aurore.schaller@arte.tv

GIPFEL DES GENUSSES

Drushba Pankow

Drushba Pankow

Kaum ist Weihnachten vorbei, kommt Silvester um die Ecke. Genug gekocht, sagt der Deutsche pragmatisch und holt das Fondueset aus dem Schrank, oder er organisiert ein Mitbringbuffet. Deutsche wollen nach den Weihnachtsfeiertagen nicht mehr stundenlang in der Küche stehen, und außerdem brauchen sie an Silvester Zeit für ihre Bräuche. Franzosen hingegen haben sich über Weihnachten gerade einmal warm gegessen, jetzt kommen sie richtig in die Gänge. Denn „le 31“ – kein Mensch sagt „Silvester“ – ist eine der besten Gelegenheiten, das zu tun, was Franzosen am allerliebsten tun: fein und stilvoll essen, wie Gourmets, was sonst.

 

Für die letzte Nacht im Jahr und das zugehörige Mahl kennt das Französische nur ein Wort, „le réveillon“. Das Neujahrsessen findet im Kreis der Familie statt oder unter Freunden, und mitten in der Nacht. Erlesen muss es sein, auch bei den wenig Betuchten, und lang muss es dauern, stundenlang, bis weit über Mitternacht hinaus. Gänsestopfleber, Austern, Jakobsmuscheln, Hummer, Käse, Eistorten, Wein und Champagner, Champagner, immer wieder Champagner – das sind die festen Bestandteile des „réveillon“.

 

Silvester, könnte man also sagen, wird in Frankreich fokussiert begangen. Nein, man schaut kein „Dinner for One“, spielt keine Gesellschaftsspiele mit den Kindern, hantiert nicht mit Bleigießlöffeln, man sitzt und genießt. Und natürlich käme kein Franzose auf die Idee, sich einen kalten Hintern zu holen und auf eine Dachterrasse oder eine Anhöhe zu klettern, um die Aussicht aufs Feuerwerk zu optimieren – denn in Frankreich wird nicht geböllert. Eine Ausnahme macht das Elsass, wo Ende Dezember Massen deutscher Feuerwerkskörper den Rhein überqueren, trotz scharfer Grenzkontrollen. Davon abgesehen: In der Neujahrsnacht leuchten höchstens brennende Autos und Müllcontainer in Großstädten, wo Jugendliche aus den Vorstädten ihren Frust zum Explodieren bringen. Das große Feuerwerk, einst ausgerichtet von der Stadt Paris, ist seit Jahren abgesagt.

 

Das große Essen dagegen, das aber kein großes Fressen ist, da die Portionen klein und quasi beilagenfrei sind, wird in Restaurants auch als „Dîner dansant“ angeboten, als getanztes Menü im Rhythmus erster Gang, ein Tanz, zweiter Gang, ein Tanz und so weiter. Es hat den Vorteil, dass, wer ständig aufspringt und tanzt, den Genuss verlängert, und darum geht es: um die reine, pure Lust am Essen. Nur um Mitternacht legen auch Franzosen eine kurze Pause ein, heben das Champagnerglas und wünschen „Une bonne année“. Ein gutes neues Jahr!

 

KATJA ERNST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ILLUSTRATION: DRUSHBA PANKOW

 

DVD-TIPP: „Karambolage“ aus der ARTE Edition

 

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis!

Kategorien: Dezember 2012