DEIN WILLE GESCHEHE

Alberto Bocos Gil/Zadig Films

Alberto Bocos Gil/Zadig Films

Die fünf Männer sind jung, schön und blicken nach vorn. Sie wollen Priester werden – in einer Zeit, in der die römisch-katholische Kirche in ganz Europa immer weniger Priesteranwärter zu verzeichnen hat. Sich für die Ewigkeit an Gott binden? Eintreten in eine in sich geschlossene Welt, deren feste Strukturen dem Fortschritt kaum Raum zu geben scheinen? Es ist eine existenzelle Entscheidung, gegen Familie, gegen Besitz, gegen Sexualität.

 

Die Protagonisten der neuen ARTE-Serie „Dein Wille geschehe“ wählen trotz allem das Leben für Gott – und versuchen, es mit dem 21. Jahrhundert zu vereinbaren. Mit der achtteiligen preisgekrönten Fernsehserie taucht ARTE in die Tiefen – und Untiefen – der Kirche ein, und zwar im Paris von heute. Fünf junge Männer werden dort in einem Kapuzinerkloster aufgenommen, das vom charismatisch-gütigen Pater Fromenger geleitet wird. Gregorianische Gesänge hallen durch die Flure, Weihrauch zieht um die Talare – fast glaubt man sich in Umberto Ecos „Der Name der Rose“. Aber nur fast – denn viel trennt das Leben hinter Klostermauern nicht von dem, das außerhalb am Seine-Ufer blüht. Vom ersten Tag ihrer Ausbildung an stehen die Seminaristen zwischen Glaube und Zweifel, Körper und Geist, verwaisten Gemeinden und verbissenen Intrigen des Vatikans. Yann, der junge Bretone und Pfadfinderleiter; Emmanuel, der wegen seiner Homosexualität mit schweren Depressionen zu kämpfen hat; Raphaël, der aus gutem Hause stammt und seinen Sitz im Aufsichtsrat der väterlichen Firma aufgibt; Guillaume, der die Vaterrolle für seine Schwester übernommen hat; José, der nach acht Jahren Haft wegen Mordes entlassen wurde. Und schließlich Pater Fromenger, der, immer das Beste für sein Kloster im Sinn, so manches Auge zudrückt. Dessen Widersacher: Kardinal Roman, der ihn mithilfe seiner Verbündeten in Rom stürzen will.

 

Genauso wie wir. „Die Welt der Kirche ist von denselben Konflikten betroffen, die auch wir in unserem Alltag erleben – nur zehn Mal stärker!“, sagt der Produzent Bruno Nahon, der gemeinsam mit Regisseur Rodolphe Tissot und den Drehbuchautoren David Elkaïm und Vincent Poymiro die Serie entwickelte. Poymiro ergänzt: „Wir wollten fünf junge Menschen zeigen, die gerade die Welt der Priester betreten. Es sollten Persönlichkeiten sein, die den jungen Menschen von heute ähnlich sind.“ Und ähnlich sind sie ihnen: So soll Guillaume seine kleine Schwester bei der Entscheidung zu einer Abtreibung unterstützen, zudem entdeckt er seine Zuneigung für den Mit-Seminaristen Emmanuel – was beide vor beinahe unerträgliche Gewissenskonflikte stellt. José mischt sich in die französische Politik ein, zusammen mit den anderen Novizen schützt er illegale Einwanderer vor der Abschiebung – und bringt damit selbst das Kloster in Zugzwang. Yann hingegen lernt eine Punksängerin kennen, die er auf seiner Gitarre begleitet, und wird trotz guter Vorsätze schwach, während Raphaëls Entscheidung für ein Leben mit Gott und gegen den Posten im Aufsichtsrat der Familienfirma seinen eigenen Bruder ins Unglück stürzt. Unsicherheiten und Fehler, aber letztlich auch der gute Wille und das Füreinanderdasein prägen die Charaktere der Serie – nicht mehr und nicht weniger als Menschlichkeit. „Auch wir sind die Welt, mit unseren Fehlern, unseren Ängsten“, wie es José ausdrückt.

 

„Die Welt der Kirche ist von denselben Konflikten betroffen, die auch wir in unserem Alltag erleben – nur zehn Mal stärker!“

 

Keine Supermänner. Besetzung und Thema von „Dein Wille geschehe“ sind in der heutigen, stark amerikanisch geprägten Serienlandschaft mehr als ungewöhnlich: Es gibt keinen sarkastischen Arzt à la „Doctor House“, keine überheblichen Supermänner einer Werbeagentur wie in „Mad Men“ und keine exzentrischen Drogenmischer wie in „Breaking Bad“. Das braucht es auch nicht, denn die katholische Kirche mit ihren eigenwilligen Figuren und abstrusen Ränkespielen bildet bereits das ganze Spektrum menschlichen Dramas ab, das eine gute Geschichte ausmacht.
Es ist eher die persönliche denn die politische Ebene der Kirchenwelt, die die Macher der Serie – aktuell arbeiten sie an der zweiten Staffel – beleuchten wollten. Auch wenn immer wieder die Entourage des Papstes, die Intrigen des Vatikans und seiner Schäfchen eine Rolle spielen, so geht es doch schlicht und ergreifend um fünf Männer, die Priester werden wollen – und die an ihre eigenen Grenzen und die der Institution Kirche stoßen. Genau das ist die Stärke der Serie, genau das macht sie so ehrlich.

 

KAROLINE NUCKEL UND DIANA AUST FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE PLUS

 

DIE CHARAKTERE IM ÜBERBLICK

 

EMMANUEL – der Reuige
Um seine schwierige Vergangenheit zu bewältigen, wagt Emmanuel (David Baïot) einen Neu-anfang in der Kirche. Seine Familie kann das nicht nachvollziehen.

 

GUILLAUME – der Fürsorgliche
Guillaume (Clément Manuel) ist Ersatzvater, Freund und sozial engagierter Aktivist. Die Nächstenliebe ist sein Motiv, Priester zu werden.

 

RAPHAËL – der Clevere
Raphaël (Clément Roussier) entscheidet sich gegen eine Karriere im Unternehmen seines Vaters, um Priester zu werden – eine Zerreißprobe für die Familie.

 

YANN – der Sensible
Als Leiter einer Pfadfinder-gruppe und des Kirchen-chors macht sich der romantisch veranlagte Yann (Julien Bouanich) auf den Weg ins Priesterseminar.

 

JOSÉ – der Verschlossene
Nach einem Mord und acht Jahren im Gefängnis wendet sich José (Samuel Jouy) dem Glauben zu. Der Kapuzinerorden nimmt den Straftäter schließlich als Priesteranwärter auf.

 

PATER FROMENGER – die gute Seele
Selbst der gutmütige Pater Fromenger (Jean-Luc Bideau), der Leiter des Kapuzinerklosters, stößt beim allzu irdischen Problem Geld an seine Grenzen.

 

KARDINAL ROMAN – der Machtgierige
Kardinal Roman (Michel Duchaussoy) arbeitet mit allen Mitteln am Ausbau seiner Macht in der katholischen Kirche. Doch Fromenger ist ihm ein Dorn im Auge.

 

 

DIE KAPUZINER

Der Orden der Minderen Brüder Kapuziner ist ein Bettelorden. Als deren Ursprung gilt der Franziskaner-Orden, der im 13. Jahrhundert als Reaktion auf die Verweltlichung der Kirche entstanden ist. Später gehörten ihm auch kleinere Orden an, darunter der um 1535 gegründete Kapuzinerorden. Seit 1619 ist dieser offiziell unabhängig von den Franziskanern. Im Bettelorden verzichtet die Gemeinschaft auf Besitz, zudem wird das klösterliche Leben mit seelsorgerischer Tätigkeit verbunden. Der Name der Kapuziner leitet sich von der Kapuze der Franziskaner ab

 

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Kategorien: Oktober 2012