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JOSEF HADER: ICH BIN GAR NICHT SO SCHLIMM

Petro Domenigg/filmstills.at/Majestic

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Café Ringelnatz in München, Mittagszeit: Josef Hader, Jahrgang 1962, große Brille, das graue Hemd besser gebügelt als das Gesicht, sitzt in einem Nebenzimmer. Am Abend vorher hat er sein Kabarettprogramm „Hader muss weg“ gegeben, eine schwarzhumorige Menschenstudie, in der er sieben verkrachte Charaktere spielt, von denen am Ende drei tot sind. Und weil es danach spät geworden ist, rührt Hader noch etwas angeschlagen in seinem Cappuccino. Dabei erinnert er ein wenig an den Brenner, seine chronisch beleidigte Kultfigur aus der Filmreihe nach den Wolf-Haas-Krimis. Das ARTE Magazin hat den Österreicher getroffen, der in „Der Knochenmann“ bereits zum dritten Mal als Kommissar Brenner durch die Lande zieht.

 

ARTE:Herr Hader, ist der Kosmos, in dem der Krimi „Der Knochenmann“ spielt, typisch österreichische Provinz oder nur Provinz?
JOSEF HADER: Im Prinzip ist Provinz überall gleich. Man kann eine Geschichte, die in Paris spielt, nur ganz schlecht nach Wien transferieren. Aber eine Geschichte, die in der französischen Provinz spielt, in ein fränkisches Dorf zu übertragen, ist gar nicht so schwer. Provinz ist viel internationaler als Stadt.

ARTE: Wo ist Kommissar Brenner zu Hause?
JOSEF HADER: Der Brenner hat keine Heimat. Er zieht rum. Und er kultiviert das wahrscheinlich auch. Er hat in seiner Kindheit ein paar Western zu viel gesehen und daraus irrtümlich seinen Lebensentwurf abgeleitet. Aber er denkt nicht daran, dass das Rumziehen vom Alter her irgendwann gehörig auf die Gesundheit geht. Wahrscheinlich hat er auch keine Krankenversicherung.

ARTE: Ein klarer Unterschied zu Josef Hader, bekennender Hypochonder …
JOSEF HADER: Eigentlich bin ich gar nicht so schlimm. Für einen echten Hypochonder habe ich vergleichsweise wenig zu bieten. Aber ich bin auch kein Indianer, der sich die Schmerzen verbeißt. Und wenn ich zum Arzt gehe, lese ich medizinische Fachbücher und sage ihm, was ich habe (lacht).

ARTE: Was für ein Ermittlertyp ist der Brenner?
JOSEF HADER: Als ich noch nicht wusste, wie ich die Rolle anlegen soll, sind mir zwei Vorbilder eingefallen: Gene Hackman in „French Connection“, dieser unkorrekte, jähzornige, sehr schnell beleidigte Ermittler. Und Lino Ventura als muffiger Pariser Kriminalkommissar. Von den beiden habe ich mir sicher etwas mitgenommen für den Brenner – aber der ist ja das absolute Gegenteil von jedem Ermittler, er lässt die Dinge so auf sich zukommen.

ARTE: In den Romanen von Wolf Haas hat der Brenner zumindest so etwas wie Intuition …
JOSEF HADER: Das machen wir in den Filmen nicht, weil es komischer ist, wenn der Zuschauer immer mehr weiß als der Brenner.

ARTE: Für „Der Knochenmann“ haben Sie bereits zum dritten Mal mit Wolfgang Murnberger und Wolf Haas zusammengearbeitet. Wie setzen Sie den sehr eigenen Ton der Romane von Wolf Haas um?
JOSEF HADER: Was Wolf Haas macht, ist germanistisch ja eigentlich nicht in Ordnung. Wenn das ein Schulaufsatz wäre, würde man sagen: „Hier fehlt ein Satzteil, da das Prädikat, und das ist umgangssprachlich.“ Dieses Erzählen ist im Film leider nicht möglich, deshalb versucht Regisseur Wolfgang Murnberger, den Stil von Wolf Haas in Bilder umzusetzen. Viele Szenen sind bewusst so gefilmt, wie man es genau nicht täte, wenn man einen ordentlichen Film machen wollte. Es würde zum Beispiel viel mehr Licht durch die Fenster hereinfallen und interessante Schatten auf die Schauspieler werfen.

ARTE: Sie werden oft mit der Figur des Brenner gleichgesetzt. Wie gut kennen Sie diesen verschrobenen Privatdetektiv selbst?
JOSEF HADER: Ich kenne den Brenner schon ganz gut. Aber auch nicht so gut. Immer wenn ich ihn nach ein paar Jahren wieder treffe, hat er sich ein bisschen verändert und entwickelt – wahrscheinlich nicht unbedingt zum Besseren.

ARTE: Sondern?
JOSEF HADER: Man muss damit rechnen, dass Kommissar Brenner im Laufe der Jahre immer weiter hinunterrasselt. Wie das bei einsamen älteren Männern ohne Familie allgemein der Fall ist. Außer sie werden Papst. Aber der Brenner hat auch keine beruflichen Erfolge vorzuweisen.

ARTE: Mögen Sie Kommissar Brenner denn?
JOSEF HADER: Ich mag den Brenner schon. Aber eigentlich ist er mir zu undurchschaubar und vor allem zu unfreundlich. Ich mag keine unfreundlichen Leute. Ich spiele sie nur gerne.

ARTE: Im Film „Der Knochenmann“ zeigt der Brenner zum ersten Mal Gefühle – er verliebt sich sogar in eine Köchin, gespielt von Birgit Minichmayr …
JOSEF HADER: Wir haben die Liebe dazu genommen, weil sie im Film so ein starkes Motiv ist. Die Leute morden aus Liebe. Also haben wir beim Drehbuch-Schreiben entschieden, den Brenner auch nicht ganz ungeschoren davonkommen zu lassen.

ARTE: Also weg von der Milieustudie der ersten beiden Brenner-Filme „Komm süßer Tod“ und „Silentium“ hin zu richtigen Charakteren?
JOSEF HADER: Genau, „Der Knochenmann“ spielt fast nur noch auf der persönlichen Ebene. Alles, was passiert, passiert, weil einzelne Menschen etwas bestimmtes wollen. Es geht nicht mehr, wie in den ersten beiden Teilen, um Organisationen wie die Katholische Kirche oder einen Rettungsbund.

ARTE: „Der Knochenmann“ wurde mit echten Tierkadavern gedreht. Sind Sie nach den Dreharbeiten Vegetarier geworden?
JOSEF HADER: Nein, nein. Für Schauspieler stellt sich das ja nicht so dar wie für den Zuschauer. Für Szenen mit Fleisch gilt dasselbe wie für Grusel- oder Sexszenen: Sie reduzieren sich beim Dreh auf rein technische Probleme. Für die Atmosphäre war es aber sehr hilfreich, dass der Keller, in dem die Tierhälften hingen, nicht gekühlt werden konnte. Das Fleisch fing schnell an zu riechen, und im Budget war nicht vorgesehen, die Kadaver auszutauschen. Derartiges kommt beim österreichischen Film gerne vor. Erinnern Sie sich an die Szene in „Silentium“, wo der Brenner eine Treppe hinunterstürzt?

ARTE: Die Szene mit dem riesigen Holzkreuz?
JOSEF HADER: Ja, jeder ist davon ausgegangen, dass es für den Stuntman ein extra Kreuz aus leichtem Balsaholz gibt. Aber der arme Kerl musste sich mit dem schweren Original die Treppe runterstürzen.

ARTE: Ist das Morbide denn auch österreichisch oder nur wienerisch?
JOSEF HADER: Das Morbide ist etwas allgemein Menschliches. Für Wien würde ich die These aufstellen, dass es mit dem jüdischen Humor zu tun hat, der geschichtlich bedingt notgedrungen nur ein schwarzer sein kann.

ARTE: Der österreichische Kabarettist Georg Kreisler hat einmal gesagt, immer, wenn er nach Wien komme, fielen ihm die schaurigsten Dinge ein …
JOSEF HADER: Ich schätze, Kreisler kannte in Wien die meisten Menschen, die er gehasst hat, und die auch ihn gehasst haben. In der Stadt, aus der man stammt, kennt man einfach alle Arschlöcher.

ARTE: Gibt es denn heute überhaupt noch diese absoluten Hassfiguren oder sind ideologische Grabenkämpfe nicht mehr so wichtig?
JOSEF HADER: Ich war hier in München gerade auf der Leopoldstraße in einem Café, in dem eine vermutlich 23-jährige Kellnerin eine Bettlerin verjagt hat. Falls Sie Bedarf an Gegenwartsideolo-gie haben, müssen Sie nur dort hingehen (lacht). Und wir in Österreich erleben das ja ohnehin an-ders: Da gibt es noch klare Fronten und echte be-kennende Rechtspopulisten. Bei uns in Österreich ist die Ideologie noch ordentlich organisiert. So wie in der Ukraine. Oder in Ungarn. Wir gehören zu Osteuropa.

 

INTERVIEW: JAKOB BIAZZA FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

ARTE PLUS

 

JOSEF HADER

Josef Hader wurde 1962 in Oberösterreich geboren; bis 1985 Lehramtsstudium; erstes Kabarettprogramm 1982; Deutscher Kleinkunstpreis 1990; Mit Alfred Dorfer schreibt er das satirische Stück „Indien“; ab 1994 erfolgreiche Deutschlandtour mit Soloprogramm „Privat“; Drehbuch-Mitarbeit und Hauptrolle in den Verfilmungen der Krimis von Wolf Haas; 2009 Deutscher Filmpreis; 2010 Grimme-Preis; 2011 Bayerischer Kabarettpreis

 

FILMOGRAFIE

„Wie man leben soll“ (2011);

„Aufschneider“ (2010);

„Der Knochenmann“ (2009);

„Ein halbes Leben“ (2008);
„Silentium“ (2004);

„Komm, süßer Tod“ (2000);

„Indien“ (1993)

(Auswahl)

Kategorien: August 2012