UND NOCH EIN KÜSSCHEN

DRUSHBA PANKOW

DRUSHBA PANKOW

Küsschen links, Küsschen rechts, was soll daran typisch französisch sein, das machen die Deutschen doch auch! Nein, machen sie nicht. Auch wenn das Begrüßungsbussi in Deutschland schick geworden ist – so schick, dass unlängst die Deutsche Knigge Gesellschaft Interviews gab, um zu betonen, dass sich niemand drängen lassen solle und dass diese Art der Begrüßung „undeutsch“ sei. Hochoffiziell bestätigt ist und bleibt also der teutonische Händedruck. Bolzengerade, kurz und knapp, hat er einen Vorteil: Alle wissen, was sie tun. Immer.

Ganz anders in Frankreich. „Faire la bise“, die Begrüßung per Küsschen, mag leicht und charmant daherkommen, kennt aber nur eine Gewissheit: dass sie ein trockenes Wange-an-Wange-in-die-Luft-Schmatzen ist. Alles Weitere – wer darf wann wie oft mit wem – ist unsicheres Terrain. Selbst Franzosen können auf ihm ins Straucheln geraten, dabei sind sie von klein an im Training. Ab dem Windelalter küssen sie alle möglichen Messieurs und Mesdames auf Anweisung, auch wenn Monsieur einen Kratzbart hat und Madame vor allem mit Faltencreme glänzt. Kinder hassen die Gib-Küsschen-Spiele der Erwachsenen. Doch „tant pis“, macht nichts! Gelassenheit ist die Grundhaltung bei der Bise-Begrüßung.

Zum Beispiel hat nie jemand festgelegt, welche Wange zuerst an der Reihe ist.Also wird spontan drauflosgeküsst. Unvorstellbar, dass Deutsche mit den Händen voreinander herumwedeln, um nach der passenden Seite für den Handschlag zu suchen. Das französische Ich dagegen zuckt ungerührt die inneren Achseln, sollten zufällig Münder auf Münder treffen oder Nasen Nasen streifen. Peinlich? Wieso? Komplizierter ist die Frage, wer wen küssen darf. Verwandte, Freunde, Bekannte tun es ungezwungen, was aber ist mit der strengen Schwiegermutter, Kollegen, Chefs? Hier zeigen sich Franzosen als Meister der Finesse; nichts geht ohne Intuition, die Kunst, die Codes der anderen zu entschlüsseln. Und dann ist da noch das unvergleichliche französische Stehvermögen: Wenn Gruppen Gruppen begrüßen, wie bei Festen, fängt einer an, und alle küssen mit. Ganz ohne Partyspiele sind die Gäste den halben Abend beschäftigt – länger noch in Regionen, wo mehr „bises“ gelten als zwei, die Standard sind.

Wie viele „bises“ wo Usus sind, weiß niemand so genau. Für die Bretagne ist eine Anzahl von dreien verbürgt, der unersättliche Süden hat den Ruf, es viermal zu tun, so wie alle, die schlecht erzogen sind, zumindest aus bourgeoiser Sicht. Grauenvolles Chaos? Man sagt auch französische Leichtigkeit dazu.

 

KATJA ERNST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ILLUSTRATION: DRUSHBA PANKOW

 

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Kategorien: Oktober 2012