TIM BURTON: DER CHARME DES MORBIDEN

Warner Bros

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Dass so ein morbider Struwwelpeter wie Tim Bur-ton einmal Hollywoods Liebling werden würde, war nicht absehbar. Als er mit 18 Jahren an der Kaderschmiede von Disney anfing, das Zeichentrickhandwerk zu lernen, brachte ihm sein Talent zwar einen Vertrag beim Zuckerbäcker der Traumfabrik ein – wirklich dazu gehörte er aber nie. Er blieb ein begabter Außenseiter, sprach manchmal tagelang mit niemandem oder kletterte auf seinem Schreibtisch rum wie ein wildes Tier. Aus seiner Zeichenfeder drängten Kreaturen wie spitzzahnige Kürbisköpfe, schrumpelige Untote oder zusammengeflickte Hunde mit Schrauben im Hals. Die flauschigen Disney-Figuren wie das Fuchsbaby Cap und der Hundewelpe Capper, an denen er mitzeichnen musste, machten ihn depressiv.

Heute feiern die Medien Tim Burton genau darum als „Meister des fantastischen Kinos“. Niemand macht das Unterbewusste, das Zwischenweltliche so greifbar wie er. Und immer weht ein Charme der Verwesung um seine Monster: Da ist „Beetlejuice“ (1988), der Tote mit den schimmeligen Backen, der ein frisch verstorbenenes Paar von den Lebenden befreien soll; da ist der staksige „Edward mit den Scherenhänden“ (1990), gespielt von Haus- und Hofschauspieler Johnny Depp; da ist die Braut mit der Made im Auge, die in „Corpse Bride“ (2005) einen Lebenden zum Traualtar schleppt. Düster? Ja. Morbid? Ja. Abstoßend? Nein. Burton nimmt dem Tod seinen Schrecken. Struwwelpeter macht Angst, Burton macht Lust. Lust am Anderssein.

 

Refugium für seine düstere Seele. „Als Kind mochte ich ,Frankenstein‘ und solche Sachen, da lernt man etwas über gesellschaftliche Irrtümer, das sind eigentlich Fabeln über Außenseiter“, sagt Burton. Wie viel Burton in einem Burton steckt, lässt Johnny Depps Beschreibung des ersten Treffens 1989 erahnen: „Mir gegenüber saß ein blasser, zerbrechlich wirkender Mann mit traurigen Augen und Haaren (…). Seine Hände – wie er damit beinahe unkontrolliert herumwedelte und nervös auf die Tischplatte trommelte, seine gestelzte Art zu sprechen (…). Dieser hypersensible Verrückte ist Edward mit den Scherenhänden!“ Man sieht förmlich den kleinen Jungen aus Burbank, einem Vorhof Hollywoods, vor sich, der oft auf dem Friedhof spielt, seltsame Wesen zeichnet und stundenlang Horrorfilme schaut. Sofort glaubt man dem heute 54-Jährigen, wenn er sagt: „Das, was ich heute mache, ist eigentlich nur eine sehr teure Form der Therapie.“
Die erste Zeit bei Disney wird Burton später als schlimmste seines Lebens bezeichnen, und doch sollte sie das Sprungbrett für seine steile Karriere werden. Denn ohne Disney wäre aus dem Zeichner nie der Regisseur geworden. Hier lässt man Burton seine ersten kleinen Filme drehen, die zwar nur spät-abends auf dem gerade gegründeten Disney Channel versendet werden, aber Refugium für seine düstere Seele sind. Er besetzt „Hänsel und Gretel“ (1982) mit japanischen Schauspielern und lässt die böse Hexe im Kung-Fu-Kampf sterben. Und er erfindet Frankenstein neu: In „Frankenweenie“ (1984) holt ein Junge seinen geliebten Hund Sparky aus dem Reich der Toten zurück. Vielleicht ist auch seine Nostalgie, sein Heraufbeschwören der eigenen Kindheit der Grund, warum Burton in einigen Filmen eine „sterbende Kunstform“ am Leben erhält, wie er es ausdrückt – die Stop-Motion-Technik, bei der echte Puppen oder Objekte belebt werden. Computeranimation ist lange Zeit undenkbar für ihn.

 

Unbeseelte Objekte erwachen. Burton ist ein Puppenspieler, zeichnet und baut seine Figuren selbst: „Puppen sind etwas ganz besonderes, sie haben immer etwas Handgemachtes, Emotionales, mit dem man sich identifizieren kann. Sie sind da, man hat sie angefasst, es steckt menschliche Energie drin“, sagt Burton und fügt hinzu: „Man erweckt das unbeseelte Objekt zum Leben.“ Von seinem ersten Puppen-Kurzfilm „Vincent“ (1982), noch bei Disney, über den Kinofilm „Nightmare Before Christmas“ (1993) bis zu „Corpse Bride“ (2005) wird Burtons Technik immer ausgefeilter, werden Bewegungen fließender, Gesichter beweglicher. Fast wünscht man sich das Ungelenke, Staksige zurück, das irgendwie „burtonesker“ wirkt.

„Burtonesk“, das Wort gibt es tatsächlich. Es ist Synonym für: düster, bizarr, schaurig. Doch während seine Filme polarisieren, versetzt der Zeichner Burton selbst seine härtesten Kritiker in Euphorie. Nicht zuletzt, weil das New Yorker Museum of Modern Art ihm 2009 eine Retrospektive widmete – die größte Ausstellung in der Geschichte des Museums über einen einzelnen Filmemacher. 2012 machte sie in Paris Station, mehr als 350.000 Menschen sahen sich die über 700 Objekte, Zeichnungen, Texte, Skulpturen und Requisiten aus der privaten Sammlung des Multitalents an.

 

Zwischen Mainstream und Morbidem. Tim Burton hat das Abseitige salonfähig gemacht. Dass er zum Hollywood-Star wurde, hat aber auch pragmatische Gründe: Er ist eine Marke, die viel Geld einbringt. „Alice im Wunderland“ (2010), sein bislang erfolgreichster Film, spielt weltweit über eine Milliarde Dollar ein. Es ist die erste Produktion, in der Disney wieder im Boot ist, das Budget wird auf 250 Millionen Dollar geschätzt. Burtons Filme, trotz oder gerade wegen ihrer Obskurität, faszinieren die Massen: „Alice“ schauen sich in Europa über 27 Millionen an, in den USA 42 Millionen. Die filigrane Balance zwischen Mainstream und Morbidem hält Burton im Januar 2013 in Deutschland auch mit seinem vielleicht persönlichsten Film: „Frankenweenie“, einer Neuverfilmung seines Kurzfilms von damals. Ein schwarz-weißer Puppenfilm, bei dem es um den Tod geht. Hundert Prozent burtonesk eben! Es ist wohl so, wie Johnny Depp sagt: „Ich habe noch nie einen Außenseiter erlebt, der sich so gut in die Gesellschaft eingepasst hat – auf seine eigene Weise.“

DIANA AUST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

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BIOGRAFIE

Timothy William Burton wird am 25.8.1958 im kalifornischen Burbank geboren. Schon als Kind gewinnt er Zeichenwettbewerbe der städtischen Müllabfuhr und Feuerwehr. Mit einem Stipendium der Disney-Studios lernt er drei Jahre lang am California Institute of the Arts das Animationshandwerk. Heute lebt er mit Lebensgefährtin Helena Bonham Carter und den zwei Kindern in London

 

BUCH-TIPPS

Einige Zitate stammen aus: Tim Burton: „Der melancholische Magier“ (Quadriga Verlag 2012, Abb. o.); Tim Burton: „Das traurige Ende des Aus-ternjungen“ (Quadriga 2011); Leah Gallo: „The Art of Tim Burton“ (Steeling Publishing 2009)

 

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Kategorien: Dezember 2012