HOCH HINAUS IM NAMEN GOTTES

Yannick Karcher/seppia

Yannick Karcher/seppia

1225 ist ein ruhiges Jahr in Europa. Der König von Frankreich führt zwar gerade mal wieder Krieg gegen die Engländer, aber das ist nicht weiter bemerkenswert. Beide Seiten tun das immer wieder, seit Generationen schon. 1225 ist auch das Jahr, in dem ein Trupp von Handwerksgesellen aus dem französischen Chartres auf einer Großbaustelle im Herzen von Straßburg eintrifft: Dort, wo auf einem kleinen Hügel ein neues Gotteshaus entstehen soll, größer, schöner als der ein halbes Jahrhundert zuvor durch Brände beschädigte und aus der Mode gekommene romanische Vorgängerbau.

Ungewöhnlich ist die Ankunft reisender Steinmetze keineswegs. Im Mittelalter ist es üblich, dass sich Handwerksgesellen für kurze Zeit verdingen, mitunter nur für ein paar Tage und Wochen, manchmal für die ganze Bausaison, und dann weiterziehen. So tragen sie ihr Wissen und neu gewonnene Erkenntnisse von Baustelle zu Baustelle. Denn es wird gerade viel gebaut, in Frankreich und auch in den deutschen Landen. Neue Kathedralen wachsen überall empor.

 

Ein neuer Baustil hält Einzug. Die Ankunft der Männer aus Chartres soll indes ungeahnte Konsequenzen haben. Denn sie werden eine kleine Baurevolution in Straßburg auslösen. Die Steinmetze legen die Grundlagen dafür, dass das Liebfrauenmünster zu einer der bedeutendsten Kathedralen Europas wird: Sie führen den Baustil der Gotik in Straßburg ein. Chartres ist damals berühmt in Frankreich und den angrenzenden Landen, ja in ganz Europa. Die Stadt war damals der wohl beliebteste Marienwallfahrtsort des Kontinents. Als die Kathedrale dort 1194 einer Feuersbrunst zum Opfer fiel, brandete eine Welle der Hilfsbereitschaft durch das Land. Selbst Frankreichs König Philipp II. spendete für den Wiederaufbau, und schon bald wuchs auf den Fundamenten der alten Kirche ein Neubau in Rekordtempo empor. Bereits um das Jahr 1220 war die der Lieben Frau geweihte Kathedrale von Chartres eingewölbt. Es ist ein für damalige Verhältnisse unglaublich moderner Bau: himmelstrebend die Gewölbe, schlank die Säulen. Spitz zulaufende Fenster ersetzen die plumpen Wände bisheriger Kirchenbauten. Durch buntes, wie Edelstein funkelndes Glas flutet Licht ins Innere der Kathedrale. Ein neuer Stil hat sich hier Bahn gebrochen: die Gotik, die nun ihren Siegeszug quer durch Europa antritt.

Es ist kein Zufall, dass dieser neue Stil ausgerechnet von Frankreich ausgeht. Das Königreich erlebt gerade eine Epoche, in der es politisch, wirtschaftlich und kulturell aufblüht. Die Könige haben ihre Macht konsolidiert: Sie haben die Barone zur Räson gebracht, die zuvor vielerorts das Land, Raubrittern gleich, unsicher gemacht hatten. Und den Engländern haben sie die Normandie sowie weite Landstriche im Westen abgerungen. Handel und Handwerk gedeihen, neue Erfindungen wie Pflüge mit eisernen Pflugscharen und die Dreifelderwirtschaft steigern die Erträge der Bauern. Kurzum: Es sind vergleichsweise gute Zeiten.

 

Edel, strahlend, himmelstrebend. Allein im französischen Kronland, das weitaus kleiner ist als das heutige Frankreich und sich von Orléans im Süden bis hoch in die Picardie erstreckt, entstehen in der Zeit zwischen etwa 1150 und 1300 weit mehr als 2.500 Kirchen und fast 20 Kathedralen im neuen gotischen Stil.
Zurück in die Zeit um das Jahr 1000. Da gelang es den damaligen Baumeistern wieder, solch steinerne Gewölbe zu konstruieren, wie sie schon die Antike kannte.

 

Immer höher streben die Baumeister, immer prächtiger werden die Fenster, immer raffinierter das Maßwerk.

 

Das Zeitalter der Romanik hatte begonnen. Bischöfe und Kaiser ließen sich Kirchen wie Trutzburgen bauen: gewaltige Dome, wuchtige Kathedralen mit schweren, steinernen Tonnengewölben und massiven Mauern. Dunkel waren diese Kirchen, drückend und düster. Aber war Gott nicht das Licht, wie es die Offenbarung verkündete? Diese Frage bewegte Theologen und Baumeister immer mehr. In der Klosterkirche von Saint-Denis bei Paris fanden sie um die Mitte des 12. Jahrhunderts eine Antwort: den Baustil der Gotik. Saint-Denis war damals die bedeutendste Abtei Frankreichs. Ihr Vorsteher rechtfertigte die neue Architektur theologisch. „Dies Werk, das edel erstrahlt, erleuchte die Köpfe“, schrieb Abt Suger, „damit sie durch das wirkliche Licht aufsteigen zu dem wahren Licht Gottes.“ Das Licht, das nun durch die neuen, bunten Fenster in die Kirche strömt, soll die Gedanken der Menschen erheben zur Betrachtung der himmlischen Ewigkeit. In Chartres folgten sie dem Vorbild. Und nun werden sie es auch in Straßburg tun. So wie in Reims, in Beauvais, in Sens oder Paris, in Köln und Canterbury, in Assisi und Burgos – überall in Europa. Immer höher streben die Baumeister, immer prächtiger werden die Fenster, immer raffinierter das Maßwerk, der steinerne Rahmen, der die Fenster filigran umrahmt.

 

Wettlauf um Rekorde. Die Kathedralen sollen einander übertreffen: gigantisch, monumental. Es ist wie eine Sucht, ein Wettlauf nach Rekorden. Auch dafür gibt es eine theologische Rechtfertigung: Die Pracht und Größe der Kirchen dient dem Lob Gottes. Je ausladender die Kirche, desto kräftiger der Lobpreis des Herrn. Gotteshäuser entstehen, wie sie die Christenheit noch nie gesehen hat. Aber dahinter stecken auch ziemlich irdische Überlegungen. Die fast übermenschlichen Dimensionen künden ebenso vom Selbstbewusstsein derjenigen, die dort Gottes Wort verbreiten: die mächtigen Bischöfe, die Bauherren der Kathedralen. Auch in Straßburg ist es der Bischof, der den Bau ehrgeizig vorantreibt. Erst 1290, als es Straßburg gelingt, Freie Reichsstadt zu werden, wird die Stadt selbst zum Verwalter der Bauhütte und somit zum Bauherrn.

Laut muss es zugegangen sein auf dem Bauplatz im Herzen der Stadt an der Ill – und chaotisch, ein buntes Gewimmel: Tagelöhner und Handwerker, Maurer und Steinmetze, Kalkbrenner und Mörtelmacher, Erdarbeiter und Windeknechte, Schmiede und Seiler, Zimmerleute und Glaser. Eine Kakofonie der Klänge liegt über den schmalen Gassen. Der spitze Ton eiserner Steinäxte und Meißel. Die schroffen Kommandorufe der Maurer, die Material anfordern, und die Klagen der Männer, die es zu schleppen haben. Rauch wabert durch die Luft. Schmiede fachen Feuer an, um Eisenarmierungen zu formen oder beschädigte Äxte und Kellen zu reparieren. Tagelöhner schleppen Steine und Mörtel auf hölzernen Tragbrettern. Schwankende Gerüstrampen stapfen sie empor, die Schultern gebeugt. Sogar Esel müssen die Laufschrägen hinauf. Wenn es steiler wird, klettern die Arbeiter über wacklige Leitern weiter, ihre Lasten in geflochtenen Körben auf dem Rücken. Die großen Quader des Sandsteins aus den nahen Vogesen, der die einmalige Farbe des Bauwerks hervorbringen wird, hieven sie mit hölzernen Kränen nach oben.

Staunend werden die Menschen diese hölzernen Wunderwerke der Technik auf den Baustellen der Kathedralen betrachtet haben – die drehbaren Kräne oder auch die mechanischen Sägen, die, mit Wasserkraft betrieben, die Steine durchtrennen. Stein um Stein, Meter um Meter wachsen Pfeiler, Mauern und Strebebögen in die Höhe. Letztere brauchen die Baumeister der Gotik, um die Kirchenräume so schwindelerregend nach oben ziehen zu können: 32 Meter ragen die Gewölbe des Münsters am Ende empor. Die Strebebögen müssen den ungeheuren Druck der Gewölbe ableiten, der auf den Seitenwänden der Kathedrale lastet, und die Wände stabilisieren, die sonst bei Sturmböen kollabieren könnten. Die Baugeschichte des Münsters erklärt, warum sich hier deutsche und französische Einflüsse verbinden: Begonnen wurde der Bau noch im romanischen Stil der großen Kaiserdome flussabwärts am Rhein wie in Mainz oder Worms. In Straßburg ist die Apsis gedrungen, schwer, fast fensterlos. Doch als sich dann aus Frankreich der neue Stil durchsetzt, wandelt sich das Bild. Am nördlichen und südlichen Querhaus zeigt sich dieser Einfluss, der berühmte Engelspfeiler im südlichen Querhaus ist das Werk der Meister aus Chartres. Die schwere Gewölbestütze wurde hier in vier schlanke Säulen aufgelöst, dazwischen Figuren gesetzt: Posaunen blasende Engel, die Evangelisten, der Schmerzensmann.

 

Jahrhunderte bis zur Vollendung. Kathedralen sind Bauten für die Ewigkeit und es dauert meist Jahrhunderte, ehe sie vollendet werden. Auch in Straßburg. Erst 1245 beginnen die Arbeiten am Langhaus. 1276, hundert Jahre nach Baubeginn in romanischem Stil werden dann die Fundamente für das Westwerk, die Schauseite einer jeden Kathedrale, gelegt. In Straßburg soll diese Fassade besonders schmuckreich und eindrucksvoll werden mit einer prächtigen und gewaltigen Fensterrose. Sie ist das Werk des Baumeisters Erwin von Steinbach, der erste dokumentierte Baumeister des Straßburger Münsters.

Noch mehr als ein weiteres Jahrhundert vergeht, ehe Ulrich von Ensingen 1399 aus Ulm kommt, um den Bau des einzigen Turms zu planen. Ursprünglich sollte die Kathedrale eine Doppelturmfassade wie Reims oder Paris bekommen. Doch ein von den Nachfolgern Erwin von Steinbachs realisierter Mittelbau zwischen den Türmen führt dazu, dass die Kathedrale nun wenig elegant wirkt. Ein Turm, der Straßburg aus der Ferne sichtbar macht, soll diesen Baufehler nun ausgleichen: Mit 142 Metern Höhe gilt er lange Zeit als der höchste Turm des Abendlandes. Ulrich von Ensingen hat es nicht geschafft, ihn bis zur Spitze zu vollenden, seinem Bauleiter und Nachfolger Johannes Hülz wird 1439 dieses Glück beschert – zu dem Zeitpunkt, als nach mehr als einem Vierteljahrtausend Bauzeit, unterbrochen von Kriegen, Pest und Bränden, das Straßburger Münster das äußere Erscheinungsbild gefunden hat, das wir heute kennen.

 

REYMER KLÜVER FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE-GASTAUTOR: REYMER KLÜVER STUDIERTE KUNSTGESCHICHTE UND IST AUßENPOLITISCHER AUTOR DER „SZ“

 

ARTE PLUS

 

DER BAU DER KATHEDRALE

Bereits im Jahr 1015 wird der Grundstein der Straßburger Kathedrale gelegt. Nach mehreren Bränden wird der Bau ab 1176 zunächst in romanischem Stil erneuert.
Um 1225 setzt sich dann die frühgotische Bauweise durch. 1245 Bau des Langhauses. 1276 beginnt Erwin von Steinbach, beauftragt von Bischof Konrad III. von Lichtenberg, den Bau der Westfassade. Er plant mit zwei Türmen. Im 14. Jahrhundert strebt die Gotik dann in die Höhe:Johannes Hülz vollendet 1439 den Bau des 142 Meter hohen einzigen Turms, als Nachfolger Ulrich von Ensingens


ARTE 3D-EMPFANG

3D-Genuss im Fernsehen und Internet

Informationen zum Empfang

In 3D wird auf dem ASTRA-3D-Demokanal im Side-by-Side-Verfahren augestrahlt. Voraussetzung ist ein 3D-tauglicher Bildschirm und ein HD-Sat-Receiver (erkennbar am HDTV-Logo). Eine Alternative ist ein HD-Flachbildfernseher mit integriertem DVB-S-Empfang. Zudem braucht man eine 3D-Brille (Shutter- oder Polarisationsbrille) sowie eine Satellitenempfangsanlage mit Ausrichtung auf ASTRA 19,2 Grad Ost. Wer die Anlage selbst einstellen möchte, wählt die Frequenz 10802.75 MHz, horizontale Position. Die Programme sind auch im Live-Stream in 2D und 3D auf der ARTE Homepage zu sehen, hier auch Anaglyph 3D mit einer Rot-Cyan-Anaglyphenbrille. Bei Fragen erreichen Sie unseren Zuschauerdienst: 0180-500 24 88*

 

INTERAKTIVES PROJEKT

Erleben Sie ein Multimedia-Abenteuer im Herzen gotischer Kathedralen, werden Sie Baumeister.

 

Wie konnten im Mittelalter solch beeindruckende gotische Sakralbauten errichtet werden? Um Antworten zu finden, ergänzen unter anderem ein interaktives Doku-Spiel und eine GPS-basierte App den Dokumentarfilm über die Straßburger Kathedrale. Auf innovative Weise wird Geschichte lebendig und lädt zu einer Zeitreise mit modernster Technologie ein. Ab dem 4. Dezember unter www.arte.tv/kathedrale.

 

Als Internetnutzer können Sie in einer ganz neuen Art von Web-Doku mit einem videospielartigen Konzept selbst zum Architekten werden, die Geheimnisse der Baumeister lüften und mit einem Tower-Builder-Designtool einen zweiten Turm für die Straßburger Kathedrale entwerfen. Um zunächst die Denkweise der damaligen Baumeister zu verstehen, treffen Sie auf Experten aus dem 3D-Film. Außerdem erhalten Sie Zugang zu Dokumenten wie 3D-Modellen des Münsters und Originalplänen. Erworbene Kenntnisse werden mit Bauteilen für den zweiten virtuellen Turm belohnt. Unter den besten Architekten wird am 8. Januar ein Preis ausgelost!

 

Holen Sie sich mit der Technologie von heute das Mittelalter in die Gegenwart und besuchen Sie die Kathedralen von Straßburg, Ulm und Freiburg mit einem interaktiven Museumsführer in Form einer GPS-basierten App. In Straßburg lassen sich mit dem Smartphone auch die virtuellen Entwürfe des zweiten Turms aus dem oben genannten Doku-Spiel anzeigen.

 

Sämtliche Dokumente aus dem Film sind in der Mediathek per Mausklick abrufbar, darunter auch die Originalpläne der Baumeister. Die Navigation erfolgt per Zeitleiste bzw. in Form von Kapiteln.

 

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Kategorien: Dezember 2012