WIE SEX DURCH DIE KAMERA

Bert Stern/ARTE

Bert Stern/ARTE

Im April 1962 begann Marilyn Monroe die Dreharbeiten zu „Something’s Got to Give“; im Juni wurde sie gefeuert. Grund: Sie hatte an 17 von 30 Drehtagen gefehlt. Die Schauspielerin konnte das harsche Vorgehen der Produktionsfirma Twentieth Century Fox nicht nachvollziehen, denn sie hatte gute Gründe gehabt: Zuerst eine schwere Viruserkrankung und anschließend hatte sie zur Geburtstagsfeier John F. Kennedys im New Yorker Madison Square Garden gesungen, wofür sie sich beurlauben ließ. Als einer der größten Hollywood-Stars hatte sie mehr Respekt erwartet. Sie war am Boden zerstört und verbrachte einige Tage im Bett, bevor sie zum Gegenschlag ausholte. Dieses Verhalten im Umgang mit Schicksalsschlägen ließ sich bei Marilyn häufig beobachten: erst Depressionen, dann Comeback. Als der bekannte Modefotograf Bert Stern ihr dann anbot, sie für „Vogue“ abzulichten, war sie entzückt. Sie wollte schon immer in der hochkarätigen Modezeitschrift erscheinen.

 

Sie sah aus wie ein Junge. Marilyn Monroes Aufstieg zum Fotomodell und Filmstar zählt zu den großen Erfolgsgeschichten des 20. Jahrhunderts. Am 1. Juni 1926 wurde sie als Norma Jeane Mortenson auf der karitativen Entbindungsstation des Los Angeles County General Hospitals in Armut geboren. Sie wuchs bei elf verschiedenen Pflegefamilien auf. Trotz alledem, und obwohl ihr weder schauspielerisches Talent noch ein schönes Gesicht bescheinigt wurden, träumte Marilyn schon in ihrer Kindheit davon, als Fotomodell und Filmstar berühmt zu werden. Im Alter von zehn Jahren erreichte sie ihre endgültige Körpergröße von 1,66 Metern und sah aus wie ein Junge. Doch dann wendete sich das Blatt für sie zum Guten. Während der Pubertät wurde ihr Gesicht schöner, ihre Figur üppiger. 1944 wurde sie mit 18 Jahren von einem Pin-up-Fotografen entdeckt, als sie in einer Flugzeugfabrik am Fließband arbeitete. Ein Jahr später war sie bereits eines der erfolgreichsten Pin-up-Modelle der Westküste geworden. 1946 nahm Twentieth Century Fox sie als Nachwuchsfilmstar unter Vertrag.

Als erwachsene Frau war Marilyn Monroe äußerst fotogen. Ihre Haut schien auf den Bildern zu leuchten, ihr Körper hatte eine erotische Ausstrahlung und ihr Gesicht war sowohl von klassischer Schönheit als auch niedlich anzusehen. Sie war von Natur aus athletisch und konnte mühelos komplizierte Posen einnehmen. Bei Fotoshootings schien ihre Energie nahezu grenzenlos. Sie hielt ihren Körper durch Jogging und Gewichtheben in Form, besprach mit jedem ihrer Fotografen, was sie noch verbessern konnte, und probierte vor dem Spiegel aus, in welchen Posen sie am vorteilhaftesten aussah. Marilyn erlernte den Umgang mit Make-up und wurde Expertin auf dem Gebiet. Beim Posieren war sie fröhlich und entgegenkommend. Die Pin-up-Fotografen liebten sie.

 

Champagner und Frank Sinatra. Als Bert Stern sie im Juli 1962 fotografierte, hatte Marilyn bislang erst zweimal nackt posiert, einmal 1949 für Tom Kelleys Kalenderfotos und ein zweites Mal im Juni 1962 für Lawrence Schiller, in einer Schwimmbadszene aus „Something’s Got to Give“. Beim Shooting mit Stern ahnte sie von Anfang an, dass er Aktfotos machen wollte. Der Gedanke reizte sie und widerstrebte ihr zugleich. Einerseits wollte sie den schönen Körper präsentieren, den sie mit 36 Jahren immer noch hatte. Tatsächlich war sie seit Jahren nicht mehr so schlank gewesen. Andererseits wollte sie ihr Publikum nicht schockieren. Sie wollte, dass die Fotos geschmackvoll und nicht anzüglich werden. Um sie zu besänftigen, wählte Stern für den Termin eine Suite im vornehmen Bel Air Hotel in Los Angeles und fotografierte ihren Körper hinter durchsichtigen Tüchern, die ihre Nacktheit gleichsam verdeckten und preisgaben.

 

“ Sie war ein wilder Geist, so flüchtig wie Gedanken und so intensiv wie Licht.“

Wie üblich kam sie viel zu spät, fast fünf Stunden. Doch Stern ging gelassen damit um. Er hatte mit Marilyns Verspätung gerechnet und wurde für das Warten königlich belohnt. Während des Shootings trank sie immer wieder Champagner, was zu einer ihrer Angewohnheiten geworden war. Stern behängte die Wände mit weißem Papier, um das Licht ganz auf Marilyn zu fokussieren. Er fand ihr Talent einmalig: „Sie war ein wilder Geist, so flüchtig wie Gedanken und so intensiv wie das Licht, das auf ihr spielte.“ Auf ihrer linken Körperseite hatte eine Gallenblasen-OP eine Narbe hinterlassen, doch Stern retuschierte sie nicht weg. Für ihn war die Narbe „ein Makel, eine Unvollkommenheit, die sie noch verletzlicher wirken ließ und die unglaubliche Geschmeidigkeit ihrer Haut betonte.“ Während des Shootings spielte er Musik von den Everly Brothers und Frank Sinatra, um die Leidenschaft zwischen ihr und ihm zu verstärken. Es war wie Sex durch die Kamera. Marilyn zog sich langsam aus je länger das Shooting voranschritt, bis sie schließlich ihren Körper unter einem Schal und für eine Aufnahme komplett nackt zeigte.

 

Stern sendete die Abzüge des Fotoshootings zu „Vogue“, aber die Redakteure mochten die Nacktheit nicht, ungeachtet ihrer geschmackvollen Natur. Einige Wochen nach dem ersten Termin schickten sie Stern noch einmal ins Bel Air Hotel, um Marilyn erneut zu fotografieren, diesmal hauptsächlich in schwarzen Kleidern, in einem Chinchilla-Mantel oder mit einer schwarzen Jackie-Kennedy-Perücke.

 

Die neue Monroe. Diese Modefotografien zeigten eine neue Seite von Marilyn. Sie war nun in der Welt der Haute Couture angekommen, der sie immer angehören wollte, aber nie Eingang fand, da sie zu klein und üppig war. Am dritten Tag des Shootings machte Stern, in Anwesenheit der „Vogue“-Redakteure, noch mehr Modeaufnahmen; sie zeigen Marilyns Gesicht von oben fotografiert, wie sie mit funkelnden Steinchen im Haar auf einem Bett liegt. Insgesamt dauerte Sterns Shooting mit Marilyn drei Tage lang, er schoss 2.500 Bilder. Die Modeaufnahmen hatten ihm nicht gefallen, aber das war es, was „Vogue“ wollte. Als er Marilyn, die die Veröffentlichungsrechte all ihrer Bilder besaß, die Nacktaufnahmen schickte, übermalte sie die Hälfte mit einem schwarzen Filzstift und zerstörte einige mit einer Büroklammer. Marilyn war eine Perfektionistin, vernichtete oft Abzüge.

Ohne die neue „Vogue“-Chefredakteurin Diana Vreeland wären Sterns Bilder von Marilyn wohl nie veröffentlicht worden. Marilyn starb am 5. August, als gerade eine Auswahl der Modeaufnahmen für die Zeitschrift produziert wurde. Viele Redakteure fanden es geschmacklos, diese nach Marilyns Tod zu veröffentlichen, aber Vreeland bestand darauf, es sei eine Hommage an Marilyn. Vreeland zufolge waren die Fotos „vielleicht die einzigen Bilder einer neuen Marilyn Monroe – eine Monroe, die nach außen hin die Eleganz und den Geschmack zeigte, die sie instinktiv besaß; ein Anzeichen ihrer anmutigen Reife, ein Heraustreten aus der Hülle des Wildfangs zu einer zutiefst schönen, bewegenden jungen Frau.“

Als cleverer Selbstdarsteller fand Stern einen anderen Ort, an dem er einige der erotischen Fotos veröffentlichen konnte. Er überzeugte den Redakteur Ralph Ginzburg, der im selben Jahr das gehobene Erotik-Magazin „Eros“ lanciert hatte, eine Auswahl der Mode- und Nacktaufnahmen zu veröffentlichen. Ginzburg publizierte sogar einige der Bilder, die Marilyn übermalt hatte – ihre Markierungen seien so interessant gewesen. „Eros“ hatte eine so kleine Auflage, dass sich niemand über die Missachtung von Marilyns Willen empörte.

Erst 1982 veröffentlichte Stern eine größere Anzahl der verbotenen Bilder in einem Buch, das er „Marilyn Monroe: The Complete Last Sitting“ nannte – obwohl es streng genommen Allan Grant war, der Marilyn für die Zeitschrift „Life“ als letzter fotografiert hatte. Zu diesem Zeitpunkt war die Nachfrage nach allem, was mit Marilyn zu tun hatte, so groß, dass Sterns Verletzung ihrer Rechte kaum öffentlichen Widerspruch auslöste. Nackte Haut war alltäglich geworden und Marilyns Aktfotografien erschienen nicht mehr unangemessen. In der Tat bilden sie die größte Kollektion von Nacktaufnahmen des berühmtesten Models und Filmstars aller Zeiten.

 

LOIS BANNER FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

ARTE-GASTAUTORIN: LOIS BANNER IST PROFESSORIN FÜR GESCHICHTE UND GENDER STUDIES IN KALIFORNIEN. IM JAHR 2011 ERSCHIEN IHRE MARILYN-BIOGRAFIE „MM“

 

ARTE PLUS

MARILYN UND DIE FOTOGRAFEN

Milton Greene
Der 50er-Jahre-Fotograf und Langzeitfreund gibt Marilyn das Selbstvertrauen,
ihren eigenen Weg zu
gehen. Seine Bilder gehören
mit zu den intimsten

Eve Arnold
Ein Jahrzehnt begleitet die US-Fotografin Marilyn, die sich jahrelang nur von ihr ablichten lässt. Ihre berühmtesten Fotos entstehen beim Dreh des Films „The Misfits – Nicht gesellschaftsfähig“ (1961)

Sam Shaw
Dank seiner Freundschaft zu Marilyn fängt Sam Shaw viele besondere Momente ein, 1954 u.a. das berühm-te Foto mit hochgewirbeltem Kleid über einem
U-Bahn-Schacht

(Auswahl)

 

ARTE PLUS

 

MARILYN MONROE
NORMAN MAILER
BERT STERN

Dieses Buch kombiniert Bert Sterns eindringliche Bilder der 36-jährigen Marilyn aus dem letzten Shooting mit der meisterhaften Schreibe des Schriftstellers Norman Mailer. Dieser hatte 1973 eine Romanbiografie über Marilyn veröffentlicht. Das Buch, das nun Mailer und Stern zusammenführt, erschien im Juli auf Deutsch bei Taschen

 

MARILYN
THE PASSION AND THE PARADOX

Marilyn war, genau wie ihr Schaffen, sehr paradox: Einerseits war sie einer der größten Stars, andererseits eine kindliche Heimatlose; ein respektloses Partygirl mit einer spirituellen Seite; eine naive Blondine und zugleich eine Intellektuelle. Lois Banners zweite Analyse Marilyn Monroes erscheint im August auf Englisch bei Bloomsbury

 

AUSSTELLUNG
„De Norma Jean à Marilyn“
La Galerie de l’Instant
46 rue de Poitou
Paris
14.9. bis 25.11.2012. Mehr Infos unter www.lagaleriedelinstant.com

Kategorien: August 2012