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WO SIND DIE REBELLEN?

ARTE

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Eines der jüngsten Beispiele für die rebellische Kraft von Künstlern der populären Musiklandschaft war 2010 das skandalträchtige Fleischkleid von Lady Gaga. Der Popstar trug rohe Schnitzel auf nackter Haut und handelte sich wütende Proteste nicht nur von Tierschützern ein. Ihre Erklärung dafür ist der Aufruf zu mehr Mündigkeit: „Wenn wir nicht bald für das kämpfen, woran wir glauben, werden wir nur noch soviele Rechte haben wie das Fleisch auf unseren Knochen. Und ich bin kein Stück Fleisch.“ Lady Gaga schaffte es, in einer Zeit zu schockieren, in der es keine Tabus mehr zu geben scheint: heute.

 

 

Haben sich die Rebellen totgesiegt? Mit ihrem Bekenntnis zum Obszönen steht Lady Gaga in einer ehrwürdigen Tradition: Als Elvis Presley 1956 in die „Ed Sullivan Show“ eingeladen wird und „Don’t Be Cruel“ anstimmt, zeigt die Kamera vorsichtshalber nur seinen Oberkörper. Irgendwann kreischt das Studiopublikum begeistert auf, doch der Fernsehzuschauer sieht nur Elvis’ wissendes Lächeln – seinen gefährlichen Hüftschwung sieht er nicht. Seitdem ist mehr als ein halbes Jahrhundert sexueller Befreiung vergangen, und als Madonna neulich in Istanbul auf der Bühne mal wieder ihre blanke Brust vorzeigte, ging das Bild zwar erneut um die Welt; die 53-Jährige wurde aber eher mit mitleidigem Spott bedacht: „Lass uns in Ruhe, Madonna!“, flehte da unter anderen die britische Zeitung „The Daily Mail“. Und so ging völlig unter, dass Madonna mit ihrer Provokation auf die Debatte um ein erneutes Abtreibungsverbot in der Türkei angespielt hatte.

Es sieht ganz so aus, als hätten sich die Rebellen totgesiegt. Kein Tabu mehr, das nicht schon längst gebrochen wäre. Nirgendwo lässt sich der Niedergang rebellischer Impulse in der Musik besser beobachten als im Hip-Hop. Ganz am Anfang des Raps, dem sogenannten „CNN der Schwarzen“, also dem alternativen Sprachrohr der schwarzen Minderheit, stand 1974 noch ein Gil Scott-Heron mit seiner wütenden Absage an das Establishment: „The revolution will not be televised“ – die Revolution wird nicht im TV übertragen, sie ist Sache der Subkultur. Heute besteht Hip-Hop aus dem stolzen Herzeigen der Insignien des Establishments: dicke Autos, dicke Klunker, dicke Brüste und zufriedene Rebellen mit Wohlstandsbäuchlein.

 

Gesellschaftlicher Müll wird chic. Ein ähnliches Schicksal ereilte auch die weiße Variante der Kulturrevolte, einst angetreten mit nichts als „drei Akkorden und der Wahrheit“ – dem Credo von Countrylegende Harlan Howard. Kaum eine Jugendbewegung wurde von der Kulturindustrie schneller einverleibt als der Punk. Die Sex Pistols hatten noch „Anarchy in the UK“ gefordert, aber daraus wurde nichts. Statt Anarchie im Vereinigten Königreich gibt es heute Sicherheitsnadeln bei Gaultier, zerschlissene Jeans bei Karstadt und am Kiosk ein Managermagazin namens „Business Punk“. Was sich früher als gesellschaftlicher Müll inszenierte, wird nun als „radical chic“ in die Gesellschaft eingespeist. Die herrschende Ideologie des Spätkapitalismus duldet den Rebellen, weil sie für ihn Verwendung hat – als Ausweis der eigenen Vielfältigkeit.

Oder, wie der französische Philosoph Alain Badiou feststellt: „Überzeugt, den gesamten Bereich des Sichtbaren und des Hörbaren durch die kommerziellen Gesetze der Zirkulation und die demokratischen Gesetze der Kommunikation zu kontrollieren, übt das Imperium keine Zensur mehr aus.“ Verbote sind unnötig in seinem System, das selbst Verbotenes sofort in Ware umwandelt.

 

Wo sind sie also hin, die Rebellen? Gibt es sie noch in der Musik? Angesichts dieses Teufelskreises könnte man aufgeben. Genau das hatte die Hamburger Band Tocotronic im Sinn, als sie 2007 auf ihrem Album „Kapitulation“ sangen: „Lass uns an alle appellieren! Wir müssen kapitulieren!“ Wenn das Rebellische zum Verkaufsargument geworden ist, liegt wahre Subversion in der ironischen Anpassung an herrschende Verhältnisse – oder im vorgreifenden Abgesang, wie ihn 2006 der deutsche Musiker Peter Licht auf seinem Album „Lieder vom Ende des Kapitalismus“ kultiviert hat: „Der Kapitalismus, der alte Schlawiner, ist uns lange genug auf der Tasche gelegen/ Vorbei, vorbei, jetzt isser endlich vorbei.“

 

Auf Wut kommt es nicht an. Womöglich besteht Rebellion heute nicht mehr darin, einen Song gegen die Finanzwelt zu schreiben, sondern zusammen mit Gleichgesinnten ein Zelt vor der Bank aufzuschlagen. Unter dem Motto „reclaim the streets“ („Holt euch die Straße zurück!“) drängt die Occupy-Bewegung mit ihrem sanften Aufstand auf politische Teilhabe. Mit „Asamblea Weltweit“ hat die Bewegung bereits so etwas wie eine inoffizielle Reggae-Hymne, ein weltmusikalisch angehauchtes Ermutigungsstück im Stil eines Manu Chao. Zwar hat der Song den betulichen Flair eines Kirchentagsliedes: „Es interessiert mich, was du fühlst/ Es interessiert mich, was du denkst/ Und es freut mich, wenn du meiner Stimme/ Auch ein offenes Ohr schenkst.“ Aber vielleicht kommt es auf die Wut gar nicht an. Mit diesem modernen Volkslied schließt sich der Kreis zu den klassischen Folk-Protestbarden der 1960er Jahre. Zwar kann Kunst keinen Krieg beenden, aber doch schleichend das Bewusstsein dafür schärfen, dass er falsch ist. Immerhin haben Pop und Politik in der Demokratie gemein, dass beide Mehrheiten organisieren müssen.

 

Rap gegen Diktatoren. In totalitären Systemen erfolgt die Organisation von Pop und oppositioneller Politik vor allem über soziale Netzwerke, Twitter oder Blogs. Sie sind insofern subversiv, als sie das Medienmonopol des Staates unterwandern – wie in Tunesien, wo sich zu Beginn der „Arabellion“ der Hip-Hopper El Général mit einem Rap auf die Seite der Rebellen stellte. Das erschütternde Video beginnt mit einer Archivaufnahme des Diktators Ben Ali, der in einer Schule einen verängstigten, lautlos weinenden Jungen lächelnd fragt: „Was bedrückt dich? Willst du mir etwas sagen? Hab keine Angst!“ Dann setzt der Song zu einer wütenden Klage an, macht sich zum Anwalt des Jungen und aller Unterdrückten: „Mr. President, you told me to speak without fear …“

In Ägypten war es der Popmusiker Ramy Essam, der mit dem Song „Irhal“ („Verschwinde“) auf dem Tahrir-Platz den Rücktritt Mubaraks forderte und damit zum Volkshelden wurde. El Général und Essam bezahlten für ihr Engagement in der harten Währung der Machtpolitik, gegen die sie sich auflehnten: Sie wurden verhaftet oder sogar gefoltert.

Rebellion mit den Mitteln der Popkultur gibt es also noch – immerhin im Süden. Oder im Osten, wo das feministische russische Punk-Kollektiv Pussy Riot seit März 2012 in Untersuchungshaft sitzt. Vor dem Altar einer orthodoxen Kathedrale in Moskau hatten die Frauen ein „Punk-Gebet“ gegen ein System „des Autoritarismus, der Kontrolle und des staatlichen Terrors“ vorgetragen: „Gottesmutter, gesegnete Jungfrau, vertreibe Putin.“ Den Angeklagten wird „Rowdytum“ gegen Kirche und Staat vorgeworfen. Bei Verurteilung drohen sieben Jahre Haft.
Je freier eine Gesellschaft, desto unauffälliger ihre Rebellen. Nie war Nonkonformismus so leicht, nie hatte er eine größere Wirkung. Wer die ihm aufgedrängte Rolle ablehnt, geht als Mitgestalter bestehender Verhältnisse verloren. Kein Fleisch essen, sich dem Sog „sozialer Netzwerke“ entziehen; nicht konsumieren, was alle konsumieren. Wichtig ist die Haltung – unkorrumpierbar, kompromisslos, kampfbereit. Oder, wie Marlon Brando in „The Wild One“ auf die Frage „Johnny, wogegen rebellierst du eigentlich?“ so schön antwortet: „Was hast du anzubieten?“

 

ARNO FRANK FÜR DAS ARTE MAGAZIN

Kategorien: August 2012