WEGE AUS DER ARMUT

Plus Pictures/Mona Eldaief

Plus Pictures/Mona Eldaief

Ausgedehnte Stein- und Lavaebenen, hier und da ein paar Gräser – die Badia-Region an der jordanisch-irakischen Grenze ist eines der kargsten Wüs-tengebiete der Welt. Es gibt weder Landwirtschaft noch Tourismus, die Menschen arbeiten für öffentliche Arbeitgeber oder betreiben mehr oder weniger legalen Grenzhandel. Andere Möglichkeiten gibt es nicht; eine feste Stelle hat kaum jemand. Hier, in dem jordanischen Dorf Mansieh el Kheiath, ist die 33-jährige Rafea geboren und aufgewachsen, hier hat sie geheiratet. Seit ihr Mann sie verlassen hat, kümmert sie sich allein und ohne Einkommen um ihre vier Töchter. Frauen dürfen nicht außerhalb des Hauses arbeiten, und auch Geschiedene müssen sich an die strengen Regeln der ländlichen islamischen Gesellschaft halten. Dennoch konnte Rafea eine Ausbildung machen: Sie nahm an einem Programm des Barefoot College in Indien teil, wo die Ärmsten der Armen ausgebildet werden: Mütter und Großmütter aus Indien, Afghanistan, Nepal, Afrika, die weder lesen noch schreiben können; in Indien lernen sie, Solarzellen zusammenzusetzen. Allein im Jahr 2010 versorgten über hundert „Solar Mamas“ 7.000 abgeschiedene afrikanische Dörfer mit Sonnenenergie, was die Lebensqualität für Zehntausende von Menschen verbesserte.
Rafea absolvierte die sechsmonatige Ausbildung gemeinsam mit drei anderen Dorfbewohnerinnen. Nach ihrer Rückkehr Anfang 2012 brachte sie Solarzellen auf den Lehmhütten des Dorfes an – eine Revolution. Doch wie geht es ihr einige Monate später? Wie alle Frauen im Dorf ist sie verschleiert und schwarz gekleidet. Auf dem Boden ihres Wohnzimmers sitzend, dreht sie sich eine Zigarette und berichtet über ihre Erfahrung.

 

RAFEA: „Mein Mann hatte mich und meine Töchter verlassen. Und er hat alles getan, um mich an der Teilnahme zu hindern. Es gehört sich nicht, dass eine Frau ohne Mann verreist, schon gar nicht ins Ausland. Aber meine Familie hat mich ermutigt zu gehen. Als ich in Indien ankam, konnte ich es kaum glauben, es war wie ein Traum. Bei meiner Rückkehr hatte ich etwas Angst. Gerüchte verbreiten sich hier schnell, besonders wenn es um Frauen geht. Und die Leute konnten sich nicht vorstellen, dass ich jetzt in der Lage sein sollte, Leitungen, Batterien, Drähte und Solarzellen zu installieren. Die Männer waren noch skeptischer als die Frauen. Die verheirateten Frauen waren neidisch auf mich, weil ich gereist war, etwas gelernt hatte. Ich sage ihnen, dass ich es ja auch geschafft habe. Jetzt wollen sie alle, dass ich ihnen zeige, wie man das macht.

Ich kann weder lesen noch schreiben. Von Solar-energie hatte ich schon aus dem Fernsehen erfahren, ohne zu verstehen, wie das funktionieren sollte. Am Anfang der Ausbildung habe ich nichts verstanden. Die Lehrer sprachen Englisch oder Hindi, ich nur Arabisch, und es gab keine Übersetzung. Immer und immer wieder wurde erklärt, wie die einzelnen Teile heißen, wie man die Zellen und Leitungen montiert, ein Mal, zehn Mal, 50 Mal, und nach und nach habe ich es verstanden. Ich habe mich angestrengt und mir gesagt: ‚Sei stark, du machst das für deine Töchter!‘ Und allmählich bin ich selbstsicherer geworden.

Im Dorf haben wir Solarzellen auf 75 Wohngebäuden installiert. Damit kann man in den Häusern ein, zwei Lampen betreiben, ein Handy aufladen, mehr aber auch nicht. Wir brauchen größere Zellen, um einen Kühlschrank oder einen Ventilator zum Laufen zu bringen, im Sommer steigt die Temperatur immerhin bis auf 50 Grad. Und auch andere Dörfer möchten teilnehmen. Beduinen aus Mafraq und Safawi haben sich unsere Installationen angesehen. Die Nachfrage ist da, aber es fehlt an Material. Die jordanische Regierung kann es sich offenbar nicht leisten, Solarzellen zu kaufen.

Für jedes Haus, auf dem wir Solarzellen angebracht haben, bekam ich fünf Euro, danach nichts mehr. Im Barefoot College haben wir nicht gelernt, wie man Solarzellen herstellt, nur wie man die Einzelteile zusammensetzt. Seit unserer Rückkehr hat sich nichts mehr getan, ich bin von den Almosen der Leute abhängig, genauso wie vor der Ausbildung. Ich träume davon, ein Reparaturgeschäft zu eröffnen und habe angefangen, für die Dorfleute Bügeleisen, Handys und Kühlschränke zu reparieren. Aber es fehlt mir an Geld. Also warte ich.“

 

Nicht nur Rafea ist enttäuscht; alle Teilnehmerinnen hatten gehofft, das jordanische Umweltministerium würde ihnen eine bezahlte Stelle anbieten und von der Ausweitung des Programms auf die Nachbardörfer geträumt. Die jordanische NGO „Friends of the Environment Society“ entwickelt derzeit ein Projekt, bei dem geschulte Dorfbewohner andere anlernen sollen. Doch die entscheidende Frage, wer das Material bezahlt, bleibt offen. Rafea mag ihren Töchtern erklären, dass Bildung Türen öffnet – die Älteste hat dennoch die Schule abgebrochen. Sie ist 14 und sagt, dass sie lieber heiraten möchte.

ARTE-GASTAUTORIN: ANGELIQUE FERAT IST NAHOST-KORRESPONDENTIN FÜR RADIO FRANCE UND RADIO FRANCE INTERNATIONAL. SIE LEBT IN AMMAN.

 

ARTE PLUS

 

DAS BAREFOOT COLLEGE

Rafea in Indien mit „Solar Mamas“ aus Afrika: 6.525 Frauen bildete das Barefoot College in der Wüste Rajasthans bisher aus – zum Beispiel zur Lehrerin, Weberin oder „Solar Mama“, Solartechnikerin. 1972 gründete der Inder Bunker Roy die NGO. Männer und Frauen aus abgelegenen Dörfern in den ärmsten Ländern der Welt bekommen hier eine Ausbildung. Das Ziel: Autonomie, ein Einkommen, ein besseres Leben – auch für Verwandte und Nachbarn, denn die College-Absolventen bringen Bildung, Strom, Wasser und medizinische Versorgung in ihre Dörfer. Bunker Roy erhielt zahlreiche Preise für sein Engagement

 

 

 

„WHY POVERTY?“ BEI ARTE

In Radio und Fernsehen, auf der Internetplattform www.whypoverty.net und bei Live-Events regt „Why Poverty?“ vom 25. bis 30. November eine weltweite Debatte über Armut im 21. Jahrhundert an. ARTE sendet acht Filme.

 

Das Projekt
Nach dem weltweiten Erfolg von „Why Democracy?“ (2007) folgt nun „Why Poverty?“. Initiatoren des Projekts sind die NGO „Steps International“ und öffentlich-rechtliche Sender von Großbritannien bis Japan.

 

Geld für die Welt – Bob Geldof und Bono
Die irischen Musiker Bob Geldof und Bono, zwei der bekanntesten Aktivisten für die Bekämpfung von Armut weltweit, sprechen über ihre jahrelange Lobbyarbeit. Dokumentarfilm von Bosse Lindquist.
> Dienstag • 27.11. • 20.15

 

Armutszeugnis – Die Geschichte des Elends in der Welt
Moderne Armut hat vor allem mit Ungleichheit zu tun. In der Jungsteinzeit beginnend, führt dieser amüsante wie düstere Film durch die Ge-schichte der menschlichen Armut. Dokumentar-film von Ben Lewis.
> Dienstag • 27.11. • 21.10

 

Gemachte Armut
Die Armut ist ins reiche Westeuropa zurückgekehrt – vor allem zu den Alten, den Kindern und Jugendlichen aus den sozial benachteiligten Schichten. Warum trägt das Modell der sozialen Gerechtigkeit nicht mehr? Dokumentarfilm von Lourdes Picareta.
> Dienstag • 27.11. • 22.10

 

Afrika – der ausgeraubte Kontinent.
Wie viel Profit ist noch gerecht?
Wie der reiche Norden den armen Süden massiv ausbeutet, zeigt das Beispiel des Schweizer Roh-stoffgiganten Glencore, der in Sambia Kupfer-minen betreibt. Dokumentarfilm von Christoffer Guldbrandsen.

> Mittwoch • 28.11. • 22.20

 

Chinas Bildungsdschungel
Bildung war in China schon immer der beste Weg aus der Armut – und auch der Wirtschaftsboom nährt diese Hoffnung. Doch jetzt entlässt das Hochschulsystem eine ganze Generation junger Chinesen in die Arbeitslosigkeit. Dokumentarfilm von Weijun Chen.
> Mittwoch • 28.11. • 23.15

 

Willkommen in der Welt
Jährlich werden weltweit rund 130 Millionen Säuglinge geboren – an welchem Ort, in welchem Land und bei welcher Familie ein Mensch zur Welt kommt, ist für seine Überlebenschancen und seinen Lebensweg entscheidend. Dokumentarfilm von Brian Hill.
> Mittwoch • 28.11. • 00.15

 

740 Park Avenue – Geld, Macht und der Amerikanische Traum
Seit 30 Jahren wächst die soziale Ungleichheit in den USA stetig. In New York City leben die Armen aus der South Bronx unweit der Superreichen aus der Park Avenue in Manhattan. Dokumentarfilm von Alex Gibney.
> Donnerstag • 29.11. • 23.15

 

Solar Mamas – Bekämpfen Frauen die Armut besser?
Das Barefoot College in Indien bildet Frauen, die nicht lesen und schreiben können, in Solartechnik aus: Sie sollen die Stromversorgung ihrer Dörfer sichern. Dokumentarfilm von Mona Eldaief und Jehane Noujaim.
> Donnerstag • 29.11. • 00.10

 

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Kategorien: November 2012