KEHLMANNS WELT

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„Wunderkind der deutschsprachigen Literatur“ – Daniel Kehlmann hasst den Ausspruch, der so hartnäckig an ihm haftet. Man kann das verstehen. Denn bei genauerem Hinsehen passt er nicht annähernd zu seinem Werdegang. Als er 1997 seinen Debütroman „Beerholms Vorstellung“ veröffent-lichte, war Kehlmann zwar erst 22 – von „Wunder“ wollte aber niemand sprechen. Aufmerksamkeit fand der Roman jedenfalls kaum.

Doch das ist 15 Jahre her, und in der Zwischenzeit hat Kehlmann „Die Vermessung der Welt“ vorgelegt, einen zeitgenössischen Roman mit his-torischem Inhalt, wie Kehlmann sagt. In dem Buch lässt er das Mathematik-Genie Carl Friedrich Gauß und den Naturforscher Alexander von Humboldt Ende des 18. Jahrhunderts auf äußerst unterschiedliche Weise die Welt erkunden. Erschienen 2005, ist „Die Vermessung der Welt“ einer der erfolgreichsten Romane seit dem Zweiten Weltkrieg. Er verkaufte sich gegen alle Erwartungen allein in deutscher Sprache und in den ersten beiden Jahren 1,5 Millionen Mal. Weltweit wurde er in mehr als 40 Sprachen übersetzt und Kehlmann selbst mit García Márquez, Proust, Nabokov verglichen, international als Vertreter einer neuen, humorvollen deutschen Literatur gefeiert und mit wichtigen Preisen geehrt, wie 2006 mit dem Heinrich-von-Kleist- und 2008 mit dem Thomas-Mann-Preis.

Seither lässt sich bei diesem Schriftsteller unbedingt von einem Autorenwunder sprechen – aber eben nicht mehr von einem Kind. Er sei schließlich, wie er selbst vor gut drei Jahren dem „Stern“ sagte, „in einem Alter, wo Jesus schon die Bergpredigt gehalten hat, ohne dass man ihn einen Jungpropheten genannt hat“.

 

Respektlose Leichtigkeit. Jesus? Ja, Jesus. Natürlich meint Kehlmann das scherzhaft. Aber manchmal verrutscht ihm beim Reden der Ton. Minimal, aber genügend, um einigen seiner sonst so klugen Sätze eine andere Färbung zu verleihen und den sympathischen Schriftsteller mit der verschmitzt schülerhaften Mimik etwas bemüht wirken zu lassen. Kritiker spornt das an, nicht die Bücher, sondern die „Reputation des Autors“ („FAZ“) zu rezensieren. „Strebertum“ werfen sie ihm dann vor. Eine kunstfeindliche Schelte.

Man wünscht Kehlmann, der Person, in diesen Momenten die Lakonie, die Kehlmann, den Schriftsteller, auszeichnet. Als solcher gelingt es ihm, die komplexesten Inhalte zu erfassen und den Leser mehrfach pro Seite zu verzücken. Vor allem die indirekte Rede beherrscht Kehlmann meisterlich. In „Die Vermessung der Welt“, wo gewöhnliche Dialoge den Eindruck erwecken würden, der Erzähler gäbe verbürgte his-torische Wahrheiten wieder, ist sie mehr als bloßes Stil-Gimmick. Sie gibt dem Autor die Freiheit, sich vorzustellen, was seine Protagonisten gesagt haben könnten und erlaubt ihm die Respektlosigkeit, mit der er ihnen begegnet. Eine Respektlosigkeit, eine Distanz auch, die nur haben kann, wer seine Figuren innig liebt. Kehlmanns Helden wirken daher oft wie schrullige, aber doch hochgeschätzte Verwandte: „Eine Weile sah Gauß mit gerunzelten Brauen aus dem Fenster. Dann fragte er, wann seine Tochter endlich heiraten werde. Warum wolle die denn keiner? Wo sei das Problem? (…) Um ehrlich zu sein, sagte Eugen, die Schwester sei nicht eben hübsch. Gauß nickte. Die Antwort kam ihm plausibel vor.“

 

Die Kunst prägen, formen. Seine Liebe zur Literatur hat der 1975 in München geborene Sohn von Regisseur Michael Kehlmann und Schauspielerin Dagmar Mettler schon früh entwickelt. Mit acht Jahren soll er geäußert haben, Schriftsteller müsse „doch der schönste Beruf“ sein. Nach seinem Abitur 1993 studierte Kehlmann Philosophie und Germanistik in Wien. In dieser Zeit veröffentlichte er auch seinen Debütroman – und zeigte sich als äußerst produktiver Schreiber: Heute umfasst sein Werk neun Prosa-Bände und zwei Theaterstücke. Mit „Ruhm“ hat Regisseurin Isabel Kleefeld im März 2012 Kehlmanns „Roman in neun Geschichten“ ins Kino gebracht. Für Detlev Bucks 3D-Verfilmung von „Die Vermessung der Welt“, die am 25. Oktober herauskommt, schrieb Kehlmann das Drehbuch – und damit seinen Roman noch einmal neu. Er kürzte Szenen, nahm neue hinzu, kämpfte mit dem Produktionsbudget. Sein zweites dramatisches Werk, das Theaterstück „Der Mentor“, feiert am 8. November in Wien Premiere.

Der deutsch-österreichische Schriftsteller, der in Berlin und manchmal in Wien wohnt, lebt die Kunst, will sie formen, prägen. Mit seinen eigenen Werken, aber auch durch Analysen des Kulturgeschehens – sei es als glühender Verfechter des Urheberrechts oder in Nischendiskussionen. In der „FAZ“ forderte er etwa, den Deutschen Buchpreis abzuschaffen. Die Vergabeprozedur sei für Schriftsteller „demütigend“ und „eine Quelle der Sorge und der Depression“. Ein wunderbarer und wichtiger Ausspruch. Strebertum? Verrutscher Ton? Kleingeistige Fragen.

 

JAKOB BIAZZA FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

 

KEHLMANN ZUM WEITERLESEN

„Ruhm. Ein Roman in neun Geschichten“ (Roman, Rowohlt 2009);

„Wo ist Carlos Montúfar? Über Bücher“ (Essays, Rowohlt 2005);

„Die Vermessung der Welt“ (Roman, Rowohlt 2005);

„Ich und Kaminski“ (Roman, Suhrkamp 2003);

„Der fernste Ort“ (Novelle, Suhrkamp 2001);

„Mahlers Zeit“ (Roman, Suhrkamp 1999);

„Unter der Sonne“ (Erzählungen, Rowohlt 1998);

„Beerholms Vorstellung“ (Roman, Deuticke 1997)

(Auswahl)

 

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Kategorien: Oktober 2012