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NICHT OHNE MEINE GASRECHNUNG

Drushba Pankow

Drushba Pankow

Elegante Frauen, eine feine Küche, die schönste Hauptstadt der Welt – Frankreich wird gern gesehen als das Land, wo das Savoir-vivre blüht. Wenig bekannt dagegen ist, dass, wer den französischen Alltag erfolgreich bestreiten will, etwas sehr Prosaisches braucht: eine Gasrechnung. Gut, es darf auch eine Stromrechnung sein. Oder eine Telefonrechnung, inzwischen gilt sogar die vom Handyanschluss. Sie sollte bloß auf keinen Fall älter sein als drei Monate und in der Adresszeile den Namen der betreffenden Person enthalten.

Die Gasrechnung, oder eine der anderen erwähnten, nennen wir sie der Einfachheit halber Gasrechnung, ist mehr als eine Rechnung. Sie ist lebensnotwendig – ein Sesam-öffne-dich. Sie wollen eine Zulassung fürs Auto beantragen? Nicht ohne Ihre Gasrechnung. Sie möchten ein Bankkonto eröffnen? Nicht ohne Ihre Gasrechnung. Sie brauchen einen Führerschein, einen Bibliotheksausweis, eine Krankenversicherungskarte, wollen gar heiraten? Pas de problème, Madame, Monsieur! Nur zeigen Sie sie, Ihre … Gasrechnung! Wie ein Mantra kehrt er wieder im französischen Alltag, der Satz „Und dann brauchen wir noch eine Gasrechnung“, und das aus einem Grund: Die Rechnungsadresse ist der Nachweis für den Wohnort. Franzosen kennen, wie auch Briten oder US-Amerikaner, keine Meldepflicht.

Das ist, von Deutschland aus betrachtet, verblüffend, verstörend. Ändern Deutsche den Wohnort, hechten sie zum Amt, noch ehe der Tapetenkleister an den Händen trocken ist. Denn wehe: Wer nicht binnen sieben bis 14 Tagen seinen Adresswechsel angezeigt hat, begeht eine Ordnungswidrigkeit, die mit einer Strafe von 500 Euro geahndet werden kann. In Frankreich hingegen zählt die Wohnadresse zu den persönlichen Daten eines Menschen, die nicht einsehbar sein dürfen.

Bravo, ruft der Deutsche spontan, die Diskussion um den Weiterverkauf von Daten aus dem Melderegister im Blick. Und fragt sich doch in seinem wohlsortierten Kopf: Wie findet der französische Staat seine Bürger, im Notfall? Warum gilt nicht der Mietvertrag? Und wo bleibt der Datenschutz, wenn private Rechnungen herumgereicht werden? Kurz: Wo ist die Logik?

Deutsche Logik ist großartig, aber nicht auf alles anwendbar, schon gar nicht auf Frankreich. Deutsche Logik im französischen Alltag macht unglücklich – und umgekehrt. Deutsche in Frankreich nervt das ständige Gefummel mit der Rechnung, Franzosen in Meldeämtern fühlen sich ausgehorcht und überwacht. Merkwürdiges Volk, denkt der eine über den anderen. Und immerhin das haben sie dann gemeinsam.

 

KATJA ERNST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ILLUSTRATION: DRUSHBA PANKOW

 

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Kategorien: November 2012