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AUS FEIND WIRD FREUND

SWR/Filmbüro GmbH

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Am 22. Januar 1963 unterzeichneten Deutsche und Franzosen den Elysée-Vertrag als Gleiche unter Gleichen. Wie konnte es nach dem Zweiten Weltkrieg in nur wenigen Jahren zur Aussöhnung kommen? Adenauers langjähriger Dolmetscher Hermann Kusterer hat den Prozess begleitet: Ab 1958 war er bei allen Gesprächen zwischen Staatspräsident de Gaulle und Bundeskanzler Adenauer dabei. Mit dem ARTE Magazin sprach Kusterer über diese ganz besondere Beziehung, die wie keine andere die deutsch-französische Freundschaft geprägt hat.

 

ARTE: Im Sommer 1958 kommt Charles de Gaulle wieder an die Macht, und binnen weniger Wochen lädt er den deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer nach Frankreich ein. Welche Vorstellungen hatte Adenauer von de Gaulle?
HERMANN KUSTERER: Für Adenauer war Charles de Gaulle zu diesem Zeitpunkt der Nationalist, der Gegner Deutschlands, der Feind. Adenauer hatte große Bedenken, furchtbare Bauchschmerzen auf der Fahrt nach Colombey-les-deux-Eglises, zum Haus von de Gaulle. Er fürchtete, dass de Gaulle von der Warte des Siegers aus mit ihm sprechen würde. Doch für Adenauer war ein Gespräch auf Augenhöhe die Grundvoraussetzung für einen Dialog. Und dann kam die Erlösung. Adenauer stellte fest: „Ich fand einen ganz anderen Mann vor, als man mir immer gesagt hatte.“

ARTE: De Gaulle hatte Adenauer zuvor mehrfach einladen lassen, doch erst auf eine Begegnung in de Gaulles Privathaus ließ er sich ein. Warum?
HERMANN KUSTERER: Ein privates Treffen ebnete Adenauer den Zugang zu de Gaulles Persönlichkeit. Adenauer wollte immer wissen, mit wem er es zu tun hatte. Wie sehr ihn der Besuch beeindruckt hat, erzählte er oft: de Gaulles Bibliothek mit den deutschen Klassikern, die er auf Deutsch gelesen hatte, das Umfeld, in dem er lebte. Dass Adenauer dort auch gewohnt hat, war etwas sehr Besonderes.

ARTE: Worüber haben sie gesprochen?
HERMANN KUSTERER: Über Frankreich, Deutschland und das Verhältnis zwischen den beiden. Über Europa, den Atlantikpakt und die Bedrohung durch die Sowjetunion. Beide stellten fest: Wir sind gar nicht weit auseinander! Das war die große Erkenntnis für Adenauer. Und dass er einen Mann vorfand, der ihm nicht herrisch die Leviten lesen wollte, sondern die Zusammenarbeit suchte.

ARTE: Nach dieser Begegnung gab es schnell weitere, bis zu den Staatsbesuchen im Jahr 1962. Wie hat sich die Beziehung in dieser Zeit entwickelt?
HERMANN KUSTERER: Von Mal zu Mal wurde sie selbstverständlicher. Es herrschte eine ungemein dichte Atmosphäre. Ich habe selten Gespräche gedolmetscht, bei denen die Beteiligten in einem solchen Maße mit dem Herzen dabei waren. Das nahm im Laufe der Jahre noch zu.

ARTE: Wie sprachen die beiden miteinander?
HERMANN KUSTERER: Auf die einfachste Art und Weise. Ich habe nie erlebt, dass einer ein Papier vor sich gehabt hätte. Adenauer ging alles durch, was aktuell war, Europa, NATO, Ost-West-Konflikt, Dritte Welt. Sie redeten miteinander, sie rangen miteinander um den besten Weg, und immer war eine tiefe Gemeinsamkeit zu spüren. Erstaunlicherweise hat de Gaulle kaum von Algerien gesprochen. Und Adenauer hat ihn nie danach gefragt.

ARTE: Der große Unterschied zwischen den beiden bestand ja auch darin, dass Charles de Gaulle General, Konrad Adenauer dagegen nicht einen Tag seines Lebens Soldat gewesen war.
HERMANN KUSTERER: Ja, aber der eine akzeptierte den anderen so, wie er war. De Gaulle war Soldat mit Leib und Seele. Gleichzeitig hat ihn überhaupt nicht gestört, dass Adenauer Zivilist war.

ARTE: Wenn man die Persönlichkeiten betrachtet, wo waren die wichtigen Übereinstimmungen?
HERMANN KUSTERER: Da waren zwei fromme Männer beieinander, zwei gläubige Katholiken. Christliche Werte haben eine große Rolle gespielt.

ARTE: Beschreibt man die Beziehung zwischen de Gaulle und Adenauer treffender als politisches Zweckbündnis oder als eine Freundschaft?
HERMANN KUSTERER: Adenauer hat zwar nie von de Gaulle als Freund gesprochen, das tat er sowieso nicht, aber de Gaulle nannte ihn später immer mal wieder „mon ami“, „mein Freund“. Es war ein herzliches Verhältnis und eine Freundschaft, auf beiden Seiten.

ARTE: Bedurfte es für die Aussöhnung zwischen Deutschland und Frankreich dieser beider Persönlichkeiten – oder war die Zeit einfach reif dafür?
HERMANN KUSTERER: Damit die deutsch-französische Aussöhnung wirklich vollzogen werden konnte, waren diese beiden Männer unerlässlich. Natürlich haben sich zuvor schon Politiker wie zum Beispiel Jean Monnet oder Robert Schuman um Europa verdient gemacht, das ist schon richtig. Trotzdem hätte keiner von ihnen das vollbringen können, was Charles de Gaulle gelang mit seiner Biografie und mit seiner Persönlichkeit.

 

Deutschland stand für Charles de Gaulle seit jeher an erster Stelle.

ARTE: Inwiefern war de Gaulle so wichtig?
HERMANN KUSTERER: Deutschland stand für de Gaulle seit jeher an erster Stelle. Zunächst als Feind, gegen den man sich wehren und dann als das Land, mit dem man Europa bauen muss. Schon am Ende des Zweiten Weltkrieges, das kann man in seinen Memoiren nachlesen, war ihm bewusst, dass man mit diesem Deutschland klarkommen musste. Die Erkenntnis, dass gemeinsam mit einem demokratischen, friedlichen Deutschland, das zur Zusammenarbeit bereit ist, Großes geschaffen werden könnte, ist sehr früh bei de Gaulle zu erkennen. Natürlich stellte sich für ihn die Frage: Habe ich ein friedliches Deutschland vor mir oder nicht? Konrad Adenauer verkörperte es auf ideale Weise.

ARTE: Das zeigte sich 1962, als Adenauer erstmals offiziell nach Frankreich reiste.
HERMANN KUSTERER: Genau, da war die deutsch-französische Truppenparade in Mourmelon in der Champagne. Dass zwei Armeen, die sich vorher so sehr bekämpft hatten, gemeinsam eine Parade abhalten, war eine Riesensache. Für General de Gaulle mehr noch als für Adenauer, denn er hatte mitgekämpft, war auch im Ersten Weltkrieg schwer verwundet worden und in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten. Bei der Parade merkte man ihm die Ergriffenheit an. De Gaulle sagte zu Adenauer, „unis comme les doigts de la main“, sie seien vereint wie die Finger zweier Hände.

ARTE: Es folgte eine Zeremonie: De Gaulle und Adenauer feierten die „Messe des Friedens“ in der Kathedrale von Reims. Wie haben Sie das erlebt?
HERMANN KUSTERER: Ich saß still in einer Bank und war tief bewegt. Es war ein ergreifender Moment, symbolträchtig, wie er nur sein kann. Die feierliche Stimmung – jetzt sind wir beinander, jetzt sind wir wirklich gut Freund – hat sich beim Essen in der Präfektur fortgesetzt, es war gelöst und fröhlich. De Gaulle begleitete Adenauer dann zum Flugzeug, um ihn zu verabschieden. Das war jenseits jedes Protokolls.

ARTE: Einige Wochen später fand der Gegenbesuch statt: Charles de Gaulle reiste durch Deutschland. Am 5. September 1962 hielt er auf dem Bonner Markplatz eine Rede, die Euphorie beim deutschen Publikum auslöste. Wie gelang ihm das?
HERMANN KUSTERER: Er hat sich auf Deutsch an die Bevölkerung gewandt, mit folgendem Text: „Wenn ich Sie so um mich herum versammelt sehe, empfinde ich mehr als zuvor die Würdigung und das Vertrauen, das ich für ihr großes Volk, jawohl, für das große deutsche Volk hege.“ Dieser Mann, der uns verteufelt hatte, im Krieg von London aus, der kommt und sagt das! Und meint es sogar! Unentwegt hatte man von uns verlangt, dass wir im Büßerhemd gehen. De Gaulles Rede war eine Lossprechung, eine Befreiung, eine Absolution. Von da an war während des ganzen Besuchs in Deutschland kein Halten mehr.

 

INTERVIEW: WERNER BIERMANN FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE INTERVIEW

 

HERMANN KUSTERER

1927 geboren, lange Jahre Chefdolmetscher im Auswärtigen Amt und Dolmetscher von Adenauer. Er übersetzte auch Bücher von Charles de Gaulle. 2012 zum Offizier der Ehrenlegion ernannt

 

 

ARTE PLUS

 

DE GAULLE UND ADENAUER

Charles de Gaulle (1890–1970) stellt sich am 18. Juni 1940 in seiner berühmten Radioansprache von London aus gegen die Vichy-Regierung. Am 1. Juni 1958 wird er Ministerpräsident, am 21. Dezember 1958 französischer Staatspräsident (Rücktritt 1969)

 

Konrad Adenauer (1876–1967) weigert sich 1933 als Oberbürgermeister von Köln, den für eine Wahlkampfrede angereisten Reichskanzler Adolf Hitler zu empfangen. Seine Vertreibung aus Köln durch die SA und Kölner Bürger sowie mehrere Verhaftungen sind die Folge. Er wird der erste Bundeskanzler der BRD (1949–1963)

 

 

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Kategorien: Januar 2013