aurore.schaller@arte.tv

DIE ILLUSION DER ZEIT

WGBH

WGBH

 

„Wie die Zeit vergeht!“, „Was für eine Zeitverschwendung!“, „Zeit ist Geld!“ – wir alle zählen Tage und Minuten, richten uns nach Terminen, altern und werden eines Tages sterben. Mit der auf- und untergehenden Sonne spüren wir, wie die Zeit vergeht. Sie scheint absolut, universell, einheitlich. Doch was, wenn unsere Erfahrungen uns täuschen? In der Dokureihe „Der Stoff, aus dem der Kosmos ist“ stellt Brian Greene unsere vertrauten Zeitvorstellungen infrage. Mit dem ARTE Magazin sprach der amerikanische Physiker über Einsteins Relativitätstheorie, Zeitreisen und den Urknall. Ein Telefongespräch über Zeitzonen hinweg.

 

ARTE: In New York ist es gerade zehn Uhr morgens, in Deutschland bereits 16 Uhr – ist es eine Illusion, dass wir Ihnen zeitlich voraus sind?
BRIAN GREENE: Es gibt bestimmte, vom Menschen getroffene Vereinbarungen, die dafür sorgen, dass die Zivilisation reibungslos abläuft. Zwölf Uhr mittags ist für uns derjenige Zeitpunkt am Tag, an dem die Sonne hoch am Himmel steht. Und da jede Stadt auf der Erde dies für sich beansprucht, kann es keine universell einheitliche Zeit geben – sonst wäre es an manchen Orten um zwölf Uhr mittags dunkel. Dieser Zeitunterschied hat allerdings nicht das Geringste mit der seltsamen Beschaffenheit von Zeit zu tun, die Einstein entdeckt hat.

ARTE: Kam Einstein einer Lösung des Rätsels um Zeit näher?
BRIAN GREENE: Weder Einstein noch sonst jemand konnte bislang sagen, woher Zeit kommt, warum es sie gibt, ob es sie immer geben wird, ob im Universum Situationen existieren, die ohne den Zeitbegriff auskommen – diese Fragen sind unbeantwortet. Doch Einstein und viele andere nach ihm stießen auf bestimmte Eigenschaften der Zeit.

ARTE: Welche Eigenschaften sind das?
BRIAN GREENE: Eine der verblüffendsten Erkenntnisse Einsteins ist, dass Bewegung Zeit beeinflusst. Nehmen wir an, unsere beiden Armbanduhren laufen zeitgleich. Sie sitzen still, ich gehe im Zimmer umher und komme dann zurück. Man würde denken, dass die Uhren weiterhin dieselbe Zeit anzeigen. Einstein belehrt uns jedoch: Beide Uhren haben sich relativ zueinander bewegt, und durch Bewegung vergeht die Zeit unterschiedlich schnell.

ARTE: Warum bemerken wir davon nichts?
BRIAN GREENE: Weil die Wirkung erst nahe der Lichtgeschwindigkeit wahrnehmbar ist – 300.000 Kilometer pro Sekunde. Das Licht schafft es, die Erde in einer Sekunde sieben Mal zu umrunden. Würde man sich fast mit Lichtgeschwindigkeit bewegen, würde die Uhr merklich langsamer ticken.

ARTE: Also hängen Raum und Zeit zusammen?
BRIAN GREENE: Genau. Sie bilden die sogenannte „Raumzeit“ – eine gigantische Einheit aller Orte und aller Zeitpunkte, in der Raum und Zeit untrennbar miteinander verwoben sind. Die Relativitätstheorie lehrt uns, Zeit als Ganzes zu sehen: Momente in der Zeit existieren genauso nebeneinander wie Orte im Raum. Irgendwo da draußen liegen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

ARTE: Wenn Vergangenheit und Zukunft schon existieren – könnten wir dorthin reisen?
BRIAN GREENE: In Einsteins Welt kann man so vorgehen: Man baut ein Raumschiff und fliegt mit annähernder Lichtgeschwindigkeit ins All. Angenommen, Sie fliegen sechs Monate lang weg von der Erde und sechs Monate zurück: Während für Sie ein Jahr vergangen ist, sind auf der Erde viele Jahre verstrichen, weil Ihre Uhr langsamer getickt hat als jene auf der Erde. Verlassen Sie das Raumschiff, sind Sie in der Zukunft angelangt. Reisen in die Vergangenheit hält kaum ein Physiker für möglich, eindeutig bewiesen hat das aber bisher niemand!

ARTE: Werden Zeitreisen jemals möglich sein?
BRIAN GREENE: Was winzige Teilchen angeht, so schicken wir diese bereits in die Zukunft, indem wir sie zum Beispiel mit den Teilchenbeschleunigern des Forschungszentrums CERN in Genf annähernd auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen. Wenn ein Teilchen aus dem Beschleuniger kommt, ist es demnach ein wenig in die Zukunft gereist. Was Zeitreisen für Menschen angeht, so ist das schwer zu sagen. Hätte man im Jahr 1850 jemandem gesagt, dass die Leute im 21. Jahrhundert kleine Geräte besitzen, mit denen sie mit Menschen auf der ganzen Welt sprechen können, so wäre das undenkbar gewesen! Die Forschung kann Wege finden, um Dinge zu verwirklichen. Und auch wenn ich derzeit keine Möglichkeit für Zeitreisen sehe, bin ich vielleicht genauso blind, wie es jemand 1850 gewesen wäre, dem man vom iPhone erzählt hätte.

 

„Wir schicken bereits winzige Teilchen in die Zukunft, indem wir sie annähernd auf Lichtgeschwindigkeit beschleunigen.“

ARTE: Wenn wir alle altern – hat Zeit dann nicht eine Richtung?
BRIAN GREENE: Unsere Alltagserfahrung zeigt uns, dass sich Dinge in einer geordneten Abfolge vollziehen: Ein Glas zersplittert, aber Splitter fügen sich nie wieder spontan zu einem Glas; wir altern, aber verjüngen uns nicht. Diese Abfolge der Ereignisse nennen wir Physiker „Zeitpfeil“. Wenn Glas zersplittert, entsteht Unordnung. Offenbar verlaufen Ereignisse von Ordnung hin zu Unordnung.

ARTE: Wo könnte der Ursprung für diese zeitliche Abfolge liegen?
BRIAN GREENE: Einiges spricht dafür, dass diese Abfolge von Ereignissen mit dem Urknall zu tun hat. Bei unseren Beobachtungen des Alls schauen wir immer in die Vergangenheit: Je weiter wir hinausschauen, desto länger waren Licht und Teilchen, die wir auffangen, zu uns unterwegs. So können wir Erkenntnisse über den Zustand der Dinge vor langer Zeit gewinnen. Die Beob-achtungen zeigen, dass das Universum früher geordneter war als heute. Schaut man weniger weit hinaus, auf spätere Zeitpunkte, so beginnt die Materie zu „verklumpen“. Sterne hier, Galaxien dort – alles ist ungleichförmig, verglichen zur makellosen Ordnung der frühen Phasen des Universums.

ARTE: Könnte Zeit ein Ende haben?
BRIAN GREENE: Das Universum dehnt sich immer schneller aus. Das heißt, in ferner Zukunft könnte es so ausgedünnt und zerstreut sein, dass effektiv Stillstand herrschen würde. Auch wenn wir nicht wissen, was Zeit ist, so nutzen wir sie doch als Maß für Veränderung. Gibt es irgendwann keine Veränderung mehr, dann verschwindet auch unser Konzept von Zeit.

ARTE: Wo steht die Wissenschaft heute?
BRIAN GREENE: Wenn Sie mich nach der nächsten wissenschaftlichen Revolution fragen, denke ich, dass es um Zeit gehen wird. Um die Frage, ob Zeit ein grundlegender Bestandteil des Universums ist oder ob sie, wie viele heute annehmen, nur eine Eigenschaft ist, die zwar unter bestimmten Umständen auftritt, aber für das tiefste Verständnis des Kosmos keine Rolle spielt.

 

INTERVIEW: LYDIA EVERS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE INTERVIEW

 

BRIAN GREENE

Brian Greene wurde 1963 in New York geboren. Er studierte Physik in Harvard und Oxford. Heute lehrt der 49-Jährige Physik und Mathematik an der Columbia University in New York

 

ARTE PLUS

 

ZUM WEITERLESEN

Brian Greene: „Die verborgene Wirklichkeit: Paralleluniversen und die Gesetze des Kosmos“ (Siedler 2012);

Rüdiger Vaas: „Tunnel durch Raum und Zeit – Von Einstein zu Hawking: Schwarze Löcher, Zeitreisen und Überlichtgeschwindigkeit“ (Kosmos 2012);

Stephen Hawking & Leonard Mlodinow: „Die kürzeste Geschichte der Zeit“ (rororo 2010);

Brian Greene: „Das elegante Universum: Superstrings, verborgene Dimensionen und die Suche nach der Weltformel“ (Goldmann 2005);

Brian Greene: „Der Stoff, aus dem der Kosmos ist“ (Goldmann 2004)

(Auswahl)

 

Neugierig geworden? Das ARTE Magazin präsentiert jeden Monat alles, was Sie zum aktuellen ARTE TV-Programm wissen müssen. Testen Sie jetzt 2 Ausgaben des ARTE Magazins gratis!

Kategorien: Oktober 2012