DER BERG RUFT

ARTE/Kristin Bartholmess

ARTE/Kristin Bartholmess

Aus dem Hubschrauber gefilmt, 600 Meter über den Gipfeln, führen die Panoramafahrten der Helikopterkamera kilometerweit über jahrtausendalte Gletscher, weiße Gipfel und satte Almwiesen – ein exklusiver Blick, der, ähnlich, sonst nur Bergsteigern vorbehalten ist. Die Dokureihe „Die Alpen von oben“ zeigt den gesamten Alpenraum aus der Vogelperspektive – von den slowenischen Karawanken bis zu den Seealpen Südfrankreichs – gestochen scharf und wackelfrei. Das Ausmaß ist beeindruckend: Über 1.200 Kilometer und sieben Länder ziehen sich die Alpen wie ein Band über die Landkarte Europas. Über sie hinwegzufliegen, ist wie ein Kunstwerk aus bizarren Landschaftsformationen anzuschauen. Doch erst die Bewohner der Alpen machen die Landschaft zu einer der bedeutendsten Kulturregionen Europas. Die Reihe porträtiert nicht nur die spektakuläre Landschaft, sondern auch ihre Bewohner.

 

In einem Ritt über die Dreitausender. Auf seiner dritten Etappe in den Nordalpen in Österreich landet der Helikopter in der majestätischen Bergwelt der Hohen Tauern, in denen mittendrin – an der Grenze zu Osttirol – der Großglockner thront. Mit seinen 3.797 Metern ist er der höchste Berg des Landes. Nicht weit von ihm entfernt reitet Toni Sauper mit seinen Haflingern bis auf eine Höhe von 3.000 Metern durch das Gebirge. Den breitrandigen Cowboyhut hat er tief ins Gesicht gezogen, seine stilechten „Chaps“, die ledernen Beinkleider ohne Gesäß, trägt er zum Schutz über der Hose. Seine wetterfeste hochfunktionale Goretex-Jacke hingegen räumt auf mit den Klischees und macht deutlich, dass es sich hier nicht um einen Touristengag handelt. Jährlich führt der „Alpencowboy“ Hunderte Interessierte auf dem Rücken seiner zwölf gebirgserprobten Haflinger durch das steinige und schroffe Gelände der Hohen Tauern – der mächtigsten Gebirgskette der Ostalpen und eines der größten Naturschutzgebiete Europas.

 

Hightech in den Bergen. So wie Toni Sauper aus Großkirchheim in den Hohen Tauern porträtiert die 15-teilige Dokureihe „Die Alpen von oben“ 150 weitere Personen, deren Berufe und Leidenschaften von der Region geprägt sind. „Sie sind das Gesicht der Alpen“, sagt Produzent Peter Bardehle. Nach der Produktion von „Deutschlands Küsten“ für ARTE im Jahr 2010 hat er die Alpen für sich entdeckt: „Die Dreidimensionalität in den Bergen ist wie geschaffen für unsere Reihe. Erst so kommt die wahre Bildkraft der Helikopterkamera wirklich zur Geltung.“ Die Cineflex-Kamera, anfangs von der CIA für Spionage und Beobachtungsflüge entwickelt, schafft es, aus einem Kilometer Höhe scharfe Nahaufnahmen zu filmen, was besonders in geschützten Gebieten wie dem Nationalpark seltene Bilder ermöglicht. Trotz ihrer 80 Kilogramm und obwohl sie an nur einer einzigen faustgroßen Schraube befestigt ist, bleibt die Kamera für die spektakulären Aufnahmen vollkommen beweglich: „Die Cineflex ermöglicht uns, die Landschaft wie ein Kunstwerk einzufangen und Bilder zu zeigen, die man so noch nicht gesehen hat – wie zum Beispiel die Eigernordwand in einem 360-Grad-Schuss, ungeschnitten“, erzählt Peter Bardehle begeistert. Diese Luftaufnahmen, verbunden mit persönlichen Geschichten der Bewohner, sind das lebendige Porträt einer Gegend, die die meisten nur als Urlaubsregion kennen.

Touristen gibt es hier in den Alpen schon lange: In den Hohen Tauern vervollständigte der Bau der Großglockner-Hochalpenstraße in den 1930er Jahren die touristische Erschließung. Mit einer Länge von circa 48 Kilometern windet sich die Serpentinenstraße durch die Hohen Tauern und führt jeden Besucher ohne jegliche körperliche Anstrengung bis auf eine Höhe von über 2.000 Metern. Die Passstraße folgt alten Pfaden, die bereits Kelten und römische Soldaten nutzten. Erstere waren es auch, die der Gegend ihren Namen gaben: Das keltische Wort „Thauern“ steht in seiner ursprünglichen Bedeutung für einen „Übergang im Gebirge“. Später fanden erste venezianische Händler und Bischöfe aus Salzburg den Weg über die Alpen, bis sich im Mittelalter ein regelrechter Speditionsbetrieb auf diesen Pfaden herausbildete.

 

Mit Wein im Gepäck über die Alpen. Toni Sauper kennt diese Geschichten in- und auswendig. Schon als kleiner Junge erzählte ihm sein Vater von den sogenannten Säumern. Auf ihren behäbigen Pferden brachten sie zwischen dem 12. und 18. Jahrhundert Salz, Pelze, Leder oder Metalle über die Hohen Tauern von Salzburg nach Italien, um mit Wein, Seide, Samt, Öl und Neuigkeiten wieder heimzukehren.

Ihren Namen verdanken sie dem „Saum“, einem veralteten Maß, das die Last beschrieb, die ein Pferd oder Mensch befördern konnte. Ein Ross-Saum betrug ganze 168 Kilogramm, während ein Mensch schon mit 60 Kilogramm gut ausgelastet war. 1989 war es das Buchprojekt des Vaters Hubert Sauper über die Geschichte des Saumhandels, das Tonis Interesse am Leben der Säumer endgültig weckte: „Ausgestattet mit der Originalausrüstung und unseren Pferden haben wir den Säumerhandel über die Tauern nachgestellt und sind auf der alten Handelsroute von Simona in Italien bis nach Salzburg – mit Wein im Gepäck – über die Alpen geritten. Unser Projekt hat viele Leute begeistert“, erinnert sich Toni. Und so hat er mit dem Säumen sein neues Metier gefunden – das Alpinreiten, die Königsklasse des Wanderreitens.

 

„Jede Veränderung der Landschaft kann auf dem Rücken der Pferde minutiös nachempfunden werden und macht eine dreitägige Tour zu einer bedächtigen Reise durch verschiedene Erdzeitalter.“

Bis zu sieben Tage ist Toni mit seinen Gästen in den Bergen unterwegs. „Da geht es schon mal über 1.500 Höhenmeter an einem einzigen Tag“, sagt er. Auf die Trittsicherheit seiner Pferde muss da Verlass sein. Jeden seiner Haflinger reitet er selbst ein und testet ihn auf Ausdauer und Belastbarkeit. Den größten Teil der Ausbildung nehmen ihm allerdings die altgedienten Pferde ab. Ein- bis zweimal im Jahr geht es hinauf zur traditionellen Tauernüberquerung über den Hauptkamm von der Alpennordseite auf die -südseite. Die historischen Pfade führen über grüne Almwege, sandige Forste und schroffe, steinige Wanderwege. Das langsame Herantasten an die Natur bringt die Pferde in ein Gelände, in dem man sie normalerweise nicht mehr antrifft. Schnell stockt einem der Atem beim Anblick der tiefen Schluchten am Wegesrand.

Dass er sich manchmal einsam fühlt, gibt Toni Sauper gern zu: „Einsamkeit spüre ich im positiven Sinne, in der Form der Konzentration auf mich selbst und meiner eigenen Zurückgezogenheit. Wenn ich die Millionen Jahre alten Steinhaufen anschaue, die uns hier umgeben, bleibt mir auch nichts anderes übrig.“ Es ist die Art des langsamen Reisens in der Natur, die ihn und seine Gäste wieder zum Ursprünglichen zurückbringt. Jede Veränderung der Landschaft kann auf dem Rücken der Pferde minutiös nachempfunden werden und macht eine dreitägige Tour zu einer bedächtigen Reise durch verschiedene Erdzeitalter.

Bergmensch auf Lebenszeit. Wie viele, die in den Bergen leben, fühlt sich auch der Hochgebirgs-
cowboy eng mit seiner Heimat verbunden: „Ich wurde in die Gegend hineingeboren und setze mich in fast allem, was ich tue – ob als Bergführer, Alpinist oder Wanderreiter –, mit den Bergen auseinander. Das prägt, auf Lebenszeit.“

Das geht den anderen der 150 Alpen-Bewohnern ähnlich. Sei es der Pilot im slowenischen Nationalpark Triglav, der Bergputzer in Salzburg, die Eiskletterin im Lattengebirge, die Glaziologin in den Ötztaler Alpen oder der Paraglider, Bergsteiger oder einfach nur der klassische Schafhirt, sie alle leben wie Toni Sauper in und von den Bergen und vervollständigen das Porträt der Alpen. Und so vielfältig diese auch sind mit den slowenischen Karawanken, den italienischen Dolomiten oder den französischen Seealpen, manchmal bringt einen der Blick aufs Ganze auch einfach an bekannte Orte zurück. Er lässt sie uns mit neuen Augen sehen, wie es dem Produzenten der Reihe selbst widerfahren ist: „Ich habe viel gesehen auf dem Hubschrauberflug, bin begeistert von den spektakulären Gletschern und immensen Gipfeln, doch der Übergang vom Allgäu nach Vorarlberg mit den grünen Almen und grandiosen Felslandschaften gehört ab sofort für mich zu den schönsten Ecken in diesen Bergen.“

 

KRISTIN BARTHOLMEß FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE plus

 

Zum Weiterlesen

Bernd Edmaier/Angelika Jung-Hüttl: „Kunstwerk Alpen“ (Bergverlag Rother 2012); Bernd Ritschl/Tom Dauer: „Wilde Alpen“ (National Geographic 2012); Matevz Lenarcic: „Die Alpen“ (Delius Klasing 2010); Gert Peschek: „Und wieder wartet ein neuer Berg: Mit dem Rucksack über die Alpen. Von München nach Venedig“ (Haag + Herchen 2009)

DVD-Tipp

DVD-Box „Die Alpen von oben“ (ARTE Edition 2012)

Kategorien: September 2012