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LUXUS DER LANGSAMKEIT

Klaus Scheurich

Klaus Scheurich

Stattlich thront der knallbunte Heißluftballon über der Savanne, bereit zum Abheben. Der Wind rüttelt an seiner Hülle, möchte ihn mitzerren. Es macht „klick“, Allie löst das Seil: Sanft, aber entschieden gleitet der Koloss in den Morgenhimmel Kenias. Keine zehn Sekunden später verwandelt sich das weite Land in ein kleinteiliges Puzzle. Vorbei an sat-tem Grasland, über die Köpfe verdutzter Zebraherden hinweg, geht es hinauf in schwindelerregende Höhen. Die Luft wird dünner – doch was einem den Atem raubt, ist der Blick auf die Erde, die plötzlich auf Miniaturformat zusammenschrumpft.

 

Für die neue fünfteilige ARTE-Dokureihe „Höhenflüge“ entdecken Allie und Phil Dunnington, ein deutsch-englisches Ballonfahrerpaar, in 180 Tagen fünf Länder auf vier Kontinenten. Begleitet werden sie auf ihrer Reise über die Schweizer Alpen, die Mongolei, Kenia, Sri Lanka und Venezuela von einem sechsköpfigen Team um die Naturfilmer Annette und Klaus Scheurich samt einem halben Dutzend Kameras, die aus allen erdenklichen Perspektiven die Eindrücke der Expedition festhalten. Allie und Phil sind seit über 40 Jahren professionelle Ballonfahrer. Sie gehören zu den Besten ihrer Zunft. Und doch sind sie jedes Mal aufs Neue fiebrig-gespannt, im Heißluftballon dem Himmel ein Stückchen näher zu kommen.

 

Seit Menschengedenken beflügelt der Traum vom Fliegen den erdgebundenen Zweibeiner – Allie und Phil leben ihn. Es ist eine ausgefallene Beschäftigung, der sich die beiden verschrieben haben – und die ohne entsprechendes Kleingeld kaum bezahlbar ist. Ein Ballon kostet etwa so viel wie eine Luxuslimousine. Dementsprechend exklusiv scheint der Klub der „happy few“, die sich alljährlich bei Heißluftballonfestivals in der Schweiz oder in Sri Lanka versammeln. Auf ihrer Reise um den Erdball treffen Allie und Phil auf ihresgleichen, im Schnitt alles gut situierte Mittsechziger aus aller Herren Länder. „Abgehoben“ seien sie dennoch nicht, sagt Klaus Scheurich. Zwar bleiben sie am liebsten unter sich, doch auch weniger Begüterte werden aufgenommen: So wird auf der Mongolei-Etappe einer der einheimischen Reisebegleiter nach überstandener Jungfernfahrt symbolisch zum Ritter der Lüfte geschlagen, wie es die Ballonfahrertradition verlangt. Ganz geheuer ist ihm das nicht, doch er lässt es über sich ergehen, froh, wieder festen Boden unter den Füßen zu haben.

 

Auf den Spuren Jules Vernes. So exklusiv die Heißluft-Hautevolee auch sein mag, im Ballonkorb sind alle gleich: Jeder bekommt hier einen Fensterplatz – wenn auch einen luftigen. In der Regel bewegen sich die Ballons in 150 bis 3.000 Metern Höhe, lenken ist nicht möglich, angetrieben werden sie vom Wind. Einzig er bestimmt die Richtung. Diese Prise Ungewissheit ist es, die Ballonfahren zum Abenteuer und unvergleichlichen Naturerlebnis macht. Es sei eine andere Art zu reisen, sagt Produzentin Scheurich: „Alles erinnert an Jules Verne, so ursprünglich und ruhig.“ Ursprünglichkeit – eine Vokabel, die häufig fällt im Gespräch mit ihr. Tatsächlich scheint Heißluftballonfahren ein wenig vorgestrig, ein Fossil unter den Fortbewegungsmitteln in einer Zeit, in der das Reisen längst dem Diktat des „höher, schneller, weiter“ gehorcht, in der Schnelligkeit oberstes Gebot ist und jeder mühelos und jederzeit von A nach B gelangen kann.

Das Fahren mit dem Ballon ist eine völlig andere Sichtweise auf die Welt. Ganz sanft alles.

 

Die Unaufgeregtheit des Ballonfahrertums ist gleichzeitig die Stärke der Dokureihe: kein Spektakelgeheische, sondern zeitloses Schweben, mit stattlicher Größe zwar, doch leichter als die Luft. Entschleunigung als Möglichkeit, die Welt anders wahrzunehmen – so sieht es auch der Regisseur Werner Herzog, der auf der fünften Etappe in Venezuela zum Team stößt. Bereits 2004 hatte er hier mit dem Produzentenpaar Scheurich die Naturdokumentation „The White Diamond“ gedreht. Herzog war so angetan von der märchenhaften Kulisse des Tepui-Gebirges, dass er wiederkommen wollte, und bekennt nach seinem neuerlichen Höhenrausch: „Das Fahren mit dem Ballon ist eine völlig andere Sichtweise auf die Welt. Ganz sanft alles“, und er schließt – ungewollt? – mit einem lebens-philosophischen Ausblick: „Wir wissen nie, wo wir hingehen werden.“ Einzig ein ohrenbetäubendes Zischen des Brenners durchbricht die Stille.

Dass eleganten Höhenflügen bisweilen halsbrecherische Abstürze folgen, muss das Team in Kenia am eigenen Leib erfahren: Plötzlich fällt der Brenner aus, der Ballon droht abzudriften. Geistesgegenwärtig zieht Allie die Reißleine und lässt Luft aus dem gigantischen Bauch des Ballons. Nach rasantem Sinkflug folgt die harte Bruchlandung. Ein dumpfer Schlag, das Bild wackelt, Metall klappert und der Korb quietscht. Durchgeschüttelt krabbeln alle Insassen nach und nach aus dem Korb, etwas wackelig noch, aber sonst unversehrt.

Materialschlacht. Entgegen ihrem Ruf haben Ballontouren nur wenig mit gemütlichen Kaffeefahrten gemein. Je nach Windstärke fliegt man zwischen 20 und 100 Stundenkilometer schnell – das Risiko ist ständiger Begleiter. „In der Mongolei sind wir auf einem Baum gelandet, in Kenia direkt in einen hineingerauscht“, sagt Klaus Scheurich und erzählt, wie dem Team im Lauf der Reise drei Kameras abhandenkamen: Eine blieb im Baum hängen, eine weitere fiel dem Gasbrenner zum Opfer, die dritte wiederum wollte fliegen lernen und fiel tief. Was die bestechenden Aufnahmen dabei nur erahnen lassen: den immensen organisatorischen Aufwand und die Materialschlacht hinter der Kulisse. Denn Fliegen setzt ein gehöriges Maß an Bodenhaftung voraus. Für eine Ballonfahrt, die gewöhnlich nicht länger als eine Stunde dauert, müssen jedes Mal 400 Kilogramm verfrachtet, Material und Windverhältnisse geprüft werden. Genauso trivial, aber nicht minder entscheidend: Gibt es genügend Gasbehälter in dem jeweiligen Land? Spielen die Behörden mit? Ist man dann endlich in der Luft, geht schon die Suche nach einem geeigneten Landeplatz los.

Während Ballons federleicht dahingleiten, geht es für ihre Bodencrews über holprige Pisten – wenn überhaupt, denn meistens müssen sie sich mit Geländewagen durch Schlamm und Flüsse kämpfen, um den Ballons folgen zu können. Oft ist nicht zu vermeiden, dass Blick- und Funkkontakt abbrechen, wenn die Riesen hinter der Kuppe eines Berges abtauchen oder vom Wind abgetrieben werden. Dann ist Pfadfindersinn gefragt – und Ortskenntnis. Deshalb ist man mit lokalen Reisebegleitern unterwegs, die sich im unwegsamen Gebiet auskennen. Und doch bleibt es ein Abenteuer, das Improvisation und starke Nerven verlangt. Mal verschwindet in der mongolischen Steppe der Gastransporter, mal wird der anvisierte Landeplatz verfehlt. Eines jedenfalls steht fest: So meisterhaft sie ihr Metier auch beherrschen, so sehr bleiben Ballonfahrer von den Kräften der Natur abhängig. Denn wo es am Ende hingeht, weiß letztlich nur der Wind.

 

JULIAN WINDISCH FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

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ZUM WEITERLESEN

Volker Löschhorn: „Ballonfahren“ (Motorbuch Verlag 2012); Rolf Deilbach, Dieter Stump: „Ballonfahrer Romantik: Auf den Spuren des Windes“ (Komet Verlag 2009); Salomon August Andrée: „Dem Pol entgegen: Mit dem Ballon ins ewige Eis“ (Buchverlag König 2009); Bertrand Piccard, Brian Jones: „Mit dem Wind um die Welt: Die erste Erdumkreisung im Ballon“ (Piper 2001); Jules Verne: „Fünf Wochen im Ballon“ (Diogenes 2000) – (Auswahl)

 

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Kategorien: November 2012