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ROLANDO VILLAZÓN: SEÑOR 100.000 VOLT

SWR/Andrea Kremper

SWR/Andrea Kremper

Trifft man ihn zum Interview, rutscht er auf dem Stuhl hin und her, plaudert und fuchtelt mit den Händen. Plötzlich springt er auf, die schwarzen Locken wirr, die dunklen Augen tellergroß aufgerissen: „Wahnsinn! Ich liebe sie einfach, die Bühne, die Kunst!“ Die Medien nennen ihn „Señor 100.000 Volt“, „Mexikanischer Wahnsinn!“ und „Mr. Bean der Oper“. Das Publikum liebt ihn, wie es lange Zeit keinen mehr geliebt hat. Und so hat der heute 40-jährige Tenor Rolando Villazón in wenigen Jahren eine Weltkarriere hingelegt: London, New York und immer wieder München und Wien. „Es übersteigt all meine Träume“, sagt er, „dabei habe ich die Gewohnheit, groß zu träumen.“ Schließlich hieß schon der Song, mit dem er als Kind einem Musiklehrer aufgefallen war, „Impossible Dream“.

 

Um Leben und Tod

Schon als kleiner Junge in Mexiko-City träumte Villazón davon, „eine beeindruckende Persönlichkeit zu werden“, sich immer wieder neu zu inszenieren. „Figuren aus Romanen erschienen mir realer als jene, die mich umgaben“, sagt er, der bis heute jeden Tag mindestens drei Bücher gleichzeitig liest. Eine Zeichnung von Huckleberry Finn, im Overall und barfuß, brachte ihn als Kind darauf, eine Zeit lang auf Schuhe zu verzichten. Danach nahm er sich Don Quichotte vor, bastelte sich aus Rohren und Karton eine Rüstung und sang „Yo soy Don Quijote!“. Damit nicht genug: Nachdem er eine Biografie von Mahatma Gandhi gelesen hatte, ließ sich der 16-Jährige den Kopf kahl scheren. Längst war er aus der Deutschen Schule in Mexiko-City geflogen und in einer Schule untergebracht, die ganz im christlichen Geiste des französischen Pädagogen und 1900 heilig gesprochenen Jean-Baptiste de la Salle stand. Monatelang war Villazón als Missionar in Mexikos Bergen unterwegs, wollte Priester werden. Bekanntlich wurde er es nicht. Dennoch glaubt er, dass seine Arbeit auf der Bühne einen spirituellen Aspekt hat, man könne durchaus ein Künstlerleben mit einer religiösen Berufung gleichsetzen. „Natürlich wird mir ein Priester sagen, dass seine Aufgabe viel größer und hehrer ist. Dennoch: Ich lebe meine Hingabe zur Musik geradezu religiös aus.“

Seine wahre Berufung für die Musik entdeckte er, als er mit 18 Jahren auf einer Schulfeier zwei Arien sang und der Bariton Arturo Nieto ihn unter seine Fittiche nahm. Was dann folgte, davon träumen viele: Villazón besuchte das Konservatorium, gewann zwei nationale Wettbewerbe, absolvierte Meisterkurse bei der australischen Star-Sopranistin Joan Sutherland in San Francisco und gewann den renommierten Zarzuela-Preis sowie den zweiten Hauptpreis in Plácido Domingos „Operalia-Wettbewerb“ 1999. Sein Debüt 2001 an der New York City Opera als Rodolfo wurde landesweit im Fernsehen übertragen. Den Durchbruch schaffte Villazón 2003 mit seinem Debüt im Londoner Covent Garden in Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“.

Heute kann sich der Wahlpariser vor Engagements kaum retten. Villazóns Intensität, seine künstlerische und persönliche Unbedingtheit lässt keinen kalt. Seit Jahren hat man sich nach einem Künstler gesehnt, der sich verzehrt, dem es auf der Bühne um Leben und Tod geht. Villazón ist ein solcher Glücksfall. Vom „Angriff Villazón“ sprechen auch Kritiker, wenn sie ihn erleben, ob als ekstatischer Alfredo in „La Traviata“, als Tenorsalven schießender Macduff in Verdis „Macbeth“ oder als emphatisch-poetischer Romeo in Charles Gounods Shakespeare-Vertonung von „Romeo und Julia“.

 

Von Italien nach Texas

Bei den Baden-Badener Pfingstfestspielen 2012 erlebte ihn die Welt erstmals in einer Doppelrolle: als tragisch-komischen Helden Nemorino in Gaetano Donizettis Komischer Oper „Liebestrank“ und zugleich als Regisseur (zu sehen am 24. Dezember bei ARTE). Er weiß, was Sänger mögen: „jemanden, der die Musik und die Richtung des Stücks kennt – egal wie verrückt es ist.“ Der Musik räumt er einen klaren Vorrang über die Regie ein. Den Druck, etwas Neues bringen zu müssen, fühlt er nicht. Wichtiger ist ihm: „Die Komödie muss funktionieren, die Poesie berühren und das Publikum soll am Ende fühlen: ‚Es war gut, hier gewesen zu sein.‘“ Die Handlung des „Liebestranks“ verlegte Villazón vom italienischen Bauernhof nach Texas, in das Filmset eines amerikanischen Westerns der 1940er Jahre. Mittendrin und stets Teil des Teams: Villazón als mexikanischer Film-Komparse mit Sombrero und Charlie-Chaplin-Anleihen in seiner Lieblingsrolle des Buffone. „Ich liebe die Rolle des Clowns als entlarvender Spiegel. Der Humor ist eine Waffe des Menschen, um den Ernst des Lebens zu ertragen.“ Sein Humor und die Devise: „Werde der beste Künstler, der du sein kannst!“, möchte er auch den jungen Künstlern mitgeben, denen er in der ARTE-Reihe „Stars von Morgen mit Rolando Villazón“ begegnet. „Ziel darf es nicht sein, in den größten Theatern mit der größten Rolle aufzutreten oder reich zu werden. Es geht nur darum, ein guter Künstler zu sein.“

 

TERESA PIESCHACÓN RAPHAEL FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

 

DISKOGRAFIE

„Villazón Verdi“ (Deutsche Grammophon 2012), „Don Giovanni“ (Deutsche Grammophon 2012), „Massenet: Werther“ (Deutsche Grammophon 2012), „La Strada – Songs from the Movies“ (Decca 2011), „Heroes & Villains – Opera’s Leading Men“ (Decca 2010), „Händel“ (Deutsche Grammophon 2009), „La Traviata“ (Deutsche Grammophon 2009)

(Auswahl)

 

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Kategorien: Dezember 2012