ALLES FÜR DIE KUNST!

Michael Sombetzki

Michael Sombetzki

Früher wurde hinter diesen Mauern einer uralten Kunst nachgegangen, der Kunst des Bierbrauens. Wochenlang gärte hier Gerstensaft in Fässern, bis zur Perfektion. Dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, stellte die Berliner Bötzow-Brauerei den Betrieb ein.

Über 65 Jahre später, an einem sonnigen Freitagvormittag im Juni dieses Jahres, ist die Kunst zurück in dem verwitterten Backsteinriesen. Mit Bier hat das dieses Mal nichts zu tun. Stattdessen hat die neue ARTE TV-Masterclass das Gebäude bezogen. „Alles für die Kunst!“ heißt die Koproduktion von ARTE, ZDF und dem belgischen Sender RTBF – ein ungewöhnliches Format, das zeitgenössische Kunst in den Fokus rückt und sie so einem breiten Publikum nahebringt. Ab dem 11. November ist die sechsteilige Dokureihe bei ARTE zu sehen.

 

Im Zentrum der Sendung stehen sieben Meisterschüler, die bereits im März von einer Jury unter 2.000 Bewerbern ausgewählt wurden. In Berlin treffen sie nun auf renommierte Künstler wie Norbert Bisky oder Dieter Meier, die sie als Mentoren in verschiedenen Workshops beraten. Es gilt, eine Vielzahl von Aufgaben, die sie von den Mentoren gestellt bekommen, kreativ zu lösen. Das Ziel: eine eigene Ausstellung im ZKM in Karlsruhe, die die Kandidaten gemeinsam vorbereiten.

 

Eine harte Schule. Anders als den Braumeistern von einst bleibt den Nachwuchskünstlern nur wenig Zeit für Perfektion. Die Bedingungen sind hart, und nicht jeder Teilnehmer sieht im Projekt genügend Freiraum: Drei der sieben Meisterschüler steigen vorzeitig aus, um die Prioritäten ihrer Künstlerlaufbahn neu zu bestimmen. Die verbleibenden vier machen unermüdlich weiter, stets im Wettlauf gegen die Zeit: Gerade schneidet Elina aus Illustrierten Bilder nackter Haut aus und fügt sie zu einer Collage zusammen, während Sebastian eine tote Hornisse auf einem Nagel fixiert. Einen Raum weiter verbindet Ismael DIN-A4-Blätter zu einem Wandteppich. Nur Lyes fehlt. Zu Hause in Frankreich legt er die Abschlussprüfung an der Kunstakademie ab, bevor er nach Berlin zurückkehren wird.

Die Aufgabe, der sich die Kandidaten hier stellen, ist ein „shocking piece of art“ – Kunst, die schockieren soll –, so verlangt es Mentorin Birgit Brenner, bekannt für ihre provokanten Werke. Schon morgen müssen sie das Ergebnis präsentieren. Es sei hart, dem eigenen Anspruch aufgrund von Zeitdruck nicht gerecht werden zu können, sagt Elina. Sebastian geht es ähnlich: „Es ist schwer, ein unfertiges Werk auszustellen.“ Pragmatischer ist Ismael: „Diamanten brauchen etwas Hartes, um geschliffen zu werden“, sagt er. Die Mas-terclass sei wie drei Jahre Kunstakademie in einer Woche: anstrengend, aber lehrreich.

Am Abend erfahren die Kandidaten, dass sie ihr „shocking piece of art“ in einem leerstehenden Ladenlokal in Berlin-Schöneberg ausstellen sollen. Eine arbeitsintensive Nacht in der Brauerei liegt vor ihnen. Doch Ismael scheint diese Aussicht nicht zu schrecken: „Ich wusste, worauf ich mich einlasse“, sagt er, „und schließlich kommt nur bei sich selbst an, wer alles für seine Kunst gibt.“

 

DAVID SCHELP FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

DIE SIEBEN KANDIDATEN IM ÜBERBLICK

 

ISMAEL DUÁ
Der gebürtige Berliner studierte an der Akademie der Bildenden Künste in München. Seine Werke im DIN-A4-Format veranschaulichen die Standardisierung von Künstlerausbildungen.

 

ALICE MULLIEZ
Die Französin macht Nahrung zum Gegenstand ihrer Kunst und offenbart so die Überflüssigkeit von Konsumgütern, die im Gegensatz zur Beständigkeit von Kunst steht.

 

LYES HAMMADOUCHE
Nach seinem Abitur studierte Lyes Hammadouche Kommunikation und Bildende Künste in Paris. Für ihn ist Kunst vor allem ein Mittel der Kommunikation.

 

ELINA SOLOMONOV
Die Künstlerin ist in Russland geboren und in Deutschland aufgewachsen. In London studierte sie Grafikdesign. Ihr stärkstes Ausdrucksmittel ist die Collage, ihr Thema der Tanz.

 

JÉRÔME GALVIN
Der 37-jährige Künstler erlernte die Keramiktechnik Fayence und richtete sich ein eigenes Atelier in der Provence ein. Er experimentiert mit Keramik, Gravur und Malerei.

 

STÉPHANIE KERCKAERT
Die Belgierin fängt jene Erinnerungen ein, die sie in Figuren, Objekten, Mauern oder Träumen findet, und erzeugt so Intimität. Oft nutzt sie dazu Toninstallationen.

 

SEBASTIAN MEJIA
Nach einem Studium in Dresden besucht der 32-jährige Kolumbianer nun die Kunstakademie in Düsseldorf. Seine Werke sollen begrifflich nicht fassbare Gefühle erzeugen.

 

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Kategorien: November 2012