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GOLDMAN SACHS – EINE BANK LENKT DIE WELT

ARTE France

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Viele nennen sie nur „Die Firma“, eine Spinne, der selbst Regierungen ins Netz gehen: die Bank Goldman Sachs. Seit Marcus Goldman sie 1869 in New York gründete, ist viel passiert mit dem Haus, das für Qualitätsprodukte und Teamarbeit stand. 1999 ging Goldman Sachs an die Börse; die Bank, deren Kunden Unternehmen und Regierungen sind, wurde laut Marc Roche vom „puritanischen Unternehmen zum Kasino“. Der Großbritannien-Korrespondent von „Le Monde“ und Autor des ARTE-Dokumentarfilms „Goldman Sachs – Eine Bank lenkt die Welt“ im Interview über einen der umstrittensten Protagonisten der Eurokrise.

 

ARTE: Wie muss man sich den typischen Goldman-Sachs-Banker vorstellen?
MARC ROCHE: Nach brillantem Studium fängt er sehr jung an und schließt einen faustischen Pakt mit der Firma: Er opfert sein Privatleben und manchmal seine Gesundheit in der Hoffnung, Gesellschafter und vielleicht Milliardär zu werden. Es folgen endlose Arbeitstage ohne Wochenenden und Ferien, gigantischer Druck, bedingungslose Einordnung ins Team, absolute Diskretion. Alle zwei Jahre werden die 200 Besten zu Gesellschaftern. Das bleiben sie acht bis zehn Jahre, dann verlassen sie die Firma, um Hedgefonds zu gründen, einer Universität vorzustehen oder in die Politik zu gehen.

 

„Die Banker von Goldman Sachs schließen einen faustischen Pakt: Sie opfern ihr Privatleben und Gesundheit, um Gesellschafter oder Milliardär zu werden.“

 

ARTE: Extreme Formatierung – zu welchem Preis?
MARC ROCHE: Von außen gesehen werden sie zu einer gesichtslosen, arroganten, unbesiegbaren Armee.

ARTE: Klingt fast nach einer Sekte …
MARC ROCHE: Nein, Goldman Sachs ist eine renommierte, börsennotierte Bank. Ich habe nie den Verschwörungstheorien Glauben geschenkt, denen zufolge Goldman Sachs die Weltherrschaft will. Es ist einfach eine Bank, das ist alles.

ARTE: Aber Goldman floriert auch dank eines mächtigen Netzwerks aus politischen Entscheidungsträgern, das es sich aufgebaut hat …
MARC ROCHE: Richtig. In den USA und Europa hat Goldman Sachs eine wichtige Rolle bei der Lockerung der Finanzregulierung gespielt. Robert Rubin, ehemaliger Vizepräsident von Goldman, führte dort das Trading ein, also den kurzfristigen An- und Verkauf von Wertpapieren, und wurde dann Finanzminister in der Regierung Clinton. In dieser Funktion trug er maßgeblich zur Finanzderegulierung bei, die die großen Banken kontrollierte. Unter Bush wurde Henry Paulson, ein weiterer Ex-Präsident von Goldman Sachs, Finanzminister. Während der Krise 2008 rettete er den Versicherungskonzern AIG, an dem Goldman beteiligt war, ließ aber Lehman Brothers fallen – den langjährigen Rivalen von Goldman. Heute sitzen zahlreiche „Goldmänner“ in der Regierung Obama.

ARTE: Wie ist das in Europa?
MARC ROCHE: Goldman Sachs konzentriert sich auf die EU-Kommission. Zu den Beratern der Bank zählen ehemalige EU-Kommissare wie Peter Sutherland in London, Otmar Issing in Deutschland, Mario Monti und Ex-Kommissionspräsident Romano Prodi in Italien, aber auch Politiker wie Tony Blair, Gerhard Schröder und Dominique Strauss-Kahn.

ARTE: Mario Draghi ist nun an der Spitze der Europäischen Zentralbank, Mario Monti Nachfolger Berlusconis in Italien: Wird die Politik bereits von Banken unterwandert?
MARC ROCHE: Für Goldman war das schlechte Presse, denn dadurch wurde die Polemik über die Einflussnetzwerke der Banken neu angefacht. Nicht, dass Lloyd Blankfein, der aktuelle CEO von Goldman Sachs, diese Leute direkt anrufen würde – nie im Leben. Aber wenn man die Ethik-Frage stellt, weigern sich diese Leute zu erklären, was sie bei Goldman Sachs konkret gemacht haben.

ARTE: Können Banken unter diesen Prämissen überhaupt politisch reguliert werden?
MARC ROCHE: Hoffnungsträger sind nur noch die Aktionäre der Banken. Solange die Pensionsfonds, die Versicherungskassen und die souveränen Vermögensfonds ihre Dividenden bekamen, waren alle froh. Seit Ausbruch der Krise sind die Banken nicht mehr sehr rentabel. Vielleicht machen ja die Aktionäre Druck auf die Banken und bremsen sie.

ARTE: Produkte wie „Abacus“ stehen für die Skrupellosigkeit von Banken – was genau ist das?
MARC ROCHE: „Abacus“ ist ein Produkt, das die kleinen Genies von Goldman Sachs wie Fabrice Tourre erfunden haben. Der Trick dabei ist, toxische Immobilienprodukte zu zerstückeln und sehr teuer weiterzuverkaufen. Dabei schlug Goldman doppelt Gewinn heraus: Einerseits verkaufte die Bank wertlose Produkte an Ahnungslose wie die regionale Bank IKB in Deutschland, die insolvent wurde und vom Steuerzahler gerettet werden musste; andererseits spekulierte sie diese Produkte herunter und handelte so gegen den eigenen Grundsatz, dem Kundenwohl zu dienen. Deshalb musste die Bank 500 Millionen Dollar Strafgeld zahlen, was gerade mal dem Gewinn eines Trading-Tages entspricht.

ARTE: Auch an der derzeitigen Griechenland-Krise ist Goldman Sachs nicht ganz unschuldig …
MARC ROCHE: Was Goldman Sachs in Griechenland gemacht hat, gleicht kreativer Buchhaltung, aber das ist nicht verboten. Die Bank hat der griechischen Regierung 2010 ein Finanzprodukt angeboten, eine Art Darlehen, um das Haushaltsdefizit zu kaschieren. Das kam Griechenland teuer zu stehen, denn es hatte auf einmal riesige Schulden bei der Bank. Vor allem aber hat Goldman Sachs Griechenland dabei geholfen, das Vertrauen seiner europäischen Partner zu missbrauchen.

ARTE: Wird es eines Tages ein internationales Finanzgericht geben?
MARC ROCHE: Das ist eher unwahrscheinlich. Bisher wurde noch nie ein Banker strafrechtlich belangt, auch nicht bei nachweislichem Betrug. Die Justiz ist der Komplexität dieses Gewerbes nicht gewachsen. Die Beamten in den Regulierungsbehörden sind nicht gut genug ausgebildet und hinken immer den neuesten Entwicklungen hinterher. Außerdem steht hier so viel auf dem Spiel, dass jedes Land für sich kämpft: ob Großbritannien für die Londoner City, die USA für die Wall Street oder China für die Sonderverwaltungszone Hongkong.

ARTE: Also gilt für immer die völlige Straflosigkeit?
MARC ROCHE: Trotz der Verstärkung der Anti-Spekulationsgesetze stehen die Banker nach eigenem Gefühl über dem Gesetz. Sie haben ihre soziale Aufgabe vergessen. Goldman Sachs verteidigt sich, indem sie sagt, sie spende Millionen für gute Zwecke, zum Beispiel für AIDS-kranke Kinder in Afrika. Gleichzeitig spekulieren Trader derselben Bank mit Rohstoffen der Entwicklungsländer und treiben diese in den Ruin. Damit tragen sie indirekt die Verantwortung für deren Wirtschaftslage.

ARTE: Glauben Sie an eine Selbstregulierung der Finanzwelt?
MARC ROCHE: Früher habe ich daran geglaubt. Ich lebe seit 30 Jahren in London, habe die Deregulierung der City beobachtet. Viele meiner Freunde waren Banker, oft wunderbare Menschen. Aber die Banker rücken immer mehr von ihrem Kerngeschäft ab: gute Verwaltung von Sparguthaben, Förderung des Wirtschaftswachstums und gleichzeitig ordentliche Vergütung der Aktionäre. 2008 habe ich wie alle anderen die Welt der Subprimes entdeckt, also das Geschäft mit Hypothekenkrediten mit geringer Bonität. Da habe ich das andere Gesicht der Finanzwelt gesehen: Sie gleicht Frankensteins Monster, das seinen Schöpfer verschlingt.

ARTE: Machen Sie sich nach Ihrer Recherche mehr Sorgen um die Macht der Banken als vorher?
MARC ROCHE: Es gibt derzeit keine Regierung, die in der Lage wäre, die Finanzwelt im Zaum zu halten. Die Lage ist heute problematischer denn je, weil die Banken bei schlechter Wirtschaftslage stärker denn je sind. Sie halten verschuldete Regierungen in Geiselhaft und erpressen sie mit der Drohung, in Steueroasen abzuwandern. Selbst die Presse steckt oft mit der Finanzwelt unter einer Decke, NGOs äußern sich selten – es gibt keine Gegenmacht.

ARTE: Was also tun?
MARC ROCHE: Sparpolitik alleine reicht nicht, es bedarf stärkerer Regulierungsbehörden mit besser ausgebildetem Personal, das bei Interessenkonflikten zwischen Politikern und Banken hart durchgreift. Vergütungen sollten schärfer kontrolliert werden, um kriminelle Transaktionen zu minimieren. Der Schwerpunkt muss jetzt von den Finanzen auf eine Industriepolitik verlagert werden, die klein- und mittelständische Unternehmen, Technologie, Forschung und Entwicklung fördert. Banker und Industrielle müssen ihre Steuern zahlen. Und wenn die Banken damit drohen, abzuwandern, wenn sie Steuern zahlen müssen – na, dann sollen sie eben gehen!

 

INTERVIEW: PIERRE-OLIVIER FRANÇOIS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE Interview

Marc Roche

Seit 1985 lebt der 61-jährige Marc Roche in London, wo er Großbritannien-Korrespondent für die französische Tageszeitung „Le Monde“ ist. 2011 erschien sein investigatives Buch „La Banque“ über Goldman Sachs auf Französisch

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zum Weiterlesen

Hans-Olaf Henkel: „Rettet unser Geld: Wie der Euro-Betrug unseren Wohlstand gefährdet“ (Heyne 2012); Loretta Napoleoni: „Der Flächenbrand der Empörung: Wie die Finanzkrise unsere Demokratien revolutioniert“ (Riemann Verlag 2012); Andrew Ross Sorkin: „Die Unfehlbaren: Wie Banker und Politiker nach der Lehman-Pleite darum kämpfen, das Finanzsystem zu retten – und sich selbst“ (Goldmann 2012); Susanne Schmidt: „Das Gesetz der Krise: Wie Banker die Politik regieren“
(Droemer 2012)

(Auswahl)

Kategorien: September 2012