GEFÄHRLICHES SPIEL

MedienKontor/Nicole Probst

MedienKontor/Nicole Probst

Unabhängige Institute warnen vor giftigen Spielzeugen, die chemische Belastung sei oft viel zu hoch. Die neue EU-Spielzeugrichtlinie, die ab Juli 2013 in Kraft tritt, wird europaweit Grenzwerte harmonisieren und nationale Regelungen ersetzen. Doch das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) kritisiert zu hohe Grenzwerte für Kinder. Deutschland will seine bislang strengeren Höchstwerte beibehalten und klagt aktuell gegen die EU. Alexander West, Leiter des Instituts für Lebensmittelchemie Koblenz, das Spielzeug auf Schadstoffe hin untersucht, erklärt die Gefahren – und sagt, worauf Verbraucher beim Kauf achten sollten.

 

 

ARTE: Plastikpuppe oder Teddybär: Welche Gefahren verstecken sich im Kinderspielzeug?
ALEXANDER WEST: In Spielsachen finden wir in Tests oft krebserregende Farbstoffe wie zum Beispiel Azofarbstoffe in Textilien. In Lacken können Schwermetalle in einer Menge enthalten sein, die neurotoxisch wirkt. Zu viel Blei beispielsweise führt zu einer Einschränkung der kognitiven Leistungsfähigkeit. Und in Plastikspielzeug finden Prüfer immer wieder krebserregende polyzyklische aromatische Kohlenwasserstoffe, kurz PAK, oder Phtalate, sogenannte Weichmacher, die unter anderem Unfruchtbarkeit verursachen können.

ARTE: Sind die gesundheitlichen Folgen messbar?
ALEXANDER WEST: Das ist das Gemeine an diesen Stoffen: Zwischen dem Kontakt mit der krebserregenden Substanz im Spielzeug und dem Auftreten der Krankheit können Jahrzehnte liegen. Die Ursache der Krebserkrankung ist dann nicht mehr genau zuzuordnen. Ganz anders als bei einer klassischen Durchfallerkrankung.

ARTE: Ist eine effektive Kontrolle der Spielzeuge überhaupt möglich?
ALEXANDER WEST: Es gibt keine Oberinstanz, die die Spielzeugqualität in Europa kontrolliert. Für die Spielzeugsicherheit ist in erster Linie der Hersteller verantwortlich. Behörden wie wir nehmen stichprobenartig Produkte ins Visier und überprüfen, ob die Grenzwerte eingehalten worden sind. Wenn das nicht der Fall ist, kann der Hersteller belangt werden und das Spielzeug muss vom Markt genommen werden. Wir können aber natürlich nicht alles kontrollieren.

ARTE: Ab Juli 2013 tritt die neue EU-Spielzeugricht-linie in Kraft, die höhere Grenzwerte festlegt als es bisher in Deutschland der Fall war. Wie kommt es zu diesen Differenzen?
ALEXANDER WEST: Die alte und die neue europäische Richtlinie beruhen auf unterschiedlichen Modellen. Während die bisherige Regelung davon ausging, dass alle Stoffe, die sich vom Spielzeug lösen, auch potenziell vom Körper resorbiert werden, legt die neue EU-Richtlinie eine andere Berechnung zugrunde: Nicht alle schädlichen Partikel werden demnach vom Körper aufgenommen. Dahinter verbirgt sich ein komplexeres Berechnungsmodell, was der Realität sicherlich näherkommt. Aber für mich gehören diese Giftstoffe generell nicht in Kinderspielzeug hinein. Die Hersteller konnten die geringen Höchstwerte bisher auch einhalten – warum also eine bessere Qualität gegen eine schlechtere tauschen?

ARTE: Reichen die neuen EU-Grenzwerte dann überhaupt zum Schutz der Kinder aus?
ALEXANDER WEST: Bei der neuen Richtlinie werden zwar bedeutend mehr Substanzen erfasst, vor allem Schwermetalle, doch sind viele Werte zu hoch angesetzt. Auf EU-Ebene wird schnell das Argument des liberalen Binnenmarktes ins Feld geführt: Allen, die auf niedrigen Grenzwerten bestehen, wird vorgehalten, nur den Binnenmarkt behindern zu wollen. Die EU verlangt von ihnen, zu beweisen, dass die konkreten Schwellenwerte tatsächlich zu hoch für den Gesundheitsschutz sind. Bei Blei hat Deutschland mit seiner Klage gegenüber der EU, die mit 160 Milligramm pro Kilogramm einen fast doppelt so hohen Grenzwert gegenüber dem bisherigen festgelegt hat, einen Etappensieg errungen. Es konnte nicht bewiesen werden, dass mit dem festgesetzten Höchstwert die täglich akzeptable Dosis für eine Bleiaufnahme eingehalten werden kann. Der aktuelle Grenzwert muss deshalb nun korrigiert werden.

ARTE: Wo sind Lücken im Kontrollsystem?
ALEXANDER WEST: Ein gutes Beispiel sind die krebserzeugenden PAKs, die als Weichmacheröle in Gummi eingesetzt werden. Mir ist total unverständlich, dass bei der Produktion von Autoreifen die PAK-Leitsubstanz Benzo(a)pyren zum Schutz der Reifenmonteure auf 0,1 Milligramm pro Kilogramm beschränkt ist, für Spielzeug hingegen nicht. Dort gilt nach wie vor der allgemeine EU-Grenzwert von 100 Milligramm pro Kilogramm – 1.000 Mal soviel wie im Autoreifen!

ARTE: Welchen Qualitätssiegeln kann man als Verbraucher trauen?
ALEXANDER WEST: Es gibt Siegel wie das CE-Zeichen, mit denen Hersteller lediglich selbst erklären, dass sie die Normen einhalten. Das sagt jedoch nichts über eine unabhängige Kontrolle aus. Und es gibt Siegel wie das GS-Zeichen („Geprüfte Sicherheit“), bei denen unabhängige Institute Produkte für den Hersteller untersuchen. Nur das GS-Zeichen garantiert die Einhaltung aller Grenzwerte.

ARTE: Worauf sollte man beim Kauf von Spielsachen außerdem achten?
ALEXANDER WEST: Nutzen Sie Ihre eigenen Sinne! Allergieauslösende Duftstoffe riechen stark – wie Limonene nach Zitrone – und sollen oft nur den Eigengeruch des Produktes übertünchen. Auch die PAKs haben diesen typischen Geruch von Teer. Von weichgemachten Kunststoffen sollte man sich generell verabschieden. Bauklötze aus Hart-PVC sind dagegen völlig unbedenklich. Letztlich muss man sich immer fragen, ob der Preis des Produktes angemessen ist: Kann es sein, dass für fünf Euro eine Kiste über den Ladentresen geschoben wird, die man kaum tragen kann?

 

INTERVIEW: KRISTIN BARTHOLMEß FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE INTERVIEW

 

ALEXANDER WEST

Der Lebensmittelchemiker promovierte in pharmazeutischer Chemie und forensischer Toxikologie. Seit 2004 ist er Leiter des Instituts für Lebensmittelchemie Koblenz im Landesuntersuchungsamt Rheinland-Pfalz und spezialisiert auf die Untersuchung von Lebensmitteln und Spielzeugen

 

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis!

Kategorien: Dezember 2012