CHARLOTTE GAINSBOURG: GEWAGT

Anthony Dod Mantle

Anthony Dod Mantle

Wer Charlotte Gainsbourg zum ersten Mal begegnet, tut dies mit einem Gefühl von Vorsicht und leiser Beklemmung. Schließlich verstehen sich nur wenige Schauspielerinnen so gut auf die Kunst der Provokation wie sie: Schon als Zwölfjährige singt sie mit ihrem Vater Serge Gainsbourg das Lied „Lemon Incest“, in ihren ersten Filmrollen als Teenager verkörpert sie inzestuöse Fantasien und zelebriert ein Lolita-Image; in Lars von Triers Skandalfilm „Antichrist“ (2009) verstümmelt sie sich die Genitalien, in ihrem aktuellen Film steht sie als Nymphomanin vor der Kamera. Doch die Person, auf die man trifft, scheint so gar nicht dazu zu passen. Ihre gesamte Erscheinung wirkt zerbrechlich: der schmale Körperbau, der sanft-melancholische Blick, das schüchterne Lächeln, die Stimme. Charlotte Gainsbourg löst eher Beschützerinstinkte aus. Und doch hat sich die 41-Jährige auf eine kreative Partnerschaft eingelassen, wie sie gewagter und aufreibender kaum sein kann: Sie ist zur wichtigsten Schauspielerin Lars von Triers geworden, des genialischen Enfant terrible unter den Regisseuren, der wie kaum ein anderer europäischer Filmemacher für Verzückung und Verstörung zugleich sorgt. Und es ist ihre Fragilität, die Gainsbourg für diese Zusammenarbeit prädestiniert.

 

Befreiendes Leiden

Regisseur und Aktrice hätten um ein Haar nicht zusammengefunden: Für „Antichrist“ – ein bizarres Horrormärchen, in dem Lars von Trier seine eigenen Erfahrungen mit der Psychotherapie reflektiert – hatte der Filmemacher ursprünglich Eva Green vorgesehen. Doch ihre Agenten legten angesichts der radikalen Umsetzung der Thematik ein Veto ein. Gainsbourg dagegen hatte keine Bedenken: „Ich wollte diese Erfahrung machen. Noch kein Regisseur hatte mich bis dahin aufgefordert, so weit zu gehen. Und das genau erhoffst du dir als Schauspieler.“ Von Trier war sich bewusst: „Es würde für Charlotte schwierig werden, denn sie ist eine schüchterne Person. Aber sobald sie das Drehbuch gelesen hatte, war sie bereit, alles zu tun.“ Gainsbourg selbst weiß, was sie hemmt, doch sie geht darüber hinaus: „Ich liebe nichts mehr, als eine Grenze zu spüren und mich dann dazu anzutreiben, sie zu überwinden.“

Der Anfang der Zusammenarbeit gestaltete sich aber zunächst schwierig. Lars von Trier ließ die Schauspielerin im Unklaren darüber, ob er die Rolle überhaupt mit ihr besetzen würde. Gainsbourg rechnete mit einer Absage – und wurde vom Gegenteil überrascht. Worauf sie sich einließ, wurde jedoch teilweise äußerst unangenehm.

Eine schmerzvolle Herausforderung war insbesondere die Szene, in der sie von ihrem Mann (Willem Dafoe) erwürgt wird. Es erinnerte sie an ihre eigene Begegnung mit dem Tod, als sie 2007 nach einem Wasserski-Unfall lebensgefährliche Gehirnblutungen erlitt und operiert werden musste. Zu weit ging es ihr schließlich, als sie in einer Szene von „Antichrist“ mit einem professionellen Pornodarsteller drehen sollte – sie weigerte sich. Aber insgesamt erlebte sie diese Erfahrungen als durchaus positiv: „Alles Leiden hatte auch etwas sehr Befreiendes für mich“, erklärt sie.

 

Selbstzweifel und Selbstüberwindung

Nach derart kathartischen Erlebnissen war es nur folgerichtig, dass sie Lars von Trier auch für „Melancholia“ (2011) zusagte. Diesmal schien die Rolle weniger problematisch: Gainsbourg spielt die Schwester der depressiven Protagonistin Justine (Kirsten Dunst), mit der sie dem Untergang der Welt entgegensieht. Doch die Arbeit mit von Trier gestaltete sich unerwartet strapaziös. Anders als beim kammerspielartigen „Antichrist“, in dem sich der Regisseur ganz auf seine beiden Hauptdarsteller konzentrierte, war sie nun Teil eines Ensembles. Da von Trier zunächst kaum auf sie einging, wurde sie unsicher und zweifelte an sich selbst. Am Ende des Drehs erfuhr sie, dass all dies durchaus beabsichtigt war. Dem Produzenten, der Gainsbourg positive Rückmeldung geben wollte, sagte von Trier: „Sag ihr das nicht. So unsicher wie sie ist – genauso möchte ich sie haben.“

Momentan dreht sie mit von Trier das Erotikdrama „Nymphomaniac“, das sie in noch tiefere emotionale Gefilde entführt: Zu Beginn des Films wird sie,zusammengeschlagen und nur halb bei Bewusstsein, von einem älteren Mann aufgelesen, dem sie ihre Lebensgeschichte zu erzählen beginnt – insbesondere ihre erotischen Erfahrungen.

 

Ich liebe nichts mehr, als eine Grenze zu spüren und mich anzutreiben, sie zu überwinden.

Aber was bringt Charlotte Gainsbourg dazu, sich immer wieder in Extremsituationen zu begeben? Ist es wirklich einfach Masochismus, der die Schauspielerin in solche Rollen treibt? Außenseiter und Grenzgänger gibt es in ihrer darstellerischen Laufbahn etliche: das Waisenmädchen Julie, das mit seinem Bruder in der Ian-McEwan-Verfilmung „Der Zementgarten“ (1993) Inzest begeht, die von der Gesellschaft geächtete Teenagerin in Claude Millers „Die kleine Diebin“ (1988), für die Gainsbourg ihre erste César-Nominierung bekam, oder die trauernde Mutter in „The Tree“ (2010) von Julie Bertuccelli, die gemeinsam mit ihrer Tochter die Seele ihres verstorbenen Mannes in einem Baum wiederzufinden glaubt. Allein ihrem langjährigen Lebenspartner, dem Filmemacher Yvan Attal, bleibt es vorbehalten, ihre humorvolle Seite zu zeigen – wie etwa in seiner halb-autobiografischen Komödie „Meine Frau, die Schauspielerin“ (2001).

 

Im Schatten der Eltern

So wie Kontroverse und Grenzüberschreitung aus der Biografie Charlotte Gainsbourgs nicht wegzudenken sind, gehörten sie auch zum Leben ihrer Eltern. Selbst wenn Serge Gainsbourgs künstlerische Bedeutung über die berühmt-berüchtigten Skandale hinausgeht, bleibt er auch als der Mann in Erinnerung, der zu Whitney Houston vor laufender Kamera „I want to fuck you“ sagte und mit Charlottes Mutter Jane Birkin das Stöhnchanson „Je t’aime… moi non plus“ sang. Seinerzeit konnte Charlotte Gainsbourg die Provokation nicht erkennen: „Meine Eltern waren nun einmal so.“ Mittlerweile sind ihr die Bezüge zwischen dem Werk ihrer Eltern und ihrer Arbeit mit von Trier klarer: „Natürlich sind die Themen anders, aber ich sehe durchaus Parallelen zwischen meiner Arbeit in ‚Antichrist‘ und der Schockwirkung, die ‚Je t’aime…‘ damals hatte. Es war so, als wäre meine Mutter auf demselben Weg gewesen, und das gab mir den Freibrief, selbst das Gleiche zu tun und mich nicht dafür zu schämen.“

Es wirkt so, als hätte Gainsbourg, die sich immer im Schatten ihrer Eltern glaubte und deshalb „voller Minderwertigkeitskomplexe“ steckte, in den Filmen von Triers ein Vehikel gefunden, um dieser Familientradition gerecht zu werden – in einer für sie charakteristischen Radikalität. Theoretisch hätte sie nach „Antichrist“ aufhören können. Denn ein härterer Film ist kaum vorstellbar – zumindest nicht bis zur Premiere von „Nymphomaniac“. Aber Charlotte Gainsbourg besitzt eine Eigenschaft, die Segen und Fluch zugleich ist. Und die sie nicht stoppen lässt: „Ich kann vergessen – im Guten wie im Schlechten. Und deshalb weiß ich schon nicht mehr, was ich alles getan habe.“

 

RÜDIGER STURM FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

 

FILMOGRAFIE

„Nymphomaniac“ (2013), „Bekenntnis eines jungen Zeitgenossen“ (2012), „Melancholia“ (2011), „The Tree“ (2010), „Antichrist“ (2009), „Ruhelos“ (2009), „Science of Sleep – Anleitung zum Träumen“ (2006), „Meine Frau, die Schauspielerin“ (2001), „Der Zementgarten“ (1993), „Die kleine Diebin“ (1988), „Charlotte for Ever“ (1986), „Das freche Mädchen“ (1985)

 

DISKOGRAFIE

„Stage Whisper“ (Because 2011), „IRM“ (Foto, Because 2009), „5:55“ (Because 2006) – (Auswahl)

 

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Kategorien: November 2012