubt ihn, desinfiziert die Wunde und näht ihn so, wie es das Lehrbuch neben ihr vorgibt. Dazu hört man die Klänge der „Forelle“. Und noch etwas passiert: Während Ebbo Klavier spielt, versteht er, dass seine Frau, die Cellistin, und der Verwalter des Gutes – er spielt den Kontrabass – eine Affäre haben. Ich glaube, dass es das ist, was Chris Kraus zeigen will: die enge Verbindung von Grausamkeit und Schönheit.

 

INTERVIEW: DOROTHEA GRASS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

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EDGAR SELGE – KURZBIOGRAFIE

Edgar Selge wurde 1948 im Sauerland geboren. Er studierte Philosophie und Germanistik in München und Dublin, absolvierte eine Ausbildung am klassischen Klavier sowie ein Schauspielstudium in München. 1975 bekam er ein Engagement am Berliner Schiller-Theater, von 1978 bis 1996 gehörte er zum Ensemble der Münchner Kammerspiele. Sein Kinodebüt hatte er 1984 mit „Der Havarist“. Edgar Selge ist vor allem aus TV-Produktionen wie „Polizeiruf 110” bekannt. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen für Theater wie Filmrollen, darunter 2010 den Bayerischen Filmpreis als bester Darsteller für „Poll“

 

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Kategorien: Januar 2013