3,2,1 … APOKALYPSE

Programm 33

Programm 33

Geht die Welt am 21. Dezember unter? Nun, die reine Empirie spricht dagegen. Immerhin ist in den letzten paar Tausend Jahren unserer Kultur schon 10.000 Mal der Untergang verkündet worden, und bislang hat sich keine der Vorhersagen erfüllt.

Warum sollten nun ausgerechnet die Mayas richtig liegen? Im Christentum wartet man schon seit jeher auf das Weltende. So verkündete zum Beispiel Papst Silvester II. für den 31. Dezember 999 den Weltuntergang. Stimmige Sache an sich. Papst Silvester verkündet an Silvester, dass das nun das letzte Silvester gewesen sein würde. Der 1. Januar würde ausfallen – mangels Welt. Da konnte sich die gebeutelte Sünderseele dann schuldgefühlfrei bei der Silvesterparty einen auf die Lampe gießen, immerhin musste man keine Angst vor einem Kater haben. Als dann aber am nächsten Morgen doch wieder alle nur mit apokalyptischen Kopfschmerzen aufwachten, meinte der Papst klug, die Welt sei noch einmal durch seine Gebete gerettet worden. Da verstand aber einer etwas davon, seinen Arbeitsplatz zu legitimieren. Dennoch hatte die Vorhersage damals angeblich eine europaweite Hysterie ausgelöst. Sind wir da heute nicht weiter?

 

 

Die Verlockung vom Ende der Welt. Eigentlich passt der Weltuntergang schon als Sprachbild nicht mehr so recht in unsere Zeiten. Eine Welt, die untergeht, vermittelt doch allzu sehr das Bild der Erde als flache Scheibe, die im Urmeer versinkt. Ein Rekurs auf Jahwe, den übellaunigen Gott der alttestamentarischen Juden, der seine Schöpfung für misslungen hält und sie deswegen wieder im Urozean ersäufen will. Spätestens seit der Mondlandung im Jahr 1969 sollte aber jedem klar sein: Aus dem Untergang der Welt wird nichts.

Aber die Vorstellung ist nun mal zu verlockend. Immerhin ist der Weltuntergang für die Gläubigen ja keine Schreckensvorstellung, im Gegenteil: Die missratene Welt wird abgeschafft, die Bösen werden bestraft, die Gerechten aber bekommen einen schönen Aussichtsplatz in der göttlichen First-Class-Lounge und sehen mit Behagen zu, wie Ungläubige wahlweise von Heuschrecken, apokalyptischen Reitern oder sonst einer Scheußlichkeit zu Tode gequält werden. Und auch die leicht säkularisierte Variante hat ihre Rettungsszenarien. Wer nicht am 21. Dezember (von was genau auch immer) zermalmt werden will, der geht ins südfranzösische Bugarach und lässt sich dort von freundlichen Außerirdischen abholen. Warum ausgerechnet Bugarach? Das kann keiner genau sagen. Schon seit langem wird der Ort verdächtigt, etwas seltsam zu sein. UFO-Sichtungen sind dort an der Tagesordnung und in den nahen Höhlen werden Außerirdische oder auch schon mal der Heilige Gral vermutet.

 

Die Hoffnung auf Gerechtigkeit. Insgesamt kann man wohl sagen: Die Vorstellungen über Weltuntergänge sind absurd. Warum halten sie sich dennoch so hartnäckig? Hier lohnt sich ein kurzer Blick auf die Zeit, die die prominenten Endzeitfantasien in der jüdischen und frühchristlichen Periode hervorgebracht hat: Seit etwa dem dritten Jahrhundert vor Christus wird die jüdische Welt von Nachfolgern Alexanders regiert und dominiert. Im Osten unterdrücken die Seleukiden, im Westen von Ägypten aus die Ptolemäer. Die Bevölkerung im Heiligen Land verarmt immer mehr. Kein Wunder, dass in den religiösen Schriften der Reichtum verdammt und als Hindernis auf dem Weg zum Heil empfunden wird. Unter der Herrschaft Roms verschlimmert sich die Situation. Im Römischen Weltreich regiert eine reiche Oberschicht von etwa einem Prozent der Bevölkerung. 99 Prozent sind arm und machtlos. Wer da dem geknechteten Prekariat mitteilt, dass erstens Reichtum schlecht ist, und zweitens die Bonzen demnächst grausam bestraft werden, alldieweil den Armen beim göttlichen Weltgericht Gerechtigkeit widerfährt, der hat gute Chancen, Gehör zu finden. Ein Zustand, der geändert werden muss. Nur ändert er sich nicht. Also hofft man auf göttliche Intervention (oder eben auf außerirdische). Man hofft, dass die, die die unverdienten Nutznießer einer ungerechten Verteilung von Produktionsmitteln sind, ordentlich eins auf die Mütze bekommen.

Die Apokalypse, sprich die Offenbarung, die aus diesen knappen Überlegungen folgt, lautet: Wenn wir es schaffen, die Welt deutlich gerechter und lebenswerter zu machen, werden Endzeitprediger wohl arbeitslos. Aber wie es im Moment aussieht, scheint ihr Job relativ krisensicher. Und wenn der 21. Dezember vorbei ist, dann erwarten wir schon jetzt demütig den nächsten sicheren Termin für das Weltende. Irgendwann klappt es schon. Geben wir den Glauben nicht auf.

 

CHRISTOPH SÜß FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE-GASTAUTOR: CHRISTOPH SÜß IST PHILOSOPH, KABARETTIST UND MODERATOR DES POLITISCHEN WOCHENMAGAZINS „QUER“ IM BAYERISCHEN FERNSEHEN

 

ARTE PLUS

 

BUCH-TIPPS

Christian Schüle: „Das Ende der Welt – Von Ängsten und Hoffnungen in unsicheren Zeiten“ (Pattloch Verlag 2012); Christoph Süß: „Morgen letzter Tag! Ich und Du und der Weltuntergang“ (Albrecht Knaus Verlag 2012); Franz M. Wuketits: „Die Boten der Nemesis: Katastrophen und die Lust auf Weltuntergänge“ (Gütersloher Verlagshaus 2012)

 

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Kategorien: Dezember 2012