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CIRQUE DU SOLEIL: JONGLIEREN MIT MILLIONEN

Cirque du Soleil/Camirand

Cirque du Soleil/Camirand

Gedämpftes Licht färbt die Bühne ein, während fliegende Körper in schillernden Fantasiekostümen eine Geschichte erzählen, die ganz ohne Worte auskommt. Die atemberaubende Akrobatik der Show „Amaluna“ verzaubert das Publikum mit beeindruckender Perfektion, begleitet von Klängen aus der ganzen Welt. Willkommen im Cirque du Soleil – dem wohl außergewöhnlichsten und zugleich erfolgreichsten Zirkus der Welt.

 

Vom Feuerschlucker zum Milliardär. Der kanadische Zirkus hat bislang mehr als 110 Millionen Zuschauer in 300 Städten auf der ganzen Welt in seinen Bann gezogen. Während viele traditionelle Zirkusunternehmen ums Überleben kämpfen, setzt der Cirque du Soleil rund eine Milliarde Dollar pro Jahr um. Doch worin liegt sein Erfolgsgeheimnis?

Die Geschichte des Cirque du Soleil selbst ist so unglaublich und schillernd wie sein Erfinder Guy Laliberté. Der Kanadier wurde buchstäblich vom armen Feuerschlucker zum Multimilliardär. In einem Vorort von Québec schloss er sich Anfang der 1980er Jahre einer bunten Truppe von Straßenartisten, Musikanten und Stelzenläufern an, die als „Les Echassiers de Baie-Saint-Paul“ – die Stelzenläufer von Baie-Saint-Paul – ihr Publikum begeisterten. 1984 organisierte der junge Laliberté zur 450-Jahrfeier der Entdeckung Kanadas Straßenauftritte, die sich über die gesamte Provinz Québec erstreckten. Das Jubiläumsjahr verstrich, die Tournee jedoch setzte sich fort: Der Cirque du Soleil war geboren.

Das Grundkonzept der Auftritte besteht bis heute: Nicht klassische Zirkustiere, sondern die Verschmelzung von Licht, Musik und Kostümen soll die Zuschauer in fremde Welten entführen. „Ich füttere lieber drei Artisten durch als einen Elefanten“, lautet das Credo von Laliberté. Der Kanadier hat Zirkus neu erfunden und vom angestaubten Sägemehl-image befreit. Im Mittelpunkt steht eine bis ins Detail durchdachte Komposition, in der jede Farbe, jeder Lichtstreif zum Gesamtkonzept gehört – und die meist gänzlich ohne Dialoge auskommt. Man spürt, dass hier erfahrene Drehbuchautoren und Regisseure am Werk sind, so wie Jamie King, der seit Langem als Kreativdirektor von Madonna tätig ist und bereits mit Prince und Michael Jackson zusammengearbeitet hat. Die Cirque-du-Soleil-Show „Michael Jackson – The Immortal World Tour“ unterstützt er als Regisseur.

Zum Teil bedient sich der Cirque du Soleil literarischer Vorlagen, so auch für die neue Show „Amaluna“, die von Shakespeares Drama „Der Sturm“ inspiriert ist. Die fantastische Adaption spielt auf einer Insel, auf der nur Göttinnen leben – zwei Drittel der Artisten sind deshalb Frauen. Pros-pera, die Königin der Insel, lässt durch Stürme Seeleute stranden. Ihre Tochter verliebt sich in einen der Schiffbrüchigen, jedoch nicht ohne Folgen …

 

Publikumsmagneten. Derzeit laufen weltweit 20 Shows. Langjährige Publikumsmagneten sind „Alegría“, eine barocke Ode an die Energie und Grazie der Jugend, „Corteo“, ein buntes Gemisch aus poetischen Figuren und graziler Akrobatik, oder die avantgardistische chinesische Zirkuskunst „Dralion“. Die Hommage „Michael Jackson – The Immortal World Tour“ war die erfolgreichste Produktion im ersten Halbjahr 2012. Die Show über den King of Pop gastierte bislang in 46 Städten. Zuvor hat der Zirkus den Beatles und Elvis mit festen Shows in Las Vegas ein Denkmal gesetzt. Weitere permanente Spektakel sind zurzeit in Hollywood („Iris“) und Orlando („La Nouba“) zu sehen.

 

Globales Entertainment-Unternehmen. Um die talentiertesten Künstler aufzuspüren, sucht der Zirkus die besten Artisten weltweit. Auf Weltmeisterschaften von Trampolinspringern, Kunstturnern oder Synchronschwimmern spüren Talentscouts neue Stars auf. 2011 bewarben sich knapp 10.000 Talente, derzeit werden Clowns in Indien gecastet, Artisten in Brasilien. Im Februar 2013 können sich Künstler in Berlin vorstellen. Bevor Neulinge festes Mitglied der Truppe werden, müssen sie jedoch ein Training am Hauptsitz in Montreal durchlaufen.

 

Rund 150 Millionen Dollar investiert der Cirque du Soleil jedes Jahr in drei neue Spektakel.

Der Cirque du Soleil versteht sich nicht als Schule für Artisten, vielmehr ist er kreative Ideenschmiede – und gleichzeitig ein globales Entertainment-Unternehmen mit mehr als 5.000 Mitarbeitern, darunter 1.300 Artisten aus 50 Ländern. Allein in der Zentrale in Montreal arbeiten um die 2.000 Zirkusleute. Artisten, Handwerker und Regisseure tüfteln rund zweieinhalb Jahre lang an einer neuen Show, dabei kooperiert der Zirkus mit renommierten Universitäten: Für „Amaluna“ etwa wurden mit Ingenieuren spezielle Barrenholme als Dreieck konstruiert. Rund 150 Millionen Dollar investiert der Zirkus jedes Jahr in drei neue Spektakel.
„Als Geschäftsmann bin ich besser als als Artist“, hat Laliberté früh erkannt. Ihm gehört der Zirkus zu 80 Prozent, 20 Prozent hat er einem Investmentfonds in Dubai verkauft. Übernahmeangebote aber lehnt der Freigeist bisher ab. 20 Prozent der Einnahmen erzielt der Zirkus mit Merchandising sowie Lizenzen für Hotels und Bars im Stil des Cirque du Soleil. 80 Prozent der Einkünfte stammen vom Verkauf der Tickets – und die sind teuer. Der Zirkus hatte von Anfang an lukrative Zielgruppen im Visier: gut zahlende Erwachsene und Firmen.

Lukrativ sind auch die Nebengeschäfte, die der Cirque du So-leil durch Kooperationen mit anderen Unternehmen erzielt: Mit dem schrillen spanischen Modelabel Desigual entwirft der Zirkus Kollektionen, und mit der Sportartikelfirma Reebok wurde das Workout „Jukari“ für Frauen entwickelt – inklusive eigens dafür gebauter Sportgeräte. Mit dem Browser Google Chrome ist gerade die interaktive App „Movi.Kanti.Revo“ entstanden, die zum Singen und Tanzen anregt: Internetnutzer können sich hier durch Gesten vor ihrer Webcam in geheimnisvollen Welten bewegen.

Doch auch dem geschäftstüchtigen Zirkuschef gelingen nicht alle Projekte: Die Show „Banana Shpeel“ floppte 2010 am Broadway. Und im Spielerparadies Macao in China musste die feste Show „Zaia“ im Februar dieses Jahres ihre Zelte abbrechen – die Touristen gingen lieber ins Casino.

 

Neue Dimensionen. Solche Flops können aber weder Laliberté noch dem Zirkus etwas anhaben: Laut „Forbes“ verfügt der 53-Jährige aktuell über ein Privatvermögen von 2,6 Milliarden Dollar. 2009 konnte er sich für rund 35 Millionen Dollar einen Flug zur Internationalen Raumstation ISS leisten. Dort überraschte er die Crew – mit Clownsnasen. Vom Weltraum aus warb der Milliardär auch für seine One-Drop-Foundation, die sich für sauberes Trinkwasser einsetzt. Ein Prozent der Einnahmen fließt in diese Stiftung und andere soziale Projekte. Zudem baut der Zirkus in eigenen Bio-Gärten Obst und Gemüse an, das in der Kantine serviert wird.

Die Kreativität des Cirque du Soleil indes scheint unerschöpflich: Kein Geringerer als James Cameron („Avatar“) produzierte den 3D-Film „Traumwelten“, der im Februar 2013 in die deutschen Kinos kommt und in ein faszinierendes Reich der Fantasie entführt. Willkommen – in der nächsten Dimension des Cirque du Soleil.

 

KATRIN TERPITZ FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

ARTE PLUS

 

CIRQUE DU SOLEIL IN DEUTSCHLAND

Von den insgesamt 20 Bühnenshows des Cirque du Soleil sind zurzeit drei in ganz Deutschland auf Tour:

 

Corteo

Eine Parade, die in der Fantasiewelt eines Clowns stattfindet

 

Michael Jackson – The Immortal World Tour

Mit visuellen Effekten, Tanz und Musik wird das Lebenswerk des King of Pop gefeiert

 

Quidam

Ein Mädchen flieht in eine Fantasiewelt

 

Mehr Informationen unter www.cirquedusoleil.com

 

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Kategorien: Dezember 2012