UNTERWASSERBALLETT

Galatée films/Pascal Kobeh

Galatée films/Pascal Kobeh

Es ist ein Filmprojekt der Superlative: drei Jahre Vorbereitung, vier Jahre Dreh, ein riesiges Filmteam aus Kameraleuten, Ingenieuren, Wissenschaftlern und Tauchern sowie ein Budget von 58 Millionen Euro. In mehr als 490 Filmstunden liefern die Filmemacher Jacques Perrin und Jacques Cluzaud einzigartige Aufnahmen von über 200 Arten aus unseren Weltmeeren – von der Arktis bis zur Antarktis. Die vierteilige Dokureihe ist das Folgeprojekt des Kinoerfolgs „Unsere Ozeane“ (2009) und versucht, das komplexe Ökosystem samt seiner Bewohner zu entschlüsseln. Das ARTE Magazin sprach mit Regisseur Jacques Perrin über tanzende Fische, zärtliche Walrosse und darüber, wie man einem Hai am besten gegenübertritt.

 

ARTE: Was bedeutet das Meer für Sie?
JACQUES PERRIN: Das Meer ist für mich ein Traum, eine Sehnsucht. Alles, was man dort erahnt, geht über unseren Horizont hinaus. Auch ist es heute zumindest zu großen Teilen der letzte wilde Lebensraum. Wenn man sich für kurze Zeit dort aufhalten kann, fühlt man sich unglaublich frei.
ARTE: Fühlen Sie sich im Wasser denn wohler als in der Luft oder auf dem Festland?
JACQUES PERRIN: (lacht) Ich bewege mich mit meiner Kamera vor allem gern an neuen Orten. In der Luft oder unter Wasser filmt es sich einfach anders. Um das Leben der Tiere in ihrem Milieu wirklich einfangen zu können, müssen innovative Techniken entwickelt werden. Nach der vierjährigen Arbeit an dem Film „Nomaden der Lüfte – Das Geheimnis der Zugvögel“ (2001) hatte ich Lust, im Wasser inmitten der Meeresbewohner zu drehen, mich als einer von ihnen zu fühlen. In bestimmten Momenten scheinen sie auf geheimnisvolle Weise wie in einem Ballett zu tanzen und dabei einer spektakulären Choreografie zu gehorchen. Kein Vergleich mit dem Anblick von Tieren auf Fotos, im Goldfischglas oder als Museumspräparate!
ARTE: Der Film „Unsere Ozeane“ lief 2009 sehr erfolgreich im Kino. Was unterscheidet die neue Dokureihe bei ARTE vom Kinofilm?
JACQUES PERRIN: Mit dem Kinofilm haben wir ein musikalisches Werk, eine Sinfonie geschaffen: Die Bilder laden zu einer Reise durch das Meer und zum Weiterträumen ein. Die TV-Dokureihe führt noch darüber hinaus, indem sie vermittelt, was Ökosysteme sind und wie sich Tiere an ihre vielfältige Umgebung anpassen – von der Tiefseefauna bis zu den Tieren im Sand, in den submarinen Algenwäldern oder im Reich der Korallen.

 

„Die Fische tanzen wie in einem Ballett, folgen einer spektakulären Choreografie.“

ARTE: Wir begleiten Blauwale oder reisen mit Lachsen von den Ozeanen zurück zu ihrem Ursprungsort in den Flüssen. An wie vielen Orten haben Sie genau gedreht?
JACQUES PERRIN: Wir waren in über 50 Ländern und Küstengebieten unterwegs und haben in rund 100 verschiedenen Milieus gedreht – in tropischen wie äquatorialen Gewässern, in gemäßigten Klimazonen und in den Polarmeeren.
ARTE: Hat Sie ein Ort besonders fasziniert?
JACQUES PERRIN: Das war weniger ein Ort als eine Begegnung, und zwar jene mit den Tieren am Süd- und Nordpol. Dort sind die Expeditionen extrem lang. Sie dauern jedes Mal drei bis vier Monate. Dabei entdeckte ich, dass die Meeressäugetiere ihren Nachwuchs mit so viel Zärtlichkeit und Mutterliebe umhegen – einfach verblüffend! Mit der Rückkehr ins Wasser haben die Meeressäuger das Sozialverhalten ihrer Vorfahren auf dem Lande mitgenommen. Eine Walrossmutter, die ihr Junges mit den Flossen umschließt und an der Wasseroberfläche hält, ist ein herzergreifender Anblick. Beim Beobachten von Tieren kann man viel über sich selbst lernen.
ARTE: Mit Ihrer Art zu drehen taucht der Zuschauer regelrecht in die Ozeane ein, als teile er das Leben der Unterwassertiere. Wie haben Sie diese Vertrautheit hergestellt?
JACQUES PERRIN: Man muss das Meer kennen. Nur wenn man einen langen Weg mit den Tieren zurücklegt, kann man in ihre Kolonie, ihr Milieu eindringen. Wichtig sind auch ganz praktische Dinge: Sauerstoffflaschen, aus denen keine Luftblasen austreten, die die Tiere verstören. Und Flaschen, deren Luftvorrat lange vorhält, damit auch die Kameras lange laufen können. Annäherung, Gewöhnung und Drehstart – all das erfordert viel Zeit.
ARTE: Welche technischen Herausforderungen mussten Sie meistern?
JACQUES PERRIN: Mit unseren Beinen und Schwimmflossen konnten wir nicht mit der Geschwindigkeit der Tiere mithalten. Also mussten wir uns etwas ausdenken. Wir haben Spezialisten der französischen Marine und des Verteidigungsministeriums konsultiert, die für U-Boote und Raketen zuständig sind. Unsere Ingenieure haben daraufhin eine Digitalkamera auf einen Torpedo montiert, der von einem Boot mit hoher Geschwindigkeit durchs Wasser gezogen wurde. Bis zur Inbetriebnahme brauchten wir drei Jahre, da wir die Konstruktion erst stabilisieren mussten. Nur so konnten wir gleitende Aufnahmen hinbekommen, ohne dass die Kamera zu trudeln beginnt. Die Kamera filmte inmitten der Schwärme aus Sardinen und Thunfischen gewissermaßen als Fisch unter Fischen.
ARTE: In der Dokureihe ist auch ein jagender Haifisch zu sehen. Haben sich Kameraleute und Taucher für die Dreharbeiten in Gefahr begeben?
JACQUES PERRIN: Ich wollte nicht, dass François Sarano, auch ein ehemaliger wissenschaftlicher Berater Jacques Cousteaus, zu dem Hai hinabsteigt. Er redete so lange auf mich ein, bis ich dem Dreh schließlich zustimmte. Er hat das Verhalten der Haie studiert: Jeder kennt den Hai als Räuber der Meere und der Hai ist daran gewöhnt, dass alle vor ihm die Flucht ergreifen. Doch ein großer Denker ist er nicht, er reagiert eher instinktiv. Sobald man also ruhig in seiner Nähe bleibt und nicht flieht, ist er verunsichert, hält inne und schwimmt weg. Merken Sie sich also: Wenn Ihnen das nächste Mal ein Hai begegnet, müssen Sie jede plötzliche Bewegung vermeiden!

 

„Die Kamera filmte inmitten der Schwärme gewissermaßen als Fisch unter Fischen.“

ARTE: Ihre Filme sprechen das breite Publikum an. Sind sie auch wissenschaftlich anerkannt?
JACQUES PERRIN: Ohne Wissenschaftler kommt kein Film zustande. Wir haben uns in gewisser Weise gegenseitig bereichert. Für „Unsere Ozeane“ stand uns das Netzwerk „Census of Marine Life“ zur Seite, das 2.000 Wissenschaftler aus aller Welt vereint und 2010 nach zehnjähriger akribischer Forschung die erste Volkszählung in den Ozeanen abgeschlossen hatte. Die Forscher wissen viel mehr als wir, doch sind sie auf ihre Art blind. Während wir mit den Meerestieren schwimmen, deren Lebensräume teilen, studieren sie die Arten vom Bootsrand aus. Wir haben ihnen über 400 Stunden Filmmaterial für die Forschung überlassen.
ARTE: Verfolgen Sie mit Ihren Filmen auch ein politisches Anliegen?
JACQUES PERRIN: Es gibt immer weniger unberührtes Leben auf der Welt. Dabei ist das eine Bedingung für unser Wohlergehen. Heute merken die Menschen, dass sie das Ökosystem der Meere durch Überfischung und Verschmutzung stark beschädigt haben: durch verrücktes, kurzsichtiges Profitstreben! Ein Professor in unserem Team brachte es auf den Punkt: Nichts ist unmenschlicher als eine Welt, in der es nur Menschen gibt. Immerhin hat man die Problematik erkannt, NGOs und Verbände kämpfen für den Erhalt des Artenreichtums auf der Erde. Dass ein Umdenken erforderlich ist, wollen auch wir mit unseren Filmen zeigen. Dabei ist es wichtig, von den Bildern emotional angesprochen zu werden, nur so bringt man Menschen zum Handeln.
ARTE: Was haben Sie von diesen Dreharbeiten mitgenommen?
JACQUES PERRIN: Ich sehe die Welt jetzt vollkommen anders. Im Allgemeinen fürchtet sich der Mensch vor der Erde. Wenn ich Sie heute Nacht in einen Wald führe, bekommen Sie Angst. Alle haben Angst vor der natürlichen Umwelt, die uns eigentlich wiegen, erfüllen und lebendig halten müsste. Beim Drehen dieser Filme konnten wir uns in einem anderen, uns bis dahin unbekannten Milieu aufhalten und wohlfühlen. Dieser Film war keine Arbeit, sondern eine unglaubliche Bereicherung.

INTERVIEW: KRISTIN BARTHOLMESS FÜR DAS ARTE MAGAZIN

 

 

ARTE INTERVIEW

 

JACQUES PERRIN

1941 in Paris geboren, prägt Jacques Perrin seit Ende der 1950er Jahre die französische Filmlandschaft – als Schauspieler, Regisseur und Produzent

 

FILMOGRAFIE

 

Schauspieler:

„Eine fatale Entscheidung“ (2005);

„Cinema Paradiso“ (1989);

„Z“ (1969);

„Die Mädchen von Rochefort“ (1967);

 

Regisseur:

„Unsere Ozeane“ (2009);

„Nomaden der Lüfte – Das Geheimnis der Zugvögel“ (2001);

 

Produzent:

„Mikrokosmos – Das Volk der Gräser“ (1996);

„Das Volk der Affen“ (1989)

 

(Auswahl)

 

 

ARTE PLUS

 

ZUM WEITERLESEN

David Hettich: „Abenteuer Ozean. Geheimnisse der Weltmeere“ (National Geographic 2012);

Darlene Trew Crist/Gail Scowcroft/James M. Harding: „Schatzkammer Ozean: Volkszählung in den Weltmeeren“ (Spektrum Akademischer Verlag 2010);

Jacques Perrin „Unsere Ozeane: Das Buch zum Film – Der große Bildband“ (Knesebeck Verlag 2009);

Laurent Ballesta und Pierre Descamp „Planet Meer: Reise in die Unterwasserwelt“ (National Geographic 2007)

Kategorien: Juli 2012