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50 JAHRE BEATLES

Apple Corps Ltd.

Apple Corps Ltd.

1  Die Weltkarriere der Beatles beginnt unspektakulär: Auf einem Pfarrgemeindefest in Liverpool lernt Paul McCartney 1957 John Lennon kennen, und später auf einer Busfahrt George Harrison. Bevor McCartney und Lennon ab 1957 gemeinsam Stücke komponieren, hat John Lennon bereits eine Band: The Quarrymen – benannt nach seiner Quarry Bank Highschool.

 

2  Ihr Bandname wechselt häufig, die Besetzung ist noch unstet: Bei einem Talentwettbewerb tritt das Kollektiv 1958 als Johnny and the Moondogs an. Auf Anregung von Bandmitglied Stuart Sutcliffe nennen sie sich bald The Silver Beatles, angelehnt an die Band The Crickets (Die Grillen) – ein Wortspiel aus „beetle“ (Käfer) und dem Musikstil Beat.

 

3 Der Pilzkopf wird zu ihrem Markenzeichen. Die Beatles kopieren die mutige Mähne vom jungen Fotografen Jürgen Vollmer, den sie 1960 in Hamburg kennenlernen. Vollmer, seines Zeichens höchstens Hobbyfriseur, trägt den „mop-top“ als modische Revolte gegen deutsches Nachkriegsspießertum.

 

4  Hamburg ist ein heißes Pflaster für die Band, die 1961 unter dem Namen The Beat Brothers als Studioband von Tony Sheridan spielt, dem Erfinder der Beatmusik. Beste Auftrittsmöglichkeiten bietet den Jungs in Hamburg der legendäre Star-Club auf der Reeperbahn.

 

5  Nach ihrem Hamburgtrip gelten die Heimkehrer als „Best Band in Town“ – ein Status, den sie mit fast 300 Auftritten im Liverpooler Cavern Club untermauern. Der Club, den man heute noch in Liverpool besichtigen kann, ist allerdings eine Fälschung. Das Original wird 1973 geschlossen, weil es dem Bau einer U-Bahn weichen muss.

 

6 Ihre geliebten Lederjacken müssen die Musiker 1961 gegen Anzüge tauschen. Warum? Brian Epstein, der Besitzer eines Plattenladens in Liverpool, wird nach der Single von Tony Sheridan und den Beat Brothers gefragt. Epstein wird hellhörig, stöbert die Band auf und dient sich ihnen sofort als Manager an – seine erste Amtshandlung: Jacken weg!

 

7  Epstein tingelt von Plattenfirma zu Plattenfirma, um die Beatles – nun mit Ringo Starr in der Stammbesetzung – unterzubringen. Beim Label Decca heißt es 1962 nach einer Hörprobe: „Gitarrenbands will bald keiner mehr hören.“ Die Ablehnung der Beatles gilt als „größter Fehler der Musikgeschichte“.

 

8  Aus Mitleid gewährt der Produzent George Martin von der Plattenfirma EMI den Beatles „eine Stunde im Studio“. Daraus wird mit „Please Please Me“ 1963 ihr erster Nummer-1-Hit – nachdem 1962 bereits ihre erste Single „Love Me Do“ auf den Markt kam. Als kongenialer Arrangeur sollte Sir George den Beatles bis zum Ende treu bleiben.

 

9 Einer, der nicht treu bleiben darf, ist Pete Best: Im März 1962 wurde der erste Schlagzeuger der Band durch Ringo Starr ersetzt. Es heißt, der Produzent George Martin sei mit dem Spiel von Best nicht zufrieden gewesen. Die Veröffentlichung der Doppel-CD „Anthology 1“ mit alten Beatles-Songs macht Best 1995 zum mehrfachen Millionär.

 

10  Obwohl sie ein Quartett sind, macht sich die Musikpresse einen Sport daraus, einen fünften Beatle zu entdecken. Am 10. April 1962 stirbt einer von ihnen, der Bassist Stuart Sutcliffe. Zu den fünften Beatles zählen unter anderem Billy Preston, George Martin und Klaus Voormann, der das Cover für das Beatles-Album „Revolver“ entwarf.

 

11  Spätestens mit der Nummer-1-Single „She Loves You“ bricht 1963 endgültig die Beatlemania aus. Der Begriff ist der „Lisztomania“ um den Komponisten Franz Liszt (1811–1886) entlehnt und beschreibt die rasende Extase weiblicher Fanmassen, die der Band immer mehr zu schaffen macht.

 

12  Im Rahmen der „Royal Variety Performance“ am 4. November 1963 spielen die Beatles vor Mitgliedern des britischen Königshauses. John Lennon gibt eine erste Kostprobe seines Sarkasmus: „Für unser letztes Stück bitte ich Sie um Ihre Mithilfe – könnten die Leute auf den billigen Plätzen mitklatschen? Der Rest von Ihnen klappert einfach mit den Juwelen!“

 

13  1964 spielen die Beatles in Paris deutsche Versionen ihrer Hits ein („Sie liebt dich“, „Komm, gib mir deine Hand“). Sie tun es widerwillig, doch der deutsche Zweig ihrer Plattenfirma meint, nur so hätte die Band eine Chance in Deutschland.

 

14  Am 9. Februar 1964 gelingt den Beatles, was seitdem jede britische Band versucht: den US-Markt zu knacken. Vor fast 74 Millionen Zuschauern treten sie in der „Ed Sullivan Show“ auf, in der ihnen ein gewisser Elvis Presley sogar per Telegramm gratuliert.

 

15  Auf ihrer ersten Welttournee 1964 werden die Beatles in ihrem New Yorker Hotelzimmer von Bob Dylan besucht. Dabei erklärt der Folksänger den jungen Musikern, wie man einen Joint dreht – es ist der Beginn einer langen Drogenkarriere.

 

16  Der Erfolg der Beatles wird auch im Kino abgeschöpft. So entstehen die charmanten Slapstick-Komödien „A Hard Day’s Night“ (1964) und „Help!“ (1965). Letztere soll eigentlich „Eight Arms To Hold You“, zu Deutsch „Acht Arme halten dich fest“, heißen – bis jemand zufällig an Spinnen denkt.

 

17  Für den Soundtrack zum Film „Help!“ („Hi-Hi-Hilfe!“) schreibt Paul McCartney das unsterbliche „Yesterday“. Verwundert spielt er die Melodie seinen Freunden vor und fragt: „Hat das schon jemand geschrieben, oder ist das wirklich von mir?“ Er gilt heute als der meistgecoverte Song aller Zeiten.

 

18  Am 15. August 1965 spielen die Beatles im Shea Stadium von New York vor 55.000 Zuschauern. Es ist das bis dahin größte Konzert aller Zeiten und das erste weltweit in einem offenen Stadion. Leider ist wegen der ausufernden Beatlemania kaum etwas zu hören.

 

19  Die Beatlemania schwappt über den Eisernen Vorhang, wo sie den Apparatschiks Sorgen bereitet. Walter Ulbricht: „Ich denke, Genossen, mit der Monotonie des Je-je-je und wie das alles heißt, sollte man doch Schluss machen!“

 

20  Im Dezember 1965 veröffentlichen die Beatles mit „Rubber Soul“ das erste Album, das eine Entwicklung weg vom Beat signalisiert. George Harrison spielt in „Norwegian Wood“ erstmals die Sitar, ein in der Popmusik völlig unbekanntes indisches Saiteninstrument.

 

21  Kleiner Dämpfer für das Erfolgs-Quartett: Alle Singles der Beatles bleiben wochenlang auf Platz 1 der Charts – bis auf „Paperback Writer“ (1966), das schon nach einer Woche abgelöst wird.

 

22 Weil die Beatles während ihrer Welttournee 1966 in Manila eine Einladung der Diktatorengattin Imelda Marcos zum Abendessen ablehnen, kommt es zum Eklat: Die vier Jungs müssen Fausthiebe einstecken und fliehen überstürzt aus dem Land.

 

23  In den USA veröffentlichen die Beach Boys das visionäre Album „Pet Sounds“ (1966) aus der Feder von Brian Wilson. Die Beatles antworten mit dem ähnlich experimentellen und drogeninduzierten „Revolver“. Der Titel der Platte bezieht sich allerdings nicht auf die Waffe, sondern schlicht auf den sich drehenden Plattenteller.

 

24  Der Mann, der das legendäre Collagen- und Zeichnungscover vom Beatles-Album „Revolver“ (1966) gestaltet, ist Klaus Voormann. Der Freund aus alten Hamburger Tagen gilt neben Stuart Sutcliffe und anderen, die sich im Dunstkreis der Band aufhielten, ebenfalls als fünfter Beatle, weil er bei den späteren Soloprojekten der einzelnen Beatles häufig den Bass spielte.

 

25   Unter textlicher Mithilfe des Folksängers Donovan schreibt Paul McCartney 1966 das kinderliedartige „Yellow Submarine“ speziell für den Schlagzeuger Ringo Starr und dessen beschränkte gesangliche Fähigkeiten. Für die Soundeffekte macht John Lennon mit einem Wassereimer und einem Strohhalm Blubbergeräusche.

 

26  „Eleanor Rigby“, ebenfalls auf „Revolver“, ist der erste Popsong, der sich ernsthaft mit einem Thema wie dem Tod auseinandersetzt – ohne Klischees, ohne tröstende Worte. Das Lied geht 1966 auf Platz 1 der Charts. Es gibt erste Promotion-Videos – nichts weniger als die Erfindung des Musikclips.

 

27  In einem Interview über das Christentum spricht John Lennon über dessen Niedergang und sagt: „Wir sind jetzt populärer als Jesus.“ Der Satz erscheint in einem US-Teenie-Magazin – und torpediert die vierte US-Tournee der Band, die 1966 startet.

 

28  Als Reaktion auf Lennons Jesus-Aussage verbrennen religiöse Gruppen öffentlich Beatles-Platten, der Ku-Klux-Klan nagelt ihr Vinyl auf Holzkreuze, in Miami werden Feuerwerkskörper auf die Bühne geworfen. Die Beatles beschließen ihren Abschied von der Bühne.

 

29 Mit „Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band“ erscheint 1967 das erste Konzeptalbum der Musikgeschichte. Das Cover ist eine blumige Collage von insgesamt 70 Prominenten – von Marylin Monroe bis Tony Curtis. Allein die Schauspielerin Shirley McLaine sträubt sich anfangs gegen ihre Darstellung.

 

30 “All You Need Is Love“ (1967) zementiert den Ruf der Beatles als Nummer-1-Band. Für die erste weltweite Live-Sendung versammeln sich zur Song-Premiere Berühmtheiten wie Eric Clapton, Keith Moon von The Who und Mick Jagger im Studio.

 

31 Kritik erntet die Band für den Song „Lucy In The Sky With Diamonds“ (1967), weil er als Anspielung auf die Droge LSD verstanden wird. John Lennon wehrt sich: Der Titel beziehe sich auf ein Bild, das sein Sohn Julian im Kindergarten von einer Freundin namens Lucy gemalt habe.

 

32 Ungeachtet aller Dementis sind die Beatles den Drogen äußerst zugetan, vor allem dem LSD. Paul McCartney sagt rückblickend: „Gras und LSD waren unsere Haupteinflüsse. Anders als bei Alkohol konnten wir damit ernsthaft und konzentriert bis in den frühen Morgen arbeiten.“

 

33 Für die psychedelische Komödie „Magical Mystery Tour“ aus dem Jahr 1967 versucht sich Paul McCartney als Drehbuchautor und Regisseur. Der Film – nicht jedoch die Musik dazu – gilt als erster echter Flop der Beatles. Er wird von der Kritik verrissen und vom Publikum missachtet.

 

34  Der Song „I Am The Walrus“ (1967) vom „Magical Mystery Tour“-Soundtrack ist ein unverhohlener Seitenhieb von John Lennon auf die seiner Meinung nach grundlos verrätselte Lyrik von Bob Dylan: „Ich dachte, wenn der mit Nonsens durchkommt, dann versuche ich das auch mal.“

 

35  Ihren „Frühling der Liebe“ verbringen die Beatles 1968 mit ihren Frauen im indischen Rishikesh bei Maharishi Mahesh Yogi, um an dessen Meditationskursen teilzunehmen. Gerüchte, der Guru habe die mitgereiste Schauspielerin Mia Farrow sexuell belästigt, führen schließlich dazu, dass die Band vorzeitig aus Indien abreist.

 

36   John Lennon schreibt noch im selben Jahr den „Maharishi Song“ (1968) als Reaktion auf den sexuellen Übergriff in Indien. Auf Bitten von George Harrison ersetzt er den Titel durch das sinnfreie „Sexy Sadie“, wodurch es in der entsprechenden Songzeile nun heißt: „Sexy Sadie, you made a fool of everyone“.

 

37  Den Sommer des Jahres 1968 verbringen die Beatles in New York, wo sie ihre eigene Plattenfirma namens Apple Corps Ltd. gründen. Zur gleichen Zeit lernt John Lennon die japanische Avantgarde-Künstlerin Yoko Ono kennen, der er völlig verfällt.

 

38  “Wir haben jetzt dieses Ding namens Apple, da wird es um Platten gehen, um Filme, um Elektronik – die ja alle miteinander zusammenhängen“, sagt 1968 nicht etwa Steve Jobs, sondern John Lennon. Der Name des visionären Musiklabors wird zum Zankapfel zwischen den Beatles und Jobs, der seine Computerfirma erst 1976 gründet. Ein jahrzehntelanger Rechtsstreit zwischen Apple und Apple ist die Folge.

 

39  Mit Yoko Ono inszeniert Lennon sein Privatleben als Happening, ganz im Sinne der Aktionskunst von Performance und Fluxus. Es gibt „Bed-ins“ für den Frieden und gemeinsame Konzerte als Plastic Ono Band. Ono gewinnt mehr und mehr Einfluss, auch auf die Arbeit der Beatles.

 

40  Anders als Yoko Ono besteht Paul McCartneys Freundin Linda Eastman nicht auf ihrer Anwesenheit im Studio. McCartney aber will nach dem Tod von Brian Epstein das Management an Lindas Vater, einen Anwalt, übertragen. Die Spannungen nehmen zu.

 

41 Als Reaktion auf die Wucht von The Who nehmen die Beatles mit „Helter Skelter“ den vielleicht ersten Song auf, der Heavy Metal zugerechnet werden kann. Der Titel („Holterdiepolter“) bezieht sich auf eine Kirmes-Attraktion.

 

42  In Kalifornien interpretiert der irre Sektenführer Charles Manson „Helter Skelter“ als satanische Handlungsanweisung. Die in seinem Auftrag durchgeführten Morde in der High Society von Los Angeles gelten als Ende der Unschuld der Hippie-Ära.

 

43  1969 kommt die Mutter aller Verschwörungstheorien auf: Paul McCartney sei gestorben und durch ein Double ersetzt worden. Eines von vielen „Indizien“ für die kruden „Paul is dead“-Theorien: Auf dem Cover von „Abbey Road“ ist allein Paul barfuß zu sehen.

 

44  Nach dem ausufernden „White Album“ (1968) wollen die Beatles unter dem Motto „Get Back“ zurück zu ihren musikalischen Wurzeln. Gleichzeitig erscheint mit „Abbey Road“ 1969 ein würdiger Abgesang mit einer würdigen Schlusszeile: „And in the end the love you take is equal to the love you make.“

 

45  Für die Aufnahmen seiner Gitarrenspuren im Song „Here Comes The Sun“ (1969) zieht sich Harrison auf die Toilette der „Abbey Road“-Studios zurück – die Kacheln dort gewährleisten die angestrebte äußerst luftige Akustik.

 

46  Auf dem Dach des Apple-Gebäudes in London spielen die Beatles am 30. Januar 1969 ihr letztes Konzert. John Lennon gibt nach 42 Minuten eine letzte Kostprobe als großer Sarkast der Band: „Ich hoffe, wir haben das Vorspielen bestanden.“

 

47  Schon länger kriselt es in der Band, am 10. April 1970 geben die Beatles ihre Trennung bekannt. Auslöser ist letztlich McCartney, der sich von Lennon hintergangen fühlt und daraufhin die Band verlässt: Lennon hatte den Soundtrack zum Dokumentarfilm „Let it Be“ ohne Wissen McCartneys bis zur Unerträglichkeit abmischen lassen.

 

48 Die Musikband, die das Prinzip „Band“ überhaupt erst erfunden hat, ist ab 1970 Geschichte. Gefragt, wer die „größte Band aller Zeiten“ sei, antworten wenige Jahre später Pink Floyd in dem Film „Live in Pompeii“: „Wir sind das.“ Auf Nachfrage, was denn mit den Beatles sei, fügen sie hinzu: „Ach, reden wir über Gott?“

 

49  Der Tod ereilt John Lennon 1980 durch die Kugel eines verwirrten Fans, George Harrison stirbt 2001 an Krebs – was den Folkmusiker Devendra Banhart zu dem Song „The Beatles“ inspiriert: „Paul McCartney and Ringo Starr are the only Beatles in the world.“

 

50  Die Beatlemania geht vorerst weiter – und kehrt in die Heimatstadt der Fab Four zurück. Liverpool feiert in diesem Jahr den runden Geburtstag seiner berühmtesten Söhne: ob auf der „Internationalen Beatles-Woche“ oder am „Love Me Do“-Wochenende. In diesem Sinne: Let it Beat!

 

ARNO FRANK FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

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Kategorien: Oktober 2012