DAS LÄCHELN DES FRANZÖSISCHEN KINOS

ARTE France

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Sie ist eine der Schauspielerinnen, der man unentwegt ins Gesicht starren möchte, auf der Suche nach den leisen Zeichen, den kleinen Regungen, mit denen sie ihren Ausdruck verändert. Das Geheimnis der charismatischen Sandrine Bonnaire liegt in ihrer feinen Mimik. In ihrem genauen und für die Kinoleinwand so wichtigen Mienenspiel. Sandrine Bonnaire ist nicht nur eine der berühmtesten Schauspielerinnen Frankreichs, sondern auch eine der wandlungsfähigsten. Mutter, Heilige und Hure, Mörderin, Geliebte und Landstreicherin: Es gibt kaum eine Rolle, die sie nicht verkörpert hat.

 

Herb und unergründlich. Als Kind einer Arbeiterfamilie wurde sie 1967 geboren und verbrachte den größten Teil ihrer bescheidenen Kindheit in einem Pariser Vorort. Sie selbst beschreibt sich als „überspanntes und exzentrisches Mädchen“, das alles dafür tat, um aufzufallen – kein Wunder bei zehn Geschwistern, deren Namen selbst die Mutter regelmäßig durcheinanderbrachte. Wie viele junge Mädchen träumte Bonnaire davon, Sängerin oder Tänzerin, vor allem aber berühmt zu werden. Doch vermutlich wäre sie Friseurin oder Zimmermädchen geworden, hätte Maurice Pialat sie nicht eines Tages bei einem Casting, zu dem Bonnaire eine ihrer Schwestern begleitete, entdeckt. Und seit sie 1983, gerade 16-jährig, die Suzanne in seinem Film „Auf das, was wir lieben“ spielte, ist sie aus dem französischen Kino nicht mehr wegzudenken. „Es war eine entscheidende Begegnung“, sagt Bonnaire. Schicksalhaft, milieu- und lebensverändernd.

Die Ernsthaftigkeit und Bedingungslosigkeit, mit der sie in Pialats Film den wilden Kampf eines Vorstadtmädchens gegen Milieu und Familie und für die sexuelle Freiheit verkörperte, sind bis heute ihr Markenzeichen geblieben. Mit ihrem sensatio-nellen Debüt gewann Bonnaire 1984 den französischen Filmpreis César als beste Nachwuchsschauspielerin. Auf die folgende Rolle als Streunerin Mona in Agnès Vardas „Vogelfrei“ habe sie sich nicht einmal vorbereitet: „Ich habe nur umgesetzt, was ich in mir spürte“, sagt Bonnaire. Ungemein authentisch wirkt die von ihr dargestellte Vagabundin, die durch das winterliche Südfrankreich zieht. Vielleicht entsteht der dokumentarische Eindruck des Films dadurch, dass „Vogelfrei“ – nach neun Jahren Kurz- und Dokumentarfilmarbeit – der erste Spielfilm ist, den die Nouvelle-Vague-Regisseurin Varda 1985 realisierte. Sicher liegt dies aber auch an Bonnaires intuitivem Spiel, das die Figur der Mona so rau und unnahbar erscheinen lässt. Beim Filmfestival von Venedig gewann der Film im selben Jahr den Goldenen Löwen. 1986 erhielt Bonnaire ihren zweiten César als beste Hauptdarstellerin – „Vogelfrei“ verhalf ihr zum internationalen Durchbruch.

Ohne je eine Schauspielschule besucht zu haben, wurde Bonnaire zur Ikone des französischen Autorenkinos. Sie drehte mit Claude Chabrol, Claude Sautet, André Téchiné, Jacques Rivette und Patrice Leconte. Herb und unergründlich sind ihre Filmfiguren, verschlossene Frauen, abgründig und schwer zu fassen, so wie im Film „Die Verlobung des Monsieur Hire“, einem 1989 von Patrice Leconte elegisch verfilmten Simenon-Roman. „Junge Mädchen sind manchmal unberechenbar“, sagt Monsieur Hire beim Abendessen zu Alice, seinem Objekt der Begierde. Alice ist das rätselhafte Mädchen von gegenüber. Und tatsächlich bleibt Bonnaires Alice, ihr Spiel mit dem voyeuristischen Unsympathen, dargestellt von Michel Blanc, bis zum Schluss unberechenbar, undurchschaubar. Den gesamten Film über wohnt eine Unbekümmertheit, eine Offenheit in Alices Ausdruck, da entwischt ihr ein verschmitztes Lächeln, sind ihre Grübchen voller Charme, scheint ihre Zuneigung voller Ehrlichkeit. Subtil schürt sie Gefühle und Hoffnungen und bleibt selbst undurchsichtig und trügerisch.

 

Instinkt als Technik. Oft liegt etwas entwaffnend Mädchenhaftes in Bonnaires kantigem Gesicht, etwas Forschendes in ihren dunk-elbraunen, asymmetrischen Augen. Ihre Blicke als „Frau des Leuchtturmwärters“ (2004) erzählen mehr, als das Drehbuch an Text vorgesehen hat. Gefragt, ob sie beim Spiel mehr auf Instinkt oder Technik setze, antwortet sie: „Ich glaube, dass man sich den Instinkt auch erarbeitet. Man darf Instinkt nicht mit einer natürlichen Gabe verwechseln.“ 2007 gibt Sandrine Bonnaire schließlich ihr spektakuläres Regiedebüt mit dem Dokumentarfilm „Ihr Name ist Sabine“, einem zärtlichen und zugleich schonungslosen Porträt ihrer autistischen Schwester. Ihr Melodram „J’enrage de son absence“ feierte im Mai dieses Jahres bei den Filmfestspielen von Cannes Premiere. Bonnaires Arbeit ist angetrieben von dem Wunsch, das Wesentliche zu erfassen. Diese unermüdliche und leidenschaftliche Suche, dieses stete Schürfen verleiht ihren Figuren eine faszinierende Dichte. „Meinen Beruf habe ich durch das Machen gelernt“, sagt sie selbst – und durch eine Menge Talent, möchte man ergänzen.

 

KATRIN ULLMANN FÜR DAS ARTE MAGAZIN

ARTE plus

 

Filmografie

„Die Schachspielerin“ (2009), „Ein schlichtes Herz“ (2008), „Die Frau des Leuchtturmwärters“ (2004), „Biester“ (1995), „Johanna, die Jungfrau“ (1994), „Die Verlobung des Monsieur Hire“ (1989), „Die Sonne Satans“ (1987), „Vogelfrei“ (1985), „Auf das, was wir lieben“ (1983)

(Auswahl)

 

Kategorien: September 2012