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OPEN OPERA – DIE ANDERE CASTINGSHOW

Lutz Edelhoff

Lutz Edelhoff

Vom Glamour einer Oper ist in dieser Turnhalle noch nichts zu spüren. Weißes Klebeband auf dem Boden lässt die Dimen-sio-nen einer Bühne erkennen, ein Gerüst steht in der Mitte des Raumes, dem gegenüber ein Konzertflügel. Es ist der erste Probentag von „Carmen“ auf der Probebühne in Berlin-Zehlendorf. Hier traf das ARTE Magazin zwei der Gewinner von „Open Opera“: Erica Brookhyser und Christian Schleicher alias Carmen und Don José. Vor dem Beginn der Seefestspiele in Berlin vom 16. August bis 2. September ein Gespräch über Adrenalin, Spießertum und die Oper als Handwerk.

 

ARTE: Frau Brookhyser, Herr Schleicher, bei den Berliner Seefestspielen werden circa 4.000 Zuschauer pro Vorstellung erwartet. Sind Sie nervös?
ERICA BROOKHYSER: Eigentlich nicht. Je mehr, desto besser. Ich bekomme so viel Energie von den Zuschauern. Aber ein bisschen nervös bin ich immer, egal ob zwei oder 10.000 Leute zuschauen.
CHRISTIAN SCHLEICHER: Das geht mir auch so. Die Zuschauer setzen in mir ein unglaubliches Adrenalin frei. Man hofft außerdem immer, neue Leute für das Operngenre begeistern zu können.

ARTE: Warum eignet sich „Carmen“ dafür?
CHRISTIAN SCHLEICHER: „Carmen“ ist eine gute „Anfänger-Oper“. Sie ist unterhaltsam, die Melodien sind weit bekannt und sie endet tragisch, indem Don José Carmen tötet – eben wie in einem guten Film.

ARTE: Sie sind beide etablierte Opernsänger. Was motivierte Sie, bei „Open Opera“ mitzumachen?
ERICA BROOKHYSER: Mir gefällt, dass das Casting eine Mischung aus alter und neuer Kunst ist: Oper und Fernsehen. Es zeigt, dass Sänger zu sein mehr bedeutet, als nur auf der Bühne zu stehen.
CHRISTIAN SCHLEICHER: Mich hat gereizt, dass es so etwas im Opernbereich noch nie gab – im Gegensatz zum Pop. Und dass es von einem seriösen Sender veranstaltet wird.

ARTE: Wie unterscheidet sich „Open Opera“ denn von den vielen anderen Castingshows?
CHRISTIAN SCHLEICHER: Es ging nicht darum, Leute bloßzustellen, sondern um den Kern der Sache: Was mache ich gut, wo kann ich mich verbessern und wie kann ich daran arbeiten.

ARTE: Wie ist das Casting abgelaufen?
CHRISTIAN SCHLEICHER: Es fing an wie ein normales Vorsingen, aber dann haben die Mentoren richtig mit uns gearbeitet. Wir hatten Workshops, beispielsweise in Choreografie, Tanz und Gesang.
ERICA BROOKHYSER: Wir wurden ständig vor laufender Kamera gefragt, wie es uns ging. Alle zwei Stunden ging das so: „Wie fühlst du dich?“ – „Okay, sie lebt noch, der Puls ist noch da.“ (lacht)

ARTE: Was haben Sie von den Mentoren gelernt?
ERICA BROOKHYSER: Einmal haben ein Sänger und ich ein Liebesduett ganz typisch mit einem Kuss am Ende inszeniert. Dann sollten wir es mit einem anderen Hintergedanken spielen: Eigentlich hat Carmen gar kein Interesse an ihm. Ohne Worte veränderte sich das Gefühl für die Szene und somit auch die Inszenierung. Das war ganz neu für mich.
CHRISTIAN SCHLEICHER: Besonders von David Lee Brewer, der selbst ein sehr guter Tenor ist und schon mit Stars wie Beyoncé gearbeitet hat, habe ich gesangstechnisch eine Menge gelernt. Außerdem noch, dass man auf der Bühne nicht alles planen kann, sondern spontan bleiben muss. Das verleiht ein unglaubliches Freiheitsgefühl beim Singen.

ARTE: Die Oper wird von Oscarpreisträger Volker Schlöndorff inszeniert. Was bedeutet Ihnen die Zusammenarbeit mit ihm?
CHRISTIAN SCHLEICHER: Volker Schlöndorff ist eine lebende Legende. Er hat viele tolle, auch kontroverse Sachen gemacht. Mit ihm zuarbeiten wird bestimmt bereichernd sein.

ARTE: Inwiefern ist „Carmen“ heute noch aktuell?
ERICA BROOKHYSER: Es gibt immer Liebe und Neid unter den Menschen – natürlich auch heute noch.
CHRISTIAN SCHLEICHER: Dreiecksgeschichten, Eifersucht, unerfüllte Liebe, Freiheitsdrang … All das existiert nach wie vor. Carmen ist eine gesellschaftlich Ausgestoßene. Sie gehört nicht dazu und ordnet sich nicht den Konventionen unter – da kommt man heute genauso in Schwierigkeiten wie damals.

ARTE: Carmen hat Temperament und kokettiert mit ihrem Äußeren. Sind Sie ihr ähnlich, Frau Brookhyser?
ERICA BROOKHYSER: Ja, ich habe auch Temperament! Und wie Carmen liebe ich meine Freiheit.

ARTE: Und Don José ist …
CHRISTIAN SCHLEICHER: … ein Spießer.
ERICA BROOKHYSER: Oder er versucht, ein Spießer zu sein, hat aber eine ganz dunkle Seite!
CHRISTIAN SCHLEICHER: Er versucht, der gute Junge zu sein, aber das geht schief. Das kann ich gut nachvollziehen. Man versucht das Richtige zu tun, aber dann kommt es anders.

ARTE: Bringt eine Castingshow wie „Open Opera“ einem breiten Publikum Opernmusik näher?
ERICA BROOKHYSER: „Open Opera“ zeigt keine Opernstars, sondern junge Leute mit einem Ziel. Dadurch können sich die Zuschauer mit uns identifizieren – und auch mit unserer Musik.
CHRISTIAN SCHLEICHER: Die Leute sehen, dass wir auch nur mit Wasser kochen. Opernsänger zu sein ist nicht glamourös, sondern ein Handwerk. „Open Opera“ gibt einen Einblick in dieses Handwerk. Und wenn Carmen mit der Habañera loslegt, geht das einfach unter die Haut.

 

INTERVIEW: LYDIA EVERS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

ARTE INTERVIEW

 

CHRISTIAN SCHLEICHER & ERICA BROOKHYSER

Christian Schleicher und Erica Brookhyser sind zwei der Gewinner von „Open Opera“. Bei den diesjährigen Seefestspielen in Berlin singen sie die Rollen von Don José und Carmen.

 

Kategorien: August 2012