DANIEL BARENBOIM: MUSIK MIT VISION

Monika Rittershaus

Monika Rittershaus

Mit etlichen Weltklasseorchestern hat er bereits zusammengearbeitet. Auch der Staatsoper Unter den Linden in Berlin bleibt Daniel Barenboim noch eine Weile erhalten: Sein Vertrag als Generalmusikdirektor läuft bis 2022. Am 15.11. feiert die Staatskapelle Berlin seinen 70. mit einem großen Benefizkonzert – ARTE ist live dabei. Im Interview spricht er über sein musikalisches Selbstverständnis und sein Engagement für den Frieden in Nahost.

 

ARTE: Es heißt, je älter man wird, desto mehr hat man die Freiheit, zu tun und zu lassen, was man will. Trifft das auf Sie zu?
DANIEL BARENBOIM: Wenn ich etwas erreicht habe im Leben, dann tatsächlich, dass ich jetzt nur das mache, was ich für wichtig halte und was mir Spaß macht. Mit 15 sagte mir mein Vater: „Du weißt, du bist begabt. Wenn du ernsthaft arbeitest, wirst du vielleicht berühmt werden und Geld verdienen. Vergiss aber eines nicht: Noch wichtiger als Geld und Ruhm ist die Unabhängigkeit.“ Das habe ich in der Tat nie vergessen.

 

 

ARTE: Berühmt geworden sind Sie, allerdings nicht nur als Dirigent und Musiker, sondern auch als Vorkämpfer für die Menschenrechte. 2011 schlug man Sie für den Friedensnobelpreis vor.
DANIEL BARENBOIM: Ruhm ermöglicht einem eben, Dinge zu tun, die man sonst nicht machen könnte. Berühmt zu sein heißt für mich nicht, jeden Tag sagen zu können: „Wie bedeutend bin ich doch“. Ich wollte auch nie so enden wie die Menschen, die nur an ihre Karriere denken und dann zu Sklaven ihrer Position werden.

ARTE: „Ein Phänomen“ nannte Sie der Komponist und Dirigent Wilhelm Furtwängler als Kind …
DANIEL BARENBOIM: … vielleicht war ich ein Wunderkind, aber jetzt ist das Wunder weg und das
Kind geblieben!

ARTE: Da haben Sie aber Glück gehabt!
DANIEL BARENBOIM: (lacht) Musiker sein bedeutet Entwicklung. Und trotzdem wünsche ich mir, beim Musizieren wie ein Kind reagieren zu können. Wenn ich eine Partitur zum ersten Mal sehe, dann reagiere ich instinktiv. Dann fange ich an, sie zu studieren, zu analysieren, suche Zusammenhänge, Steigerungen – ein langer und wichtiger Prozess. Danach aber muss ich eine spontane Reaktion auf das Stück wiederfinden.

ARTE: Wird also im Laufe der Jahre der Zugang zur Musik immer schwieriger?
DANIEL BARENBOIM: Ja und nein. Eine definitive Antwort gibt es nicht. Es bleibt ein Gefühl des Unvollendetseins. Ich sage jungen Musikern immer: „Lernt Fragen zu stellen, mit und in der Musik zu denken.“ Wenn man diese Dimension nicht mitbringt, hilft keine Begabung, kein Glück und auch nicht das Wissen selbst.

ARTE: Sind Fragen wichtiger als Antworten?
DANIEL BARENBOIM: Natürlich! Weil keine Antwort auch oft eine Antwort ist. Keine Frage aber bleibt keine Frage. Jede musikalische Frage hat viele Antworten und doch keine, die man allein gelten lassen kann. Diese Ambiguität ist eines der vielen Geheimnisse der Musik. Auch wenn im richtigen Leben Ambiguität oft bedeutet, nicht zu wissen, was man will, ist es in der Musik eben so: Jeder Akkord schafft eine Spannung und ermöglicht mehrere Auflösungen, mehrere Antworten.

 

Das Talent des Dirigenten besteht darin, den Musikern das Gefühl zu geben, genau das zu tun, was sie wollen. Auch wenn es nicht so ist.

ARTE: Der Publizist Wolfgang Herles beschreibt den Unterschied zwischen Politikern und Dirigenten folgendermaßen: Erstere sind auf Konsens aus, Letztere dürfen es nicht sein.
DANIEL BARENBOIM: Das ist absolut richtig. Der Dirigent muss eine Vision entwickeln, die er konsequent durchsetzt.

ARTE: Gibt es also keine Demokratie im Orchester?
DANIEL BARENBOIM: (lacht) Sie führen mich aufs Glatteis! Das Talent des Dirigenten besteht eben darin, den Musikern das Gefühl zu geben, genau das zu tun, was sie wollen. Auch wenn es nicht so ist.

ARTE: In einem Spruch von Konfuzius heißt es: „Mit 70 konnte ich den Wünschen meines Herzens folgen, ohne das Maß zu überschreiten“ …
DANIEL BARENBOIM: Ich habe mein ganzes Leben zwei Herzensangelegenheiten gewidmet: dem Musizieren, sehr beeinflusst von Furtwängler …

ARTE: … über den Sie sagten, es vergehe kein Tag, an dem Sie sich nicht überlegten, was er wohl von diesem oder jenem gehalten hätte.
DANIEL BARENBOIM: Ja. Ich war immer bestrebt, das Gleichgewicht zwischen Gefühl und Rationalität zu finden, die Form zu spüren und die Gefühle zu verstehen, die Struktur mit emotionalem Inhalt zu füllen. Nicht jeder denkt so philosophisch über Musik nach wie Wilhelm Furtwängler.

 

ARTE: Und das andere Thema?
DANIEL BARENBOIM: Der Nahostkonflikt. Die israelische Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin, hat sehr wenig zu tun mit der heutigen. Sie bestand aus einer nicht nur von den Nazis, sondern bereits seit der spanischen Inquisition verfolgten und ermordeten Minderheit, die 1948 einen eigenen Staat gründete. Sie wollte in Frieden leben mit der Bevölkerung in Palästina und blickte mit unglaublichem Idealismus in die Zukunft, wollte ein Land aufbauen. Mit dem Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem und dem Sechstagekrieg 1967 änderte sich alles: Plötzlich glaubte man, der Holocaust, von dem die Juden ihren Anspruch auf Israel ableiteten, und die palästinensische Ablehnung des Staates Israel hätten etwas miteinander zu tun. Ein Missverständnis. Seit dem Sechstagekrieg dominiert Israel eine andere Minderheit; seitdem sind wir Besatzer. Diesen psychologischen Wechsel hat die israelische Gesellschaft nicht verkraftet.

 

ARTE: Wie Sie kürzlich in einem „Spiegel“-Interview sagten, braucht es also keine militärische oder politische Intervention, sondern einen Psychiater?
DANIEL BARENBOIM: Ja, es ist ein menschlicher Konflikt. Das moralische Rückgrat ging kaputt. Kein Land hat das Recht, Kollektivschuld zu verteilen.

ARTE: Sie gehören zu den Wenigen, die es wagten, Richard Wagners Musik in Israel aufzuführen.
DANIEL BARENBOIM: Es macht mich traurig, dass das offizielle Israel sich weigert, diesen großen Komponisten aufzuführen. Natürlich war Wagner ein schrecklicher Antisemit, aber seine Musik ist so vielschichtig. Er bringt alles zum Ausdruck, was ein Komponist zum Ausdruck bringen kann: emotional, harmonisch, dynamisch, orchestral.

ARTE: Sogar die Musiker Ihres West-Eastern Divan Orchestra, das Sie 1999 für palästinensische,
syrische, jordanische und israelische Nachwuchsmusiker gründeten, wollen Wagner spielen.
DANIEL BARENBOIM: Ja. Die Initiative ging von den israelischen Blechbläsern aus! So etwas macht mich glücklich. Ich wurde bei der Gründung des Orchesters von beiden Seiten kritisiert, deshalb bin ich mir sicher, dass ich richtig liege.

ARTE: Haben Sie Ihre jüdischen Wurzeln eigentlich mehr geprägt als die lateinamerikanischen?
DANIEL BARENBOIM: Ich bin mit neun Jahren aus Argentinien weggezogen. Aber ich kann Ihnen versichern: Wenn ich ein großes Stück Fleisch vor mir habe und einen Tango höre, dann werde ich zum Argentinien-Fan. Und beim Fußball gilt meine Loyalität eindeutig Argentinien!

ARTE: Sie haben einen argentinischen, spanischen, israelischen und palästinensischen Pass. Mit welchem reisen Sie eigentlich?
DANIEL BARENBOIM: Innerhalb Europas mit dem spanischen, nach Israel mit dem israelischen. Nach Russland bin ich mit dem palästinensischen Pass gereist. Für die USA würde ich den aber nicht nehmen, weil man stundenlange Verhöre riskiert.

ARTE: Ihren Geburtstag feiern Sie mit ARTE im Konzertsaal. Was steht auf dem Programm?
DANIEL BARENBOIM: Beethovens drittes und Tschaikowskys erstes Klavierkonzert. Mein Freund Zubin Mehta dirigiert.

ARTE: Mit 70 habe man nur noch die Chance, Staatspräsident oder Einlasspförtner zu werden, sagt der Schriftsteller Rolf Hochhuth.
DANIEL BARENBOIM: (lacht) Politiker werde ich nicht. Und ich hoffe, ich komme an diesem Abend in mein eigenes Konzert.

 

INTERVIEW: TERESA PIESCHACÓN RAPHAEL FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

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DANIEL BARENBOIM

KURZBIOGRAFIE

Geboren 1942 in Buenos Aires. 1952 internationales Debüt als Konzertpianist und Umzug nach Israel. 1954–1956 Studium der Orchesterleitung und Komposition. 1975–1989 Chefdirigent des Orchestre de Paris. 1981 Debüt bei den Bayreuther Festspielen. 1989–2006 Chefdirigent des Chicago Symphony Orchestra. 1999 Gründung des West-Eastern Divan Orchestra (mit Edward Said), seit 1992 Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden und seit 2011 Musikdirektor der Mailänder Scala

 

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Kategorien: November 2012